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Familienplanung: Junge Frauen und Kinderwunsch – zwischen Lust auf Freiheit und unerfüllten Hoffnungen

Kinder sind das Größte auf der Welt – oder etwas nicht? Bei NEON berichten drei Frauen, was es für sie bedeutet, sich für oder gegen Nachwuchs entscheiden zu müssen.

Von Miriam Rath

Das mit den Kindern ist so eine Sache… Kinder zu bekommen ist der Sinn des Lebens, sagt man. Ein fester Bestandteil des Seins als Frau – eine Vervollständigung der Liebe zu einem Partner, das letzte Puzzlestück zum ganz großen Glück. Die Liebe zu seinem Kind sei anders und so viel stärker als die zu einem Mann. "Das musst du erleben, man kann das nicht beschreiben…", hat mir eine meiner Freundinnen gesagt. Aber ist das wirklich so?

Die 35-jährige Miriam versuch schwanger zu werden

Miriam ist Mitte 30 und will aktuell keine Kinder. Sie fragt sich, ob sie ihre Entscheidung später bereuen könnte.

Fangen wir mal mit mir an: Ich bin Mitte 30 und habe immer noch keinen Kinderwunsch. Ich halte mich selbst nicht für reif genug ein Kind großzuziehen. Warum? Weil ich keine Lust auf die Veränderungen habe, die Kinder unweigerlich mit sich bringen. Ich liebe meine Unabhängigkeit, die Freiheit zu tun und zu lassen, was ich will. Ein spontaner Trip nach Berlin, eine nette Feier bei Freunden, drei Stunden im Spa nur für mich. Ich habe einen tollen Partner an meiner Seite, den ich liebe, aber unser Leben ist, obwohl wir alt genug für Kinder wären, nicht länger als ein paar Monate planbar. Wir sind beide vollberufstätig, er studiert nebenher, ich illustriere und schreibe zusätzlich als Freelancerin.

Kinder bringen Veränderung - will ich das?

Was nächstes Jahr sein wird, wissen wir nicht. Wir leben von Moment zu Moment. Kinder passen da irgendwie nicht, noch nicht – so mein Gefühl. Ein Egoismus den ich später vielleicht einmal bereuen werde: dann wenn ich zu alt bin, um Kinder zu bekommen, mein Partner mich für eine Jüngere verlässt und ich allein in einem Seniorenheim vor mich hinvegetiere. Vielleicht, vielleicht aber auch nicht, was wäre gewesen wenn, richtig oder falsch… am Ende ist man immer schlauer.

Als ich letztens in der U-Bahn stand, drängte ich sich neben mir eine Frau mit Kinderwagen. Sie sah müde aus, etwas abgekämpft. Frieda, das kleine Mädchen auf ihrem Arm, war nicht gut drauf und quietscht in ohrenbetäubender Lautstärke, während sie mit ihren Händen eine angelutschte Brezel zerdrückte. Die Mutter wühlte mit der noch freien Hand in der Handtasche, die um den Griff des Kinderwagens gespannt war. Sie wirkte hektisch. Unbeschreibliches Glück? Sinn des Lebens? Mag sein, aber auch ganz schön anstrengend oder? Zwei Frauen haben mir ihre Geschichte erzählt.

Anni, 33, liebt ihre Kinder – und hat trotzdem das Gefühl, etwas verpasst zu haben

Für Anni ist Muttersein definitiv anstrengend. Die 33-Jährige ist geschieden und teilt sich mit ihrem Ex-Mann das Sorgerecht. Sie liebt ihr zwei Kinder sehr, einen Partner hat sie aktuell nicht. Wer will schon eine Frau mit zwei Kindern? Sie war 24 und frisch verheiratet als sie das erste Kind bekam. Wie schon ihre Mutter wollte auch sie in jungen Jahren Mutter werden. Ihr war klar, dass es Veränderungen, Einschränkungen und Anstrengungen mit sich bringen würde, was es aber in Gänze abverlangt, eine Mutter zu sein, lag damals außerhalb ihrer Vorstellungskraft.

Anni ist 33 und hat zwei Kinder

Die 33-jährige Anni ist mit 24 Jahren Mutter geworden. Heute hat sie manchmal das Gefühl, etwas verpasst zu haben.

Heute lebt Anni mit ihren Kindern in einer kleinen Vorstadt. Ihr Ex-Mann und sie haben sich für das Wechselmodel entschieden, weshalb die Kinder alle sieben Tage abwechselnd bei ihr oder dem Vater sind. Etwas beschämt gesteht sie, dass sie es genießt, alle zwei Wochen Zeit für sich zu haben. Sieben Tage in denen sie einfach nur sie selbst sein darf, eine junge Frau mit der Sehnsucht nach einer neuen Liebe und ungelebten Abenteuern. Wer wäre sie heute ohne Kinder? Hätte sie noch studiert, Karriere oder eine Weltreise gemacht? So sehr sie ihre Kinder auch liebt, das Gefühl im Leben etwas verpasst zu haben, kommt immer wieder. Während andere mit 24 Partys feierten, ihre Zukunft planten und ihr eigenes Leben frei und unabhängig lebten, war sie bereits Mutter und in der Verantwortung als solche gefangen. Sie wollte es nicht anders und niemand hatte sie dazu gezwungen, aber heute wünscht sie sich, sie hätte noch etwas gewartet.

