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NEON-Reihe #sexbewusst: Gibt es so etwas wie ein Lusthormon? Wie Hormone unser Sexleben beeinflussen

Gibt es so etwas wie ein Lusthormon? Und schütten Männer und Frauen beim Sex unterschiedliche Hormone aus? Und warum ist es Forschern bisher nicht gelungen, eine Lustpille zu entwickeln? NEON im Gespräch mit Kai Bühling, Hormonexperte und Facharzt für Frauenheilkunde in Hamburg. 

NEON-Reihe #sexbewusst: Das passiert beim Orgasmus in eurem Körper

NEON: Welche Hormone schütten Frauen beim Orgasmus aus?

Kai Bühling: Oxytocin spielt eine wesentliche Rolle. Es wird während des Sex und beim Orgasmus ausgeschüttet und oft als Kuschelhormon bezeichnet. Bei Frauen scheint es die Bindung zu erhöhen und auch bei Männern Treue zu fördern. Zumindest waren das die Ergebnisse einer Studie der Universität Bonn: Männer, denen vorher Oxytocin verabreicht wurde und die in einer Beziehung lebten, hielten einen größeren Körperabstand zu attraktiven Wissenschaftlerinnen als Männer aus der Kontrollgruppe ohne Oxytocin oder ohne Partnerin.

(Welche Faktoren noch Einfluss auf den Orgasmus haben und was dabei in den Genitalien passiert, erfahrt ihr in dem animierten Video oben.)

Gibt es nicht auch eine Studie, die besagt, dass Oxytocin Gefühle von Neid verstärkt? Wie passt das zum Kuschelhormon?

Das stimmt. Allerdings haben die Forscher darin nur Männer untersucht. Sie wollten herausfinden, welche Rolle Oxytocin auf Männer während des Glücksspiels hat. Das Ergebnis: Die Männer, die das Hormon verabreicht bekommen hatten, waren neidischer, wenn sie verloren.

Inwieweit kann man von solchen Experimenten generelle Schlussfolgerungen über die Wirkung von Hormonen auf unsere Gefühle ziehen?

Das ist in der Tat häufig eher Spekulation als Wissen. Die Fallzahlen sind meistens sehr klein. Außerdem ist die Messung schwierig: zerfallen sehr schnell, sodass man nur schwer den Spiegel bestimmen kann. Viele Hormone werden außerdem im Gehirn ausgeschüttet. Und dort ist die Messung momentan gar nicht möglich. 

Welche Hormone und Botenstoffe spielen neben Oxytocin beim Orgasmus noch eine Rolle?

Endorphine natürlich, das ist sehr naheliegend. Sie werden auch beim Sport und bei hoher körperlicher Aktivität ausgeschüttet. Sie wirken schmerzmindernd, und der Level sinkt nach dem schnell. Dopamin und Vasopressin spielen auch eine Rolle. Estradiol ist auch ein Hormon, das ich im Zusammenhang mit sexueller Erregung bei Frauen sehr spannend finde.

Warum?

Estradiol steigt bei sexueller Erregung stark an. Das ist interessant, weil es im Zyklus von Frauen auch schwankt. Vom letzten Tag der Periode bis zum Eisprung steigt es an, danach sinkt es wieder. Man geht davon aus, dass Frauen um ihren Eisprung herum mehr sexuelle Lust empfinden. Estradiol wird aus Testosteron gebildet. Forscher vermuten, dass Testosteron Einfluss auf die sexuelle Lust hat.

Seit Jahrzehnten suchen Wissenschaftler die Lustpille für die Frau – kann man Lust einfach auf ein paar Hormone herunterbrechen?

