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Hure statt Barbie: Vergiss die klassischen Beauty-Tipps: Was wir von Prostituierten lernen können

Du willst dich schöner fühlen? Von Prostituierten kannst du dabei so noch viel lernen: Breitbeinig stehen, Hände in die Hüften, Kinn hochnehmen. Unsere Autorin erklärt, warum Bordelle beweisen, dass den konventionellen Schönheitsidealen nicht zu trauen ist.

Von Anna Basener

Eine Gruppe von Prostituierten vor einer roten Wand

Vergiss die klassischen Beauty-Tipps und lerne von Prostituierten (Symbolbild)

Getty Images

Annette hatte ich mir irgendwie vorgestellt wie Pamela Anderson. Blondiert, schlank, große Brüste. Sie war die erste Prostituierte, die ich für die Recherche an meinem Roman interviewte, und sie überraschte mich. Sie sah nämlich ganz natürlich aus, praktisch gekleidet, kurze Haare, hübsches Gesicht. Annette begann Ende der 70er anzuschaffen, auf dem Eierberg in Bochum. Es gefiel ihr besser als das Taxifahren zuvor, sie blieb 15 Jahre in dem Bordell. "Auf deinen Arsch und deine Titten verdienst du 'ne Riesenmark", versicherte eine Kollegin ihr, aber Annette konnte es erst einmal nicht glauben. Mit ihrem Körper?

Bauchfalte und trotzdem sexy

Sie hatte eine Bauchfalte von einer Operation und fand sich nicht schön genug. Aber dann machten ihr Freier Komplimente, auch für den Bauch, und sie kamen immer wieder. Und es kamen auch Kunden, die eigentlich Stammfreier anderer Huren waren, Frauen, die Annette hübscher fand als sich selbst. Und diese Männer zahlten auch für Annettes Dienstleistungen, obwohl sie nichts billiger anbot. Sie fanden sie einfach ebenfalls sehr sexy.

Marleen ist 26, Studentin und Hure. Sie hat in ihrer Jugend gelernt, dass sie zu dünn ist. Keine Kurven, wenig Busen, das ist nicht sexy, dachte sie. Bis sie angefangen hat, anzuschaffen. Jetzt weiß sie, dass sie heiß ist. Umgekehrt gibt es aber auch dicke Prostituierte, deren Geschäftsmodell es ist, Männer zu befriedigen, die dünne Frauen geheiratet haben – mutmaßlich aus Prestigegründen. Sie machen eine "Riesenmark" damit, dass es gesellschaftsfähiger ist, auf Barbie-Blaupausen zu stehen, auch wenn man selbst lieber was zum Anfassen hätte.

Warum sind ausgerechnet Prostituierte so gelassen mit ihrem Körper?

Jetzt könnte man fragen: Warum schämen sich Männer für das, worauf sie im tiefsten Herzen abfahren? Oder umgekehrt: Wieso sind ausgerechnet die Frauen, von denen ich erwartet hätte, sie seien Barbie-Blaupausen, ihren Körpern gegenüber so gelassen? Sie sind rund oder klein, haben keine Brüste oder sehr viel Nase. Nichts davon tut ihrer Sexiness oder ihrer Selbstsicherheit einen Abbruch. Warum ist das so?

Eine These: Weil Bordelle beweisen, dass den konventionellen Schönheitsidealen nicht zu trauen ist. Es sind Orte, an denen der Wert eines Körpers nicht von Hollywood, Fashionshows oder Werbung definiert wird, sondern vom Markt. Ob ein Angebot auch auf Nachfrage stößt, lässt sich schlicht und ergreifend am Preis ablesen.

