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Psychische Erkrankung: Todesangst mitten in der Straßenbahn: Wie es sich anfühlt, eine Panikattacke zu haben

Eine Panikattacke ist für die meisten Menschen, die nicht betroffen sind, schwer nachzuvollziehen. Unsere Community-Autorin ist selbst betroffen und versucht trotzdem zu erklären, wie es sich anfühlt – und was sich in der Gesellschaft ändern muss.

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Panikattacken: So fühlt sich die Todesangst für eine Betroffene an

Eine Panikattacke kann überall zuschlagen: in der Uni, zu Hause oder mitten auf der Straße

Getty Images

Es passiert in der Straßenbahn, in der Uni, zu Hause. Eigentlich überall. Es passiert ohne Vorwarnung und es schlägt mit voller Wucht zu. Dann fängt alles in mir an zu kribbeln. Meine Hände und Beine zittern, durch die Angst, die langsam aber stetig in mir hochsteigt. Sie steigt bis in meinen Hals, wo sie droht, mir die Kehle zuzuschnüren. In meiner Brust hämmert mein Herz.

Alles ist in Alarmbereitschaft. In meinem Kopf kreisen die Gedanken. Ich rede mir innerlich ein, dass alles gut wird und mir nichts passieren wird. Mein Verstand weiß, dass ich gerade an meinem Esstisch sitze und ich mich in Sicherheit befinde – aber zu meinem Körper dringt nichts davon durch. Ich habe eine Panikattacke, wie sie im Buche steht.

Alle, die so etwas schon einmal durchlebt haben, wissen, wovon ich spreche

Meinem Verstand ist das klar. Meinem Körper nicht. Mein Körper flüchtet gerade, geflutet von Adrenalin, vor einer imaginären Raubkatze. Fürchtet um sein Leben. Und das ist der Knackpunkt. Nicht nur mein vegetatives Nervensystem denkt, es stünde kurz vor dem Tod, sondern ich und meine innersten Gefühle signalisieren mir das auch. Ich habe Todesangst.

Ich bin mir sicher: Alle, die so etwas schon einmal durchlebt haben, wissen, wovon ich spreche. Sie wissen, wie es sich anfühlt, wenn man, übermannt von Angst, völlig erstarrt ist. Nicht im Stande, einen klaren Gedanken zu fassen. Sich hilflos und ausgeliefert fühlt. Und das nicht nur einmal, sondern immer wieder. Dieser Zustand lässt einen verzweifeln. Man erkennt sich selbst nicht wieder. Weiß nicht, was los ist. Und eines ist klar: Alleine kommt man aus so etwas nicht mehr heraus. Man braucht Menschen, die einen unterstützen und für einen da sind.

Doch immer öfter mache ich die Erfahrung, dass unsere ach so offene und tolerante Welt, leider gar nicht so offen und tolerant ist. Nämlich dann, wenn es darum geht, jemanden mit psychischen Problemen und ernsthaften Erkrankungen wirklich zu verstehen. Ihm Empathie entgegenzubringen. Ehrlich gemeinte Empathie. Ihm keine Einschätzungen der Lage oder gut gemeinte Ratschläge zu geben, die nur aus der eigenen Perspektive heraus entstehen.

Die Panik trifft einen wie ein Blitz

Nein, es hilft nicht, wenn ich mich nur genug ablenke. Und nein, es hilft auch nicht, wenn ich mir den ganzen Tag Beschäftigung suche und nach zwei Stunden Sport müde ins Bett falle. Auch dann trifft einen die Panik wie ein Blitz.

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Kein Arzt der Welt würde zu einem Patienten, der sich eine Verletzung zugezogen hat sagen: "Halb so schlimm, das wird schon alles wieder. Machen Sie einfach weiter wie bisher." Ich wünsche mir, dass mehr Menschen begreifen, dass eine psychische Krankheit so schmerzhaft sein kann wie eine Verletzung des Körpers. Selbst wenn man sie nicht sieht und nicht begreifen kann, wie der Betroffene denkt und fühlt. Sie ist real und sie verdient Rücksichtnahme.

Sie verdient Anerkennung. Sie verdient es, gesehen und verstanden zu werden. Auch wenn man selbst nicht betroffen ist und man sicher nicht alles in der Tiefe verstehen kann, ist es doch eine schöne Geste, es zu versuchen und ohne Vorurteile demjenigen zu begegnen, der dieses Päckchen mit sich trägt. 

Der Text stammt von einer Autorin aus der NEON-Community, die gerne anonym bleiben möchte.