Anni wünscht sich mehr im Leben, als Mutter sein

Die eigenen Bedürfnisse treten als Mutter unweigerlich in den Hintergrund. Eben warst du noch zu zweit und alles hat sich nur um einen selbst und die Partnerschaft gedreht und mit einem Mal ist da ein Kind, das volle Aufmerksamkeit fordert und rund um die Uhr Zeit beansprucht, erzählt mir Anni. Der ganze Tagesablauf dreht sich dann um diesen kleinen Menschen. Und irgendwo im Alltagsstress zwischen Berufsleben, Hort, Kinderarzt und Gute-Nacht-Geschichte, hätten sie und ihr Mann sich verloren, erzählt Anni. Wahrscheinlich wäre die Beziehung auch ohne Kinder irgendwann in die Brüche gegangen, aber die wenige Zeit, die neben all dem füreinander übrig blieb, stellte die Beziehung schon sehr bald auf die Zerreißprobe. Zwei Jahre nach der Geburt des zweiten Kindes kam dann die Scheidung.

"Kinder sind etwas Wunderbares, aber sie bringen auch sehr viel Verzicht mit sich," sagt sie heute. Viele verurteilen die junge Mutter für diese Ehrlichkeit, denn das größte Glück einer Frau seien doch nun mal eigenen Kinder. So hat das zu sein, so war es schon immer. Für Anni jedoch gibt es noch einiges, was sie sich außerhalb des Mutterseins in ihrem Leben wünscht, wenngleich sie sich damit abgefunden hat, dass sich vieles nur mit ausreichend Planung oder erst in ein paar Jahren realisieren lässt. Und vielleicht findet sich ja doch ein toleranter Partner, für den eine Frau mit zwei Kindern kein KO-Kriterium bei der Partnerwahl ist.

Eva, 35: Wenn der Kinderwunsch zur Belastungsprobe wird

Eva ist 35, hat viel gesehen von der Welt, ist glücklich verheiratet und liebt ihren Job als Pädagogin - ein fast perfektes Leben. Nur mit dem Kinderkriegen will es einfach nicht klappen. Dabei schien alles so einfach, als sie und ihr Partner vor drei Jahren beschlossen, dass es Zeit für den nächsten Schritt sei. Einfach auf die Verhütung verzichten und es darauf ankommen lassen. Ganz ohne Eile - alles kann, nichts muss. Als nichts passierte, wunderte sie sich dann doch. Sie versuchte es mit einer App zum Messen der fruchtbaren Tage und diverse Hausmittelchen und Tees zur Unterstützung. Ohne Erfolg, eine Schwangerschaft blieb weiter aus.

Der Wunsch nach einem Kind wurde zum Dauerthema, auch außerhalb des Schlafzimmers. Obwohl ein Jahr Wartezeit nichts Seltenes ist, wuchsen mit jedem Monat, mit jeder Periode die Zweifel und der Druck. Was ist, wenn es niemals klappen wird? Bin ich selbst schuld, weil ich zu lang gewartet habe? Ein Leben ohne Kind? Darüber hatte sie bis dato nie nachgedacht. Es war so klar und selbstverständlich, dass dann, wenn sie bereit für ein Kind sei, auch schnell schwanger werden würde. Körperlich gesund sind sowohl sie als auch ihr Partner. Warum es dennoch nicht klappt, konnte ihnen auch der Arzt nicht sagen. "Man denkt man hätte ewig Zeit, lebt vor sich hin und ehe man sich versieht ist man Mitte 30 und das was sonst als Unfall mal eben so passiert, wird zur schwierigsten Sache der Welt," sagt Eva desillusioniert.

Eva redet mit ihren Freunden kaum noch über das Thema

Mittlerweile sind weitere zwei Jahre voller Hoffnung und Enttäuschung vergangen und mit ihnen etliche Besuche in der Kinderwunsch-Klinik. Außerhalb des engeren Freundeskreises redet Eva nur ungern über das Thema, obwohl sie inzwischen viele Fälle kennt und weiß, dass sie nicht die einzige mit einem unerfüllten Kinderwunsch ist.

"Als Frau zu wissen, dass man vielleicht nie eigene Kinder haben wird, ist nicht nur traurig, sondern auch auf eine Art beschämend. Man fühlt sich unvollständig und irgendwie im Frau-Sein gekränkt. Es ist einfach ein Unterschied, ob man sich bewusst gegen ein Kind entscheidet oder einem die Entscheidung abgenommen wird. Da kann es schon mal passieren, dass man mit neidischem Blick auf schwangere Bäuche schielt und Müttern mit missgünstigen Gedanken begegnet," schildert Eva. 

Im Leben sollten die schönen Momente überwiegen

Dass sie und ihr Partner die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben und nach wie vor gemeinsam durch diese schwierige Zeit gehen, ist nicht selbstverständlich. Viele Partnerschaften überstehen eine solche Belastung nicht, vor allem wenn der Kinderwunsch zwischen den Partnern unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Für Eva wäre das Muttersein die Erfüllung ihres lang gehegten Kinderwunsches, aber auch das Ende einer körperlich wie seelisch anstrengenden Zeit voller Hoffen und Bangen. Dass auch das Mutterglück seine Schattenseiten mit sich bringt, ist ihr bewusst, jedoch wäre der Verzicht auf diese Erfahrung für Eva das weit größere Übel.

Das mit den Kindern ist eben so eine Sache. Für die einen sind sie ein Bestandteil des Frau-Seins, für andere bedeuten sie trotz bedingungsloser Liebe Verzicht und das Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse. Keiner kann dir sagen, wie es am Ende für dich selbst sein wird Mutter zu sein – und wie sehr dich die Rolle als Mutter erfüllen wird. Großes Glück, ernüchternde Realität oder irgendwas dazwischen? Im Zweifel überwiegen dann hoffentlich die schönen Momente im Leben – mit oder ohne Kind.

NEON: Bin ich schön?