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Heimatliebe : Heimweh 2.0: "Das Gefühl, zu Hause zu sein, hängt von den Menschen ab"

"Es fühlt sich an, als ob er Schluss gemacht hat. Wie der erste offizielle Auszug von zu Hause. Wie das Heimweh, das wir im Landschulheim hatten." Unsere Autorin erklärt, wieso Heimweh nichts mit dem Ort zu tun hat, sondern vielmehr mit den Menschen. 

Von NEON-Community-Mitglied Mirjam B.

Hand von Frau am Fenster

Unsere Autorin beschreibt das Gefühl, wie es ist jemanden zu vermissen: "Es fühlt sich an, wie eine Art Heimweh" (Symbolbild)

Unsplash

Ich sitze auf dem hellen Laminatboden in meiner Ein-Zimmer-Wohnung und mir laufen die Tränen über das Gesicht. Leise schluchzend sortiere ich die Wäsche, um mich von der Tatsache abzulenken, dass du weg bist. Es fühlt sich so an, als ob du vor einer Stunde mit mir Schluss gemacht hättest. Nicht, als ob du einfach nur in den Zug Richtung Flughafen Frankfurt gestiegen bist. Mit diesem Gefühl produziere ich also weiter Kleiderhäufchen.

Das letze Mal habe ich mich so mies gefühlt, als ich ausgezogen bin

Dann wird mir schlagartig klar, wann ich mich das letzte Mal so mies gefühlt habe wie jetzt, wo du nicht da bist: Es war, als die Tür des Aufzugs sich geschlossen hat. Das Gesicht meiner Mutter verschwindet Stück für Stück. Mir wird bewusst, dass ich gerade ganz offiziell ausgezogen bin. Nun stehe ich allein in dem Zwischengang, der mich nur noch durch eine Tür von meiner neuen Wohnung trennt. Ich versuche angestrengt, die Tränen, die drohen meine Wangen herunterzulaufen, zurückzuhalten. Jetzt nicht. Ich möchte jetzt nicht weinen. Ich möchte stark sein und mich freuen, dass ich endlich meine eigenen vier Wände habe. Meine eigenen vier Wände, in denen ich tun und lassen kann, was ich will.

Meine erste Tat, die ich vollbringe, ist aufräumen. Irgendwas muss ich schließlich tun, jetzt da ich die Verantwortliche für jegliches Chaos bin und meine Wohnung aussieht, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Aber seien wir ehrlich: Eine ordentliche Wohnung ist nicht mein wirkliches Ziel. Vielmehr versuche ich mich davon abzulenken, dass ich alleine bin. Das Aufräumen sorgt lediglich dafür, dass die harte Faktenlage nicht sofort in meinem Gehirn ankommt und in meinem Bewusstsein ihr Unheil anrichtet.

Es fühlt sich an wie eine Art Heimweh

Je übersichtlicher und ordentlicher das Chaos in meiner Wohnung wird, desto mehr dringt ein ganz seltsames Gefühl zu mir durch. Es fühlt sich ein wenig so an wie Heimweh. Die Art Heimweh, die man früher hatte, wenn man in der fünften Klasse in das Landschulheim gefahren ist und das erste Mal so richtig lange weg von zu Hause war. Etwas verunsichert. Etwas hilflos. Etwas traurig. Etwas ängstlich. Etwas wehmütig.

Genau so, nur in einer viel schmerzhafteren Art, empfinde ich das neue Gefühl, welches mich jetzt ergreift. Eine Art Heimweh 2.0. Es fühlt sich an, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggerissen. Mir etwas genommen, das ich liebe. Es fühlt sich viel existenzieller an. Viel bedrohlicher. Dann ist es so weit. Ich weine Rotz und Wasser und höre gar nicht mehr auf. Der Entschluss ist gefasst: Ich fahre noch einmal nach Hause und verbringe den letzten Tag bevor die Uni anfängt in meinem alten Kinderzimmer. Zusammen mit meinen Eltern.

Es wie Heimweh

Ein Häufchen helle Wäsche, ein Häufchen bunte Wäsche, ein Häufchen Handtücher. Der Anblick unserer immer noch nassen Kleidung vom vorigen Abend macht mich wieder traurig. Sofort habe ich die Bilder im Kopf, wie wir durch den strömenden Regen gerannt sind. Lachend, fluchend – aber vor allem glücklich.

Und damit kommt die Moral von der Geschicht': Das Gefühl, zu Hause zu sein, ist nicht an einen Ort gebunden. Das Gefühl, zu Hause zu sein, hängt von den Menschen ab. Du bist der erste Mensch in meinem Leben, bei dem ich das Gefühl habe, genau das zu sein: zu Hause. Angekommen. Was ich im Moment empfinde, ist nichts anderes als Heimweh. Heimweh nach dir.

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