Nein, es klappt ja auch nicht. Alles, was bisher getestet wurde, hat versagt. Testosteron hat einen kleinen Effekt auf die Lust, aber entscheidend ist das nicht. Deshalb gibt es auch das Testosteron-Pflaster nicht mehr, das eine Zeitlang für einen bestimmten Patientinnenkreis als Mittel für mehr Lust verkauft wurde. Es gibt eben neben Hormonen sehr viele Faktoren, die Lust beeinflussen: die Beziehung, das Setting, der Stress im Alltag und vieles mehr.

Über den weiblichen Orgasmus gibt es viele Mythen. In diesem Video erfahrt ihr, wie drei von ihnen entstanden sind: 

Klitoral, vaginal, egal?: Diese 3 Orgasmusmythen könnt ihr getrost vergessen

Schütten Frauen und Männer unterschiedliche Hormone während des Orgasmus aus?

Das wird diskutiert. Die -Werte sind bei Frauen etwas höher. Aber im Großen und Ganzen geht man davon aus, dass es kaum wesentliche Unterschiede beim Orgasmus gibt.

Können Hormone unser Verhalten auf die Dauer beeinflussen?

Das könnte sein. Ich erzähle bei Vorlesungen sehr oft vom "Hamstermodell". In einem Experiment haben Wissenschaftler Hamster verglichen, die ihren Nachwuchs biparental, also mit zwei Elternteilen, und monoparental, nur mit der Mutter, großziehen. Diese zwei unterschiedlichen Gruppen von Tieren sind sich genetisch sehr ähnlich. Die Forscher haben nach den Unterschieden geforscht: Das Hormon Prolaktin unterschied sich in der Menge bei ihnen. Der Prolaktin-Spiegel der männlichen Tiere war bei den Hamstern höher, die sich gemeinsam um den Nachwuchs kümmerten. Diese Männchen hatten außerdem einen niedrigeren Testosteron-Spiegel als die männlichen Tiere der Hamstergruppe, die sich nicht um den Nachwuchs kümmerten. Wir wissen, dass Prolaktin Testosteron senkt.

Bei Menschen wurden übrigens ähnliche Beobachtungen gemacht. Nach der Geburt eines Kindes steigt der Prolaktin-Spiegel bei Männern an, und Testosteron nimmt ab. 

Prolaktin ist also auch eine Art Bindungshormon?

Ja, es gibt auch ein weiteres Experiment, das ich sehr spannend finde. Das wurde bei einem Geburtsvorbereitungskurs durchgeführt. Die werdenden Väter erhielten eine Puppe, an der ihnen einige Dinge erklärt wurden. Danach sollten sie einen Fragebogen ausfüllen. Eigentlich wurde bei dem Experiment aber beobachtet, wie lange die die Puppe beim Ausfüllen der Fragen in der Hand behielten. Diejenigen mit einem höheren Prolaktin-Spiegel hielten die Puppe länger in der Hand.

NEON-Reihe #sexbewusst: Sex aus Sicht eines Hirnforschers: "Orgasmus ist wie Niesen"


Sind wir unseren Hormonen also ausgeliefert?

Ich denke schon, dass wir das sind. Ja, wir haben unser Großhirn, über das wir uns steuern können. Aber was man empfindet und wie man empfindet, dabei spielen hormonelle Faktoren eine große Rolle. Auch wenn das manchen Menschen vielleicht nicht gefällt.

Wie meinen Sie das?

Manche glauben, die Menschheit sei das Ende der Schöpfungskette. Ich denke: Falls es es ein Ende der Schöpfungskette überhaupt gibt, sind wir davon sehr weit entfernt. Viele wehren sich gegen die hormonelle Steuerung. Es gibt ein Feld, in dem es heute zum Beispiel sehr schwierig ist, Forschung zu betreiben. Das ist der Bereich oder Geschlechtsidentität und was Hormone damit zu tun haben. Da traut sich momentan niemand so richtig ran.

Gibt es nicht gerade viele Forschungsprojekte im Bereich Homosexualität, Transsexualität und Gender-Identität?

