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Ein Düsseldorfer im Exil: Warum ich an Karneval Heimweh bekomme - obwohl ich diese fünf Tage früher schrecklich fand

Der Straßenkarneval hat begonnen, an Rhein und Main herrscht für fünf Tage der Ausnahmezustand. Wer wie unser Autor aus der Region kommt, aber dort nicht mehr lebt, hat deshalb ein langes Wochenende voller Heimweh.

Karneval in Düsseldorf

Ausnahmezustand im Rheinland: Jecken spielen an Weiberfastnacht das Trinkspiel Bier Pong

Es ist wieder so weit: Für fünf Tage werden -Feed und Whatsapp-Verlauf auf meinem Handy nicht wiederzuerkennen sein. Im Minutentakt werden dort Fotos und Videos einlaufen, auf denen meine Freunde in komischen Kostümen zu sehen sind, sich schunkelnd in den Armen liegen, singend in Menschenmassen stehen und vor allem auf jedem einzelnen Bild über das ganze Gesicht strahlen.

Der Grund: In meiner Heimatstadt Düsseldorf – und der ganzen Rhein-Main-Region um sie herum – hat der Straßenkarneval begonnen. Für viele meiner Freunde, Verwandten und Bekannten bedeutet das ein im Ausnahmezustand. Für mich, der das Treiben seit zehn Jahren meistens aus 400 Kilometern Entfernung im Exil meiner Hamburger Wahlheimat verfolgen muss, bedeutet das vor allem heftiges Heimweh.

Karneval: Nicht nur Narren lassen sich mitreißen

Das hat weniger mit der Karnevalskultur an sich zu tun. Ich war auch zu Düsseldorfer Zeiten nie besonders närrisch, habe keine Sitzungen besucht oder ab dem 11. November um 11.11 Uhr die Tage gezählt, bis an Altweiber endlich alles eskaliert. Aber ich weiß, was die fünfte Jahreszeit vom heutigen Donnerstag bis Aschermittwoch den Menschen dort bedeutet, wie das öffentliche Leben zeitweise zum Erliegen kommt und sich nicht nur die Jecken davon bedingungslos mitreißen lassen.

Das ist nämlich der entscheidende Punkt: Ich komme nicht aus einer Karnevalsfamilie, meine Freunde und ich fanden das närrische Gebaren noch zu Teenagerzeiten vor allem peinlich. Wenn wir uns damals am Karnevalswochenende doch mal in die Altstadt verirrten, haben wir wie durch einen Filter nur die negativen Auswüchse der Massenfeierei wahrgenommen: den Müll, die besinnungslosen Besoffenen, die fürchterliche Musik und die gelegentlichen Schlägereien. Keine Frage, dass Feingeister in diesen Tagen beide Augen zudrücken müssen: So kreativ manche Kostüme sind – wer gesteigerten Wert auf ästhetische Anblicke legt, ist im Rheinland dieser Tage am falschen Ort.

Eine Vagina-Maske und ein Karnevalskostüm mit Riesen-Penis


Und trotzdem weiß ich heute, wie wichtig Karneval sein kann. Immer wieder versuche ich es meinen Hamburger Freunden, die dem Brauch verständlicherweise eher fassungslos gegenüberstehen, zu erklären. Das Gemeinschaftsgefühl, das in diesen Tagen auf den Straßen von Düsseldorf, Köln oder Mainz entsteht, lässt sich vielleicht am ehesten mit der Atmosphäre auf einem Festival oder im Fußballstadion vergleichen – nur dass die Altersstruktur der Empfehlung eines guten Gesellschaftsspiels gleicht: Von neun bis 99 Jahren feiern alle Generationen mit.

Sie alle tanzen und singen zu merkwürdigen Songs über rote Pferde, längste Theken und Karawanen, die weiterziehen – Songs, die sie in ihrer Freizeit an den anderen 360 Tagen des Jahres vielleicht eher nicht hören, die sie an diesem Wochenende aber dazu verleiten, den Arm um den Nebenmann zu legen und ihm zu sagen, wie schön das Leben ist. Oder zumindest sein kann. ist auch immer ein bisschen Utopie.

"Es gehört zu einer gesunden Psyche dazu"

Der Kölner Psychotherapeut und Psychoanalytiker Hellfried Krusche erklärt im Interview mit dem "Kölner Stadt-Anzeiger", wie wichtig das närrische Erlebnis für die Seele sein kann: "Beim Tanzen kann ich meinen Impulsen folgen." Der Karneval sei eine wunderbare Möglichkeit, diesen Impulse, die in uns allen sind, freizugeben, ihnen Raum zu geben. "Das ist eine Kultur, die gibt es so in anderen Lebensbereichen kaum", so Krusche. Es gehöre zu einer gesunden Psyche dazu, ausgelassen Karneval feiern zu können.

Eine beruhigende Nachricht: In meiner Heimatstadt scheinen sich die Menschen heute also allesamt bester geistiger Gesundheit zu erfreuen, auch wenn neutrale Beobachter zu einem gegenteiligen Urteil kommen könnten. Ich versuche mir derweil über die Webcam, die das Geschehen am Düsseldorfer Rathausplatz live mitfilmt, ein bisschen von dem närrischen "Jeföhl" in den hohen Norden zu holen. Ein ziemlich erbärmlicher Versuch, der das echte Erlebnis natürlich nicht mal ansatzweise ersetzt. Genau so wenig wie die Fotos und Videos meiner Freunde. Im neusten Clip in meinem WhatsApp-chat singen sie, dass sie sich an Tagen wie diesen Unendlichkeit wünschen. Während ich mir an Tagen wie diesen nichts sehnlicher wünsche, als zuhause zu sein.