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Probleme bewältigen: Modell in sechs Schritten: Wie ihr Konflikte löst, ohne dass es Verlierer gibt

Wo zwischenmenschliche Beziehungen sind, gibt es auch Konflikte – in der Partnerschaft, unter guten Freunden, innerhalb der Familie und am Arbeitsplatz. Wie ihr in sechs Schritten Konflikte lösen könnt, sodass am Ende alle zufrieden sind. 

Von Sara Tavakoli

Mann mit Anzug sitzt auf einem Stuhl gegenüber einer Frau mit Brille, die mit ihm spricht

Du bist sauer auf deinen Arbeitskollegen? Sprecht darüber, um den Konflikt zu lösen.

Pexels

In der Schule gab es Vertrauenslehrer und Vertrauensschüler, also Mediatoren, an die man sich wenden konnte, wenn es Probleme mit anderen gab. Sie versuchten, den Streit in einem klärenden Gespräch zu schlichten. Nun sind wir leider nicht mehr in der Schule und müssen uns um unsere Konflikte meist selbst kümmern. Das ist manchmal gar nicht so einfach und wir sind verunsichert: Was genau ist eigentlich das Problem? Wie spreche ich das Thema am besten an? Lässt sich der Konflikt am Ende lösen? Und: Wie kann ich eine Eskalation vermeiden?

Warum es überhaupt zu Konflikten kommt

Konfliktsituationen gibt es überall. Menschen haben verschiedene Meinungen, bewerten Situationen individuell, fühlen unterschiedlich oder haben grundsätzlich andere Wertvorstellungen. Innerhalb der Familie, unter Freunden, in einer Partnerschaft oder auf dem Arbeitsplatz – also meistens bei Menschen, die einem besonders wichtig sind oder mit denen man viel Zeit verbringt –, kommt es häufig vor, dass man mit den unterschiedlichen Ansichten, Meinungen oder Interessen aneinander gerät. Die Eltern erwarten, dass man häufiger anruft, der Partner kann nicht verstehen, dass man ein halbes Jahr ins Ausland möchte und die Arbeitskollegin kommt nicht damit klar, dass man befördert wurde. Solche Situationen kennt jeder – in der ein oder anderen Form.

Man kann in diesen Fällen den Konflikt einfach ignorieren und eine Konfrontation vermeiden. Ratsam ist das allerdings nicht. Vielleicht gerät man dadurch in eine nicht mehr endende Konfliktspirale oder man platzt irgendwann vor Wut, und daraus ergibt sich ein Streit, der es in sich hat. Besser ist es, wenn man das Gespräch direkt sucht, über seine Gefühle spricht und versucht, die Konflikte so schnell wie möglich aus der Welt zu schaffen. Stichwort: Konfliktmanagement. 

Konfliktmanagement: Nur so kann es funktionieren

Ein Problem zwischen zwei Menschen kann nur gelöst werden, wenn beide eine gewisse Konfliktfähigkeit haben. Sobald einer die Konfrontation vermeidet, ist es kaum möglich, darüber zu sprechen. Alle Parteien müssen also erkennen, dass es ein Problem gibt und bereit sein, in einen Dialog zu treten.

Im Gespräch ist es dann sehr wichtig, dass man sachlich bleibt, sich gegenseitig ausreden lässt und sich vor allem darauf fokussiert, was man selbst macht, fühlt oder möchte. Ein Gespräch damit zu beginnen, dem Gegenüber Vorwürfe an den Kopf zu werfen und Dinge zu unterstellen, geht in die falsche Richtung. Außerdem muss es eine grundlegende Bereitschaft geben, Kompromisse einzugehen. Das bedeutet auch, dass man vielleicht nicht zu 100 Prozent das erreicht, was man sich in den Kopf gesetzt hat. Aber nur so kommt man zu einer Lösung, mit der alle Parteien zufrieden sind. Dem Gegenüber die eigene Idee aufzuzwingen, bringt vielleicht kurzfristig etwas. Auf Dauer kann das allerdings nicht gut gehen und man steht ein paar Wochen später wieder an demselben Punkt. 

Wie lassen sich Konflikte lösen? Die 6 Schritte nach Thomas Gordon

Wer nach erfolgreichen Konfliktbewältigungsstrategien sucht, stößt schnell auf den Thomas Gordon. Der amerikanische Psychologe veröffentlichte 1970 das Buch "Familienkonferenz“, in dem er eine "Jeder-Gewinnt-Methode“ zur Konfliktlösung entwickelte. Das Modell ist heute nicht weniger hilfreich als damals und funktioniert so: Es werden sechs Schritte befolgt, an deren Ende eine Lösung steht, die für alle Beteiligten akzeptabel ist. 

1. Das Problem identifizieren und definieren

Sprich mit deinem Gegenüber darüber, wo genau das Problem liegt. Konfliktgespräche sind nicht unbedingt angenehm, aber sie sind notwendig. Angenommen, du möchtest mit deinem Freund zusammenziehen, aber er fühlt sich noch nicht so richtig bereit dazu. Erklärt eure jeweiligen Standpunkte und sprecht über eure Gefühle.

2. Eine alternative Lösung entwickeln

Setzt euch zusammen und  überlegt euch in einem Brainstorming-Prozess alternative Lösungsvorschläge. Dabei ist es erst mal nicht wichtig, ob sich die Ideen wirklich umsetzen lassen. Einen festen Termin zum Zusammenziehen für das nächste Jahr ausmachen? Eine der aktuellen Wohnungen behalten? Ein Monat zur Probe zusammenwohnen und gucken, wie das funktioniert?

3. Die alternativen Lösungen bewerten

Nun müsst ihr überlegen, ob sich die Alternativ-Vorschläge überhaupt umsetzen lassen und ob von beiden eine Bereitschaft da ist, die Alternativen durchzuziehen. Könnt ihr euch die Zweitwohnung finanziell leisten? Möchtest du noch ein Jahr warten, bis ihr zusammen zieht? Sind die Umstände so, dass einer zum anderen ziehen kann für einen Monat?

4. Eine Entscheidung treffen

Eine Zweitwohnung könnt ihr euch nicht leisten, dann fällt diese Idee schon mal weg. Also müsst ihr jetzt zwischen den verbleibenden Lösungen entscheiden. Nach Gordon müssen die Mitglieder des Konflikts nicht von der Idee begeistert sein, aber zumindest müssen sie eine Bereitschaft zeigen, es zu versuchen. Ein Probemonat in der gleichen Wohnung ist für euch beide nicht die beste Option, aber zumindest könnt ihr euch mit der Idee anfreunden und seid bereit, es zu probieren.

5. Die Entscheidung durchführen

In dieser Phase müsst ihr euch darauf einigen, wie ihr die Lösung realisieren möchtet. Ziehst du für einen Monat bei deinem Partner ein oder zieht er zu dir? Wann genau wollt ihr damit beginnen? Und wann endet das Zusammenwohnen? Klärt alle Details vorher ab, damit es nicht zu Missverständnissen kommen kann. 

6. Die Lösung überprüfen und neu bewerten

Einige Zeit nach dem Zusammenwohnen solltet ihr ein Gespräch darüber führen, wie die Lösung für euch funktioniert hat. Vielleicht hast du gemerkt, dass du doch auch noch nicht bereit bist fürs zusammen Wohnen. Vielleicht fand dein Freund es aber auch sehr schön und kann sich vorstellen, schon in einem halben Jahr zusammen zu ziehen. Vielleicht seid ihr nach dem Monat aber immer noch unterschiedlicher Meinung und dann muss der ganze Prozess von vorne losgehen.