Die am wenigsten bearbeiteten Bilder des ganzen Internets

Selbstbewusste Diversität und Gelassenheit findet man natürlich nicht bei allen Prostituierten. Bilder aus Puffs beweisen, dass das Klischee der Hair-Extensions und Silikonbrüste irgendwo herkommt. Den Druck, an ihrem Aussehen zu arbeiten, spüren auch manche Huren sehr deutlich. Die bekannte Domina Undine de Rivière etwa hat fast 30 Kilo abgenommen und veröffentlichte dazu einen Text auf einem Diätblog. Nein, die Sexarbeiterbranche steht im Ganzen nicht für Body Positivity.

Wenn man aber etwas genauer hinschaut, findet man auf Escort-Seiten wie "kaufmich.de" auch die wahrscheinlich am wenigsten bearbeiteten Bilder des ganzen Internets. Da gibt es Cellulitis und dicke Bäuche, es gibt alte Frauen und auf Tantra spezialisierte Hippies. Und sie alle haben eine Fangemeinde.

Natürlich müsste man sich gar nicht darum scheren, irgendjemandem zu gefallen. Begehrt zu werden kann nicht der einzige Schlüssel zu einem besseren Verhältnis zum eigenen Aussehen sein. Eigentlich muss das von innen kommen, klar. Ist aber leichter gesagt als getan, denn: Wie kommt das Bewusstsein für die eigene Schönheit überhaupt erst in einen hinein? Wahrscheinlich eher nicht über die Beauty-Hacks von Barbie-Youtuberinnen wie Pamela Reif. Lernen wir also von den Huren.

1. Bordell Beauty

Es muss nicht jeder Aspekt des Lebens ein Contest sein. In Pieke Biermanns Huren-Manifest "Wir sind Frauen wie andere auch" sagt Prostituierte Kitty sehr schön: "Ich meine, das ist alles Typ-Sache, weißte. Einer steht auf schwarz, einer auf dick, der andere auf dünn. Also Konkurrenz in dem Falle kenn ich eigentlich nicht bei uns."

Also ausgerechnet dort, wo es tatsächlich einen marktwirtschaftlichen Wettbewerb ums beste Aussehen geben könnte, kann man auch ganz ohne Konkurrenz auskommen. Wenn das so ist, müssen wir uns erst recht nicht vergleichen und bewerten. Oprah Winfrey ist schön, Iris Apfel ist schön, Melissa McCarthy, Pamela Reif, Amy Schumer, du, ich. Die Welt ist schön, weil wir unterschiedlich sind.

2. Do it like a domina

Kat Rix hat einfach entschieden, dass sie jetzt Domina ist. An ihrem ersten Tag im Dominastudio hatte sie keine Erfahrung, war nicht besonders zeigefreudig und musste "die Diva in sich erst finden". Wie sie das gemacht hat?

"Fake it ’til you make it", sagt sie lächelnd, als ich sie zum Kaffee in Neukölln treffe. Sie wollte eine geile Frau sein, also hat sie entschieden, dass sie eine ist. Das klingt einfacher, als es ist, und braucht Zeit. Aber was hilft, ist die Dominapose.

Sie kursiert als Wonder-Woman-Pose durch diverse Life-Hacks im Netz. Breitbeinig stehen, Hände in die Hüften und Kinn hochnehmen gilt als effektive Machthaltung, die sich in den Körper schreibt und das Selbstwertgefühl stärkt. Aber eigentlich gehört diese Pose den Dominas, die der Männerwelt schon vor Wonder Woman's Erfindung ihre Schönheit und Stärke entgegengeschleudert haben. Wir sollten alle mehr Domina sein – und hin und wieder ihre Pose einnehmen und ein paarmal tief durchatmen.

3. Willkommen im Club der Kurtisanen

Angenommen, ich wollte Geld mit Sex verdienen, dann wäre es für mich sehr viel lukrativer, nicht erst monatelang ins Fitnessstudio zu laufen, Diät zu halten und mir neue Brüste zu kaufen. Wovon lebe ich denn dann in dieser Zeit, und wie bezahle ich die Brüste? Und verdiene ich wirklich gutes Geld, wenn ich