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PCO-Syndrom: Ein Jahr ohne Menstruation: Warum ich vielleicht nicht schwanger werden kann

Etwa eine Million Frauen in Deutschland leiden am Polyzystische Ovarsyndrom, einer Hormonstörung, die eine Ursache von Unfruchtbarkeit sein kann. Auch unsere Autorin gehört dazu und findet: Wir sollten kritischer nachfragen und offener sprechen, wenn es um unseren Körper geht.

PCO-Syndrom

Etwa eine Million Frauen in Deutschland leiden am PCO-Syndrom, einer Hormonstörung, die eine Ursache von Unfruchtbarkeit sein kann. Auch unsere Autorin gehört dazu.

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Vor knapp vier Jahren habe ich mich entschieden, die Pille abzusetzen. In dieser Zeit begannen immer mehr Frauen in meinem Freundeskreis, aber auch online auf Facebook, Instagram und Co., hormonelle Verhütung zu hinterfragen. Viele meiner Freundinnen hatten mir euphorisch von dem Gefühl vorgeschwärmt, nicht mehr durch fremde Hormone bestimmt zu sein und den eigenen Körper endlich besser zu verstehen. Also las ich Blogs und Erfahrungsberichte über das, was mich erwarten würde, sprach mit meiner Frauenärztin und hörte schließlich auf, die Pille zu nehmen. Ich war gefasst auf fettige Haare, schlechtere Haut und dass meine Tage erst einmal ausbleiben oder recht unregelmäßig kommen würden. Schließlich braucht jeder Körper unterschiedlich lange Zeit, um sich umzustellen. Doch meine Tage kamen nicht.

Ein Jahr ohne Menstruation

Ein Jahr lang ohne Periode, das klingt für viele Frauen erst einmal traumhaft: keine biologisch begründeten Unterleibsschmerzen, weniger Stimmungsschwankungen. Nach einer gewissen Zeit ist dieser Zustand (wenn man nicht schwanger ist oder war) aber sehr beängstigend. Außerdem steigerte sich meine schlechte Haut zu einer Akne, die ihresgleichen suchte und für mich zur psychischen Belastungsprobe wurde. Irgendwann verließ ich nicht mehr ungeschminkt das Haus. Ich trank Kinderwunschtee und nahm Mönchspfeffer, um meinen Eisprung natürlich in Gang zu bringen, ernährte mich gesund – nichts half. Schließlich ging ich zur Frauenärztin und sie diagnostizierte PCOS.

Man geht davon aus, dass in Deutschland zwischen fünf und zehn Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter unter dem sogenannten Polyzystische Ovarsyndrom, kurz PCOS, leiden. Grob gesagt ist das Ganze eine Störung des Hormonkreislaufs, bei der zu viele männliche Hormone vorliegen. Der komplizierte Name kommt von unreifen Eizellen, die als kleine Bläschen an den Eierstöcken vorliegen, den sogenannten polyzystischen Ovarien (PCO). Die Krankheit charakterisiert sich anhand von drei typischen Symptome: Zyklusstörungen, Zeichen erhöhter männlicher Hormone wie Akne oder vermehrte Behaarung und eben polyziystische Eierstöcke. Treffen zwei dieser drei Symptome zu, spricht man von PCOS – das heißt, auch ohne polyziystische Ovarien kann man PCOS haben. Bei mir trafen alle drei Symptome zu, wie sich nach einem Ultraschall bei der Frauenärztin herausstellte.

Übergewicht und Insulinresistenz

Wie die Krankheit entsteht, ist nicht abschließend geklärt – jedoch spielen einerseits die Gene und andererseits bestimmte Risikofaktoren eine Rolle. "Das PCO-Syndrom wird zunehmend häufiger diagnostiziert", sagt Prof. Dr. Kai Bühling, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe und Leiter der Hormonsprechstunde am UKE Hamburg. Verantwortlich dafür sei vermehrte Aufmerksamkeit für die Erkrankung, aber auch die Zunahme von Übergewicht in der Gesellschaft. "Übergewicht führt zu höheren Insulinwerten (das ist das Hormon, was den Blutzucker senkt) und dieses Insulin stimuliert direkt im Eierstock die Bildung der männlichen Hormone", erklärt der Professor.

Problematisch ist eine Insulinresistenz, unter der auch normalgewichtige Patientinnen leiden können: Das Hormon Insulin sendet ein Signal an den Körper, Zucker aus dem Blut aufzunehmen. Ist dieser Prozess aber gestört, produziert der Körper mehr Insulin – und das wiederum führt zur Stimulierung des Eierstocks und zur vermehrten Produktion männlicher Hormone. Ein Teufelskreis: Denn im Eierstock werden männliche Hormone gebildet, die die Vorstufe der weiblichen Hormone sind. Doch bei zu vielen männlichen Hormonen kommt der Eierstock irgendwann nicht mehr hinterher. So gelangen mehr männliche Hormone ins Blut als normal, was die Reifung der Eibläschen und den Eisprung beeinträchtigt. Es kommt zu einer Zyklusstörung und die Tage bleiben aus.

