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Interview

Krankenkassen übernehmen Kosten: PrEP: Wunderwaffe gegen HIV? Das denken schwule Männer darüber

Ab dem 1. September übernehmen Krankenkassen ein Medikament, das vor HIV-Infektionen schützt. NEON hat mit den Machern des Schwulen-Sex-Podcasts "schwanz & ehrlich" darüber gesprochen.

Mirko, Lars und Micha (v.l.) machen seit September 2018 den Podcast "schwanz & ehrlich"

Mirko, Lars und Micha (v.l.) machen seit September 2018 den Podcast "schwanz & ehrlich"

Die einen sehen es als Wunderwaffe, die anderen sind skeptisch. Seit 2016 ist in der EU ein Medikament auf dem Markt, das vor der Ansteckung mit HIV schützt: PrEP. Die Handhabung ist der der Antibaby-Pille ähnlich, die Tabletten gelten als kleine Revolution. Ab September sollen nun die Kosten für PrEP in Deutschland für Menschen mit erhöhtem Infektionsrisiko, wie zum Beispiel homosexuelle Männer oder Drogen injizierende Personen, von den Krankenkassen übernommen werden.

Die Zahl der Neu-Infizierten ist in Deutschland zwar gesunken, doch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will die Krankheit mit diesem Schritt noch besser eindämmen. "Deutschland will seinen Beitrag leisten, HIV und AIDS endgültig zu besiegen," zitierte ihn im vergangenen November das Robert Koch Institut. Und wie funktioniert das Ganze genau?

Wie wirkt PrEP?

Aktuell kostet das Medikament zirka 40 Euro im Monat. Ab September entscheiden Ärzte individuell, ob es auf Kasse verschrieben wird oder nicht. Bezahlen muss man dann nur den gesetzlichen Eigenanteil, der bei einer Drei-Monats-Packung bei zehn Euro liegt.

PrEP ist die Abkürzung für "Prä-Expositions-Prophylaxe". Es ist eine Schutzmethode, die HIV-negative Menschen in Form einer Pille einnehmen können, um sich vor einer Ansteckung zu schützen – und zwar so sicher wie mit einem Kondom, laut der Deutschen Aidshilfe. Das Medikament hindert die HI-Viren daran, sich zu vermehren. Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht:

Damit der Schutz wirkt, muss die Tablette täglich eingenommen werden. (Genaue Informationen zu Einnahmemöglichkeiten bekommt ihr hier und bei eurem Arzt) Einher mit der Einnahme der PrEP gehen auch regelmäßige medizinische Untersuchungen. Alle drei Monate müssen sich Patienten auf HIV testen lassen, um eine Resistenzbildung zu vermeiden. Auch auf Nierenfunktion und andere Geschlechtskrankheiten muss regelmäßig getestet werden, da die PrEP die Leistungsfähigkeit der Nieren verringert und nur gegen eine HIV-Infektion schützt. Bekommt man die PrEP auf Kassenrezept, werden auch die Kosten für die Check-Ups in Arztpraxen übernommen, bei Privatrezepten muss sie der Patient in der Regel selbst tragen, außer wenn eine akute Gefahr (zum Beispiel Sex mit einem Menschen, der eine Geschlechtskrankheit hat) oder schon Anzeichen einer Geschlechtskrankheit bestehen.

"Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich stehe nicht drauf, ohne Kondom Sex zu haben"

Was als Wunderwaffe gegen HIV-Infektionen daherkommt ist allerdings noch recht unbekannt und umstritten. Wir haben mit drei schwulen Männern darüber gesprochen. Sie sind die Zielgruppe, an die sich die PrEP vornehmlich richtet. Lars, Micha und Mirko haben einen Podcast, in dem sie regelmäßig über Sex sprechen. NEON haben sie erzählt, was sie sich von der Pille erwarten.

NEON: Was dachtet ihr, als ihr das erste Mal von PrEP gehört habt?

Lars: Zuerst hatte ich eine große Ablehnung gegenüber PrEP. Mein erster Gedanke war: Jetzt kommen alle anderen Geschlechtskrankheiten wieder. Sie schützt dich nur vor einer HIV-Ansteckung. Chlamydien, Syphilis etc., kann sie nicht verhindern. Aber mittlerweile hat sich meine Meinung dazu geändert. Es wäre eine große Erleichterung. Ich will sie auf jeden Fall nehmen. Ich warte nur auf den September, da bin ich vorher einfach zu geizig für.

Micha: Ich war anfangs auch dagegen. Es klang für mich wie ein Freifahrtschein für Männer, die ohne Kondom vögeln wollen. Jetzt finde ich es aber gut. Ich glaube trotzdem, dass ich sie nicht nehmen will, weil ich einfach zu faul bin, jeden Tag eine Pille zu schlucken. Du musst sie wie die Antibabypille auch sehr regelmäßig nehmen. Ich würde das einfach vergessen.

Mirko: Ich bin etwas zwiegespalten. In der Community gab es zu Beginn einfach so viele Zweifel und Ablehnung. Einen großen Vorteil sehe ich für passive Männer: Du kannst dadurch erstmals deinen Schutz selbst in die Hand nehmen. Also auch wenn Unfälle passieren – wenn etwa das Kondom reißt oder der Aktive es abnimmt, was schon öfter passiert als uns lieb ist – ist man Herr über seine Gesundheit. Klar gibt es noch andere Geschlechtskrankheiten, aber diese Pille schützt vor einer bis heute unheilbaren Krankheit, das sollte man nicht unterschätzen.

Aber ich sehe es trotzdem kritisch in Anbetracht der  ansteigenden Rate von Fällen von Syphilis beispielsweise.

Micha: Es gibt auch Menschen, die dafür nicht geeignet sind, die davon Magen- oder Nierenprobleme bekommen. Und was mir Angst macht, ist, dass es noch keine Langzeitstudien gibt.

Würdet ihr dann aufhören, Kondome zu nutzen?

Lars: Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich stehe nicht drauf, ohne Kondom Sex zu haben. Aber ich würde mit Fremden keinen ungeschützten Sex haben, mit oder ohne PrEP. Aber für Beziehungen kann das auf jeden Fall entspannter sein.

Micha: Viele in meinem Umfeld haben offene Beziehungen und da ist das auch nochmal ein doppelter Schutz. Man will seinen Partner ja auch nicht immer kontrollieren. Und ich finde, das könnte auch den Sex besser machen, man kann sich besser fallen lassen, wenn man sich nicht die ganze Zeit Sorgen machen muss. Ich finde einfach super gut, dass diese neue Möglichkeit da ist. Und weiter in dem Bereich geforscht wird.

Warum, denkt ihr, hört man davon außerhalb der Schwulen-Community nicht viel darüber?

Mirko: Ich glaube, HIV ist einfach bei Heteros nicht so das große Thema, und das, obwohl die Zahl der Neuinfektionen bei Heteros steigt. In der Schwulen-Welt ist HIV immer ein Thema: Sogar auf Partys stehen Promoter und verteilen Kondome. Dir wird gefühlt immer und überall Angst vor HIV gemacht.

Micha: Ich habe auch nicht das Gefühl, dass in der Schule genügend aufgeklärt wird. Ich kann mich nur daran erinnern, dass es beim Thema Verhütung fast ausschließlich darum ging, eine Schwangerschaft zu verhindern, Geschlechtskrankheiten waren da nie das große Thema. Wir können uns keine Kinder machen – HIV hat einfach einen Schwulenstempel.

Lars: Ich finde das sehr schade. Ich habe viele Freundinnen, die mir erzählen, sie hätten ohne Kondom Sex gehabt. Das schockt mich wirklich. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, intensiv in der Schule über Sexkrankheiten aufgeklärt worden zu sein. Viele wissen auch heute nicht, dass ein HIV-Positiver in Behandlung nicht ansteckend ist. Ich hatte in letzter Zeit mit drei HIV-Positiven Sex, zweimal davon ungeschützt – bewusst. Ich wusste, dass ich sicher bin. Aber was die mir erzählt haben, was sie für eine Ablehnung erfahren, das ist schon krass.

Lasst ihr euch regelmäßig auf Geschlechtskrankheiten testen?

Lars: Ich bin Hypochonder, ich mach das alle zwei Monate.

Mirko: Einmal im Jahr mach ich das. Ich bin nicht so promiskuitiv wie die anderen beiden. Aber uns wurde das früh in die Wiege gelegt, einmal im Jahr zum Arzt zu gehen.

Micha: Ich glaube, ich kenne meinen Körper ziemlich gut und gehe zum Arzt, wenn ich merke, dass da etwas nicht stimmt. Aber mindestens einmal im Jahr lass ich mich checken.

Was meint ihr: Was bedeutet die PrEP für andere Geschlechtskrankheiten?

Mirko: Wenn sich viele für die PrEP entscheiden und es deshalb auch zu regelmäßigen Check-Ups kommt, können andere Krankheiten auch schneller erkannt und behandelt werden.

Lars: Syphilis zum Beispiel kann sehr lange unentdeckt bleiben. Ich hatte letztes Jahr eine unentdeckte Syphilis, die nur zufällig behandelt wurde, weil ich etwas anderes behandeln lassen habe. Ich hatte keine Symptome. Sie wurde dann nachträglich erst im Blut nachgewiesen. So etwas kann nicht passieren, wenn man wegen PrEP zu regelmäßigen Untersuchungen muss.

Auch in ihrem Podcast sprechen die Jungs über dieses Thema. „schwanz & ehrlich“ findet ihr hier.

Quelle: Deutsche Aidshilfe, Robert Koch Institut