Ja, es gibt viele Forschungsarbeiten darüber, wie Homosexualität oder auch Genderidentität gelebt und erlebt wird. Aber hormonelle Grundlagen werden dabei weniger erforscht. Vielleicht auch deshalb, weil niemand herausfinden will, dass es eine Anlagebesonderheit ist, und es vielleicht auch eine embryonale oder fötale hormonelle Ursache dafür gibt.

Ist es grundsätzlich schwierig, in Deutschland Grundlagenforschung zum Thema Sexualität durchzuführen?

Ich denke schon. Ich hatte mal ein Forschungsprojekt, das ich gerne umgesetzt hätte. Wir wollten untersuchen, ob sich das Frauenbild von Männern mit dem Abstand zur letzten Ejakulation ändert. Gibt es da auch eine Art Zyklus? Wie nehmen Männer Frauen wahr, wenn sie gerade ejakuliert haben und wie ändert sich das? Nachdem die Ethikkommission drei Mal nachgehakt hat, haben wir das Projekt aber aufgegeben.

Welche Hürden stehen der Grundlagenforschung noch im Weg?

Es gibt für diese Art von Forschung kaum Geld. Entweder man ist von Firmen abhängig - dann geht es eher darum, ein bestimmtes Medikament zu entwickeln. Im Bereich der öffentlichen Forschung ist es sehr schwer, Gelder für Grundlagenforschung über Sexualität zu erhalten. Die meisten Entscheidungsträger sagen da, es gäbe Wichtigeres.

Dabei hat die WHO selbst erklärt, dass die sexuelle Gesundheit untrennbar mit der allgemeinen Gesundheit verbunden ist. Ist es dafür nicht wichtig, dass wir die grundlegenden Zusammenhänge beim Sex besser verstehen?

Eine Kollege von mir, der sich diesem Thema sehr stark widmete, hat seine Vorträge immer mit diesem Szenario eingeleitet. Am Donnerstag um viertel nach sieben kommt eine Patientin zum Arzt. Sie sagt, sie habe immer wieder Probleme beim Sex, und fragt, was sie dagegen tun könne. Der Arzt hat dann viele Möglichkeiten darauf zu reagieren. Eine Möglichkeit, die Ärzte wählen ist: "Frau xy, seien Sie doch froh, dass sie gesund sind."

Das ist eine sehr traurige Art, damit umzugehen.  

Ja, das stimmt, und wir sollten es ändern!


Kai J. Bühling ist Facharzt für Frauenheilkunde mit dem Schwerpunkt gynäkologische Endokrinologie. Er leitet die Hormonsprechstunde am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Diese Woche im #sexbewusst-Podcast: Eine Achtsamkeitsübung für besseren Sex

Bewusstsein für die eigenen Gedanken und Gefühle zu entwickeln, hat viele Vorteile. Es hilft uns, Stress abzubauen, kurbelt die Kreativität an – und kann sogar das Gehirn verändern. 

Das Stichwort lautet Achtsamkeit. Kurz gesagt bedeutet das: mitkriegen, was gerade in dir passiert. 

Auch auf Sex hat das einen positiven Effekt: Über mehrere Jahrzehnte wurde die Wirkung von Achtsamkeit auf die sexuelle Lust bei Frauen untersucht. Die meisten Frauen hatten besseren Sex, nachdem sie ein Achtsamkeits-Training mitgemacht hatten.

Das klingt leicht, beim praktischen Versuch ist es aber meist gar nicht so einfach. In der folgenden Folge unseres #sexbewusst-Podcasts hilft euch Sexualberaterin Susanna-Sitari Rescio mit einer angeleiteten Meditation, den eigenen Körper noch besser wahrzunehmen.

Viel Spaß bei der neuen #sexbewusst-Podcast-Folge "Lerne, dein Inneres wahrzunehmen - Spüren, fühlen, denken":



NEON-Reihe #sexbewusst: Mit diesen 6 Fragen findest du heraus, wie du sexuell tickst