Warum habe ich nichts gemerkt?

Aber warum hatte ich davon nichts gemerkt? Schließlich blute ich seit meinem elften Lebensjahr jeden Monat vor mich hin – mehr oder weniger regelmäßig. "Es kann gut sein, dass man PCOS erst später entwickelt", bestätigt mir Bühling. Und in meinem Fall kam auch ein weiterer Faktor hinzu: die Pille. "Viele Frauen nehmen die Pille ein, die die Symptome sehr gut verdeckt." Denn damit erscheint der Zyklus regelmäßig, obwohl er das eigentlich nicht ist. "Unter der Pille gibt es keinen Zyklus. Der Eisprung wird unterdrückt, die Blutung tritt nur durch die Pillenpause auf", sagt der Experte. Stattdessen wird unter der Pille die Hormonproduktion einfach heruntergefahren, wodurch weniger männliche Hormone gebildet werden – die die Ursache von PCOS sind. "Wird die Pille nun abgesetzt, werden die Zyklen plötzlich unregelmäßig und Haut und Haare durch die nun steigende Bildung männlicher Hormone schlechter." Meine Geschichte in Kurzform sozusagen.

Doch dieser Zusammenhang war mir bis zu dem Punkt gar nicht klar. Ich sah nur die Akne in meinem Gesicht, die endlich verschwinden sollte und ich wollte eine Regelmäßigkeit in meinem Körper zurück. Meine Frauenärztin riet mir, abzuwarten – oder die Pille wieder einzunehmen. Eine recht üblich Behandlung, laut Bühling: "Hat die Patientin Akne oder Haarausfall, versucht man die Eierstöcke ruhig zu stellen. Das gelingt am besten mit einer Pille."

Kann ich noch Kinder bekommen?

Meine Akne würde also verschwinden – aber plötzlich stand ein ganz anderes Thema im Raum. Kann ich überhaupt Kinder bekommen? Denn ein ausbleibender Einsprung heißt schließlich auch, dass keine Eizellen zum Befruchten da sind. "Natürlich können PCOS-Patientinnen schwanger werden", sagt Bühling. "Aber wenn eine Frau nur fünf Mal jährlich einen Eisprung hat - normal sind zwöf bis dreizehn mal - ist die Chance eben weniger als halbiert. In vielen Fällen gelangt man aber bereits mit einer leichten Stimulation der Eierstöcke zum Eisprung und dann auch zu einer Schwangerschaft." Verhüten sollten PCOS-Patienten übrigens trotzdem, denn spontane Schwangerschaften kommen gar nicht mal so selten vor.

Ich nahm also wieder die Pille, doch mit der Einnahme löste sich nur ein klinisches Symptom und eine Auswirkung vom PCO-Syndrom, nämlich meine Akne – die Ursache behandelte das Ganze nicht. Damals beließ ich es dabei, denn ehrlich gesagt war ich einfach nur froh, dem psychischen Druck entflohen zu sein. Ich fühlte mich wieder "normal" mit einem, wenn auch von der Pille gesteuerten "Zyklus" und ohne auszusehen, wie mein 16-jähriges Ich.

 

Diagnose PCOS: Ich bin überfordert

Vier Jahre später recherchiere ich für diesen Artikel und fühle mich plötzlich überfordert – denn neben der Tatsache, dass ich wahrscheinlich medizinische Unterstützung brauche, um Kinder zu bekommen, gehen mit PCOS noch andere Risikofaktoren einher. Studien zeigen Zusammenhänge von PCO mit dem sogenannten Metabolischen Syndrom. Es fasst im wesentlichen verschiedene Krankheiten und Risikofaktoren für Herz- und Kreislauferkrankungen zusammen. Dazu gehören: Übergewichtigkeit, Zuckerverwertungsstörung, Blutfettwerterhöhung und Bluthochdruck. Bei mir lässt sich die klassische Ursache Übergewicht ausschließen (zumindest laut BMI bin ich absolut im Normalgewicht). Über die anderen Möglichkeiten hat mit mir jedoch niemand gesprochen.

Eine Tatsache, mit der ich nicht allein bin, wie mir Kerstin Futterer von "PCOS Selbsthilfe Deutschland e.V." sagt: "Es ist leider sehr üblich, dass Frauen sich nicht gut informiert fühlen." Viele würden von ihren Ärzten gar nicht gesagt bekommen, woran sie eigentlich erkrankt sind. "Oder ganz nebenbei bekommt man plötzlich erzählt, dass man keine Kinder bekommen kann." Daher will der Selbsthilfeverein auch Ärzte im Umgang mit Patientinnen schulen. "Man kann ja auch sagen: Das wird nicht leicht mit dem Kinderwunsch – aber das bekommen wir hin." Vor diesem Problem stand ich zum Glück nicht, denn meine Ärztin war sehr zuversichtlich, was meine Sorge ums Kinderkriegen anging. Vielleicht auch ein Grund, warum ich nicht weiter nachgefragt habe.

PCOS und die Pille – muss das sein?

Bisher war ich bei zwei Frauenärztinnen und bekam die Diagnose PCOS – und beide empfahlen mir lediglich die Pille. Aber die ist gar nicht unbedingt das Mittel der Wahl: "Eine Pille ist nicht zwingend notwendig, zumal diese ja auch durchaus mit (geringen) Risiken behaftet ist. Über die Pille wird auch keine Regulation der Blutung vorgenommen, sondern es wird eine ‘kosmetische Blutung‘ gemacht. Diese zeigt aber keineswegs an, dass alles normal ist, sondern überdeckt nur die Symptome", sagt Bühling. Heilen im eigentlichen Sinne lässt sich PCO zwar nicht, aber die meisten Symptome kann man gut behandeln und das Syndrom kann sogar vollständig verschwinden. So können Frauen mit Übergewicht in erster Linie versuchen abzunehmen, um ihren Stoffwechsel zu normalisieren; gesunde Ernährung und Sport sind für alle Patientinnen ratsam. Sind andere Faktoren wie zum Beispiel eine Erkrankung der Eierstöcke das Problem, müssen diese natürlich gesondert behandelt werden.

Aber warum fühle ich mich mit der Diagnose PCOS so alleine – obwohl ich eine von einer Million Betroffenen in Deutschland bin? Hat PCOS eine so kleine Lobby oder ist es medizinisch nicht interessant genug? Kerstin Futterer vom PCOS-Selbsthilfeverein hat eine andere Begründung: "Ich denke, es ist einfach so, dass Frauen nicht so gern über dieses Thema sprechen", sagt sie. Übermäßiger Haarwuchs, das Ausbleiben der Periode, die Störung der Fruchtbarkeit – das führe dazu, dass Frauen sich nicht mehr fraulich fühlen würden. "Bei uns rufen ganz unterschiedliche Frauen an. Manche sind jung, andere sind schon durch die Wechseljahre hindurch. Manchmal rufen sogar die Partner an, weil sich die betroffenen Frauen nicht trauen." Aus Sicht des Mediziners Bühling neigen Ärzte teilweise eher vorschnell dazu, PCOS zu diagnostizieren: "Es gibt schon einige Informationen, nur sind die nicht alle richtig oder zum Teil auch reißerisch." Wichtig sei vor allem, die Patientinnen über die Zusammenhänge der Krankheit aufzuklären.

Was tun? Darüber sprechen!

Fakt scheint zu sein: Viele Frauen bekommen mittlerweile die Diagnose PCOS, fühlen sich aber schlecht aufgeklärt – den Eindruck bekomme ich zumindest beim Blick in zahlreiche Facebook-Gruppen zum Thema. Und auch mir ging es bis vor kurzem so. Fakt ist aber auch: Viele Frauen sprechen zu wenig über Themen, die sie und ihren Körper betreffen. Weil sie sich nicht wohlfühlen mit dem eigenen Körper, weil sie Angst haben vor den gesellschaftlichen Reaktionen, vielleicht sogar vor abneigenden Reaktionen vom eigenen Partner. Für mich fühlt es sich in Ordnung an, darüber zu sprechen, dass ich vielleicht Probleme haben werde, schwanger zu werden – doch ich habe auch keine Oma, die ständig in Erfahrung bringen will, wann jetzt der Nachwuchs kommt oder einen Partner, der möglichst bald Vater werden möchte.

Was kann man also tun? Nachfragen – und zwar beim Experten und am besten mehrfach. Ich habe vor vier Jahren die für mich einfachste Lösung akzeptiert, weil die psychische Belastung für mich in erster Linie der ausschlaggebende Faktor war. Heute würde ich mehr wissen wollen. Und wir sollten darüber sprechen. Vielleicht nicht mit den Kollegen, aber mit der Mutter oder der besten Freundin und mit dem Partner. Wenn das keine Option ist, bleiben immer noch Selbsthilfegruppen – on- und offline.

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