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Interview

"Darm mit Charme"-Autorin Enders: "Ich bekam fast Heimweh nach dem Darm"

Ihr Buch "Darm mit Charme" machte sie berühmt. Dann zog sich Giulia Enders aus der Öffentlichkeit zurück. Zum ersten Mal erzählt sie nun, wie sich ihr Leben verändert hat. Und was die Verdauung mit Trump zu tun hat.

Giulia Enders

Giulia Enders landete mit "Darme mit Charme" einen Bestseller. Dem stern erzählte sie nun, wie es mit ihr nach Riesenerfolg weiterging.

Frau Enders, Sie sehen so entspannt aus. Wo kommen Sie her?

Ich war gerade auf Lesereise in und habe am Ende noch zehn Tage drangehängt. Das war seit langer Zeit der erste Urlaub, und ich habe es sehr genossen! Auch wenn ich beim Schnorcheln dauernd gedacht habe: Die Seeanemonen sehen auch wie Darmzotten aus.

Ein akuter Fall von Darm-Besessenheit! In wie vielen Ländern ist Ihr Buch jetzt eigentlich erschienen?

Ich glaube, es sind 40. Am Anfang habe ich das noch genau verfolgt, aber mittlerweile beschäftige ich mich nicht mehr so sehr damit.

Haben Sie Ihr Studium inzwischen abgeschlossen?

Ich bin gerade fertig geworden. Insgesamt zwar ein Jahr später als meine Freunde, aber besser als nie. Ich mache jetzt meine Doktorarbeit fertig, und dann suche ich mir irgendwo in Deutschland eine Stelle als Assistenzärztin, um meinen Facharzt in Gastroenterologie zu machen.

Wie lautet das Thema Ihrer Doktorarbeit?

Es geht darum, wie sich ein schädliches Bakterium an unseren Zellen festhält. Kann man das verhindern, ist es eine Alternative zu Antibiotika. Die Arbeit im Labor ist zwar nicht so witzig wie Lesereisen, aber wenn man etwas Neues herausfindet, ist das toll.


Sie haben trotz Ihres Buches nur ein Jahr länger fürs Studium gebraucht. Sind Sie eine Streberin?

Ich denke, ich war definitiv eine. Aber das hat sich geändert, seit ich mich mit dem Darm beschäftige. Da flog der unnötige Ehrgeiz weg von mir. Ich wusste: Das ist mein Ding. Das fasziniert mich. Darüber will ich alles wissen. Ich musste auf einmal nicht auch noch besonders gut in Augenheilkunde oder Orthopädie sein. Ich bin die für den Darm. Den Rest können andere machen.

Sie geben sich bescheiden, aber der Bucherfolg muss Ihr Leben doch total verändert haben.

Am Anfang schon – ich wurde auf einmal überhäuft mit E-Mails und Briefen, Angeboten und Einladungen. Irgendwann musste ich feststellen: Wenn ich mein Studium noch ordentlich zu Ende bringen will, kann ich das alles nicht beantworten und nicht überall hingehen.

Sie wollten kein Promi werden, der in Quizshows mitmacht.

Ich dachte: Jetzt haben genug Leute gehört, was ich sagen wollte. Nun reicht es.

Deshalb der Rückzug aus der Öffentlichkeit?

Das hatte noch einen anderen Grund. Ich hatte Sorge, dass ich zu seicht dahinlebe. Auf einer Lesereise wurde mir klar, dass ich nur noch über den Darm rede, aber nichts mehr dazulernte. Da dachte ich: Jetzt habe ich schon seit Wochen keinen echten Darm mehr gesehen. Ich bekam fast eine Art danach. Heimweh nach Konkretem.

Und dann?

Habe ich mich für eine klare Zeiteinteilung entschieden. Weiter im Studium und das Leben als Buchautorin auf ein Minimum runterfahren.

Jetzt gibt es trotzdem eine aktualisierte Neuauflage Ihres Darmbuches.

Aber mit nur einem neuen Zusatzteil, der mir aber wichtig ist. Ich beschränke mich hauptsächlich auf das Thema "Darm-Hirn-Verbindung" – und zwar bei Menschen. Vorher gab es fast nur Studien an Tieren. Es ist zwar cool, wenn man endlich weiß, wie man den Stress seiner Haustier-Maus verringern kann – aber letzten Endes wollen wir wissen: Was passiert bei uns Menschen, wenn es um unsere Laune, Stress oder depressive Verstimmungen geht?

Ich bin auch gestresst. Wie kann mein Darm da helfen?

Es gibt Bakteriencocktails, die im Darm einen nachhaltigen Effekt auf unsere Psyche haben. Keine plötzlichen Stimmungsumschwünge. Manchmal stellt sich die Wirkung erst Wochen nach der Einnahme ein. Aber es sind erste Schritte in einen spannenden Forschungsbereich. Womöglich können Psychobiotika bei der Vorbeugung und Behandlung von Depressionen helfen und...

Sie sind kaum zu stoppen. Das wird ein richtiger Vortrag.

Ich denke oft: Wenn sich mehr Leute mit dem Darm auskennen würden, würden wir vielleicht vieles – auch politische Themen – etwas anders sehen.

Zum Beispiel?

Ich frage mich manchmal, wenn ich neue Studien lese, ob die zunehmende Wut vieler Menschen und negative Gedanken nicht auch ein Stück weit daher kommen könnten, dass ihr Darm nicht im Gleichgewicht ist. Es gibt ernst zu nehmende Hinweise darauf, dass falsche oder fehlende Bakterien im Darm so eine Wirkung auf die Psyche haben können – oder zumindest solche Launen verstärken könnten.

War das möglicherweise der Grund für viele Amerikaner, Donald Trump zu wählen?

Sehr zugespitzt, aber eine interessante Sicht der Dinge, Trumps Erfolg mit dem Darm zu kombinieren. Vielleicht hatte so was zumindest einen kleinen Anteil daran, das ganze Fass so zum Überlaufen zu bringen.

Sie sind eine begeisterte Wissenschaftsvermittlerin.

Ich möchte, dass wir mehr über unseren Körper und seine Funktionsweise wissen. Wir alle sind einem Dauerfeuer von Informationen ausgesetzt, diskutieren über TV-Serien und posten dauernd News in sozialen Netzwerken. Aber über unser eigenes Innenleben wissen viele so wenig.

Warum ist Ihnen das so wichtig?

Ich habe gelernt, dass fehlendes Wissen bei Patienten häufig Angst auslöst. Zu helfen, das zu ändern, erfüllt mich sehr viel mehr, als etwa beim Einkaufen als Autorin erkannt zu werden.

Wie oft werden Sie auf der Straße angesprochen?

Das kann ich an fünf Fingern abzählen. Obwohl ich auf dem Cover meines Buches zu sehen bin, werde ich ziemlich selten erkannt.

Auch im Krankenhaus nicht?

Es ist schon vorgekommen, dass mir Ärzte mein eigenes Buch empfohlen haben.

Sie scherzen.

Nein. Das ist mal passiert. Einmal hat ein Chefarzt auch mitbekommen, dass ich ein Buch zum Thema "Magen und Darm" geschrieben habe. Und er fragte ganz skeptisch: Wie viele Seiten hat es denn? Und ich antwortete: über 200. Da war er zufrieden.

Ihm war nicht klar, dass es einer der Megabestseller der letzten 20 Jahre war?

Nee, und ich fand das erfrischend. Ich wäre auch die Letzte, die es ihm erzählt hätte.

Wahrscheinlich sind Sie die unerkannteste Prominente des Landes.

Damit kann ich gut leben. Sehr gut sogar. Viel besser ist, dass der Darm durch mich und meine Schwester, die die Illustrationen des Buches gemacht hat, zum Prominenten wurde. Darauf bin ich stolz. Das macht mir Freude.

Hatten Sie nicht auf einmal viele neue Freunde?

Meine Freunde sind immer noch die gleichen wie auch vor dem Buch. Ich bin vielleicht öfter von Kommilitonen auf Darm-Sachen angesprochen worden. Einmal war so ein schickes Mädchen auf einer Party, mit einer winzigen Handtasche, und als sie auf mich zukam, dachte ich nur: Über was könnten wir beide reden? Aber dann sagte sie: "Meine Oma hat so starke Verstopfungen!" Und das Eis war gebrochen. Der Darm ist da ein wirklich gutes Thema – man redet gleich über etwas sehr Menschliches. Ich mache das eigentlich immer gern und finde kaum Fragen nervig.

Sie sind doch sicherlich auch zu vielen Galas auf die roten Teppiche eingeladen worden?

Ich war einmal auf einer Gala in Wien. Alle hatten so schicke Ballkleider an, und es gab feine Häppchen. Dort habe ich auf der Bühne einen Preis bekommen und in meiner Dankesrede gesagt: "Wer hätte gedacht, dass man mit einem mutigen Blick durchs Arschloch bis nach Wien schauen kann." Die Reaktionen waren zweigeteilt.

Im Zusammenhang mit Ihrem Buch wird – gerade von meinen Journalistenkollegen – immer sehr gern gekalauert. "Es geht um die Wurst", schrieb mal die "Brigitte" über Ihr Werk. Auch ich wurde vor diesem Interview gefragt, ob ich das in Darmstadt oder Pforzheim mache. Stört Sie so was?

Lachen ist doch etwas Gutes. Ich finde es nur blöd, wenn der Fokus nur auf Klogeschichten und Kacken liegt. Das ist wichtig, aber nur ein kleiner Teil meines Buches. Ich wollte nicht einfach auf Tabus rumreiten, sondern vor allem einiges erzählen. Und zwar von einem Organ, über das erstaunlich viele sehr wenig wissen.

Was war das Absurdeste, das Sie jemals im Zusammenhang mit Ihrem Buch erlebt haben?

Bei einer Lesung habe ich von der Speiseröhre erzählt und dass man auch im Handstand schlucken kann – da hat eine Frau einfach einen Handstand gemacht und es ausprobiert! Und sie hat prima trinken können. Ich habe vor Begeisterung gequiekt. Abgefahren war auch eine Journalistin in Portugal – sie gestand mir, dass sie noch nie ihren eigenen Kot gesehen hatte! Ihre Mutter hatte ihr früh gesagt, dass das eklig sei. Nachdem sie das Buch gelesen hatte, hatte sie sich dann das erste Mal getraut, sich im Bad umzudrehen – mit Mitte 30. Das ist doch verrückt!

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Vielleicht bin ich dann zur Hälfte in der Forschung und zur Hälfte Ärztin.

Und? Wuseln dann zu Hause Kinder rum?

Wenn das klappt – gern. Ich bin gerade Tante geworden, und das fühlt sich schon mal sehr gut an.

Ich muss am Schluss noch einmal in die sprachlichen Niederungen. Alles fing an, als Sie einmal ein Mitstudent in Ihrer damaligen Wohngemeinschaft fragte: Giulia, wie geht kacken? Diese Frage wurde zur Initialzündung für Ihr Buch. Weiß der Mann, was er an gerichtet hat?

Klar – wir haben ja einige Jahre zusammengewohnt. Als er irgendwann mal wieder nach Frankfurt zu Besuch gekommen ist, haben wir zusammen gefeiert. Ich glaube, wir waren beide ziemlich stolz, was aus der Frage von damals geworden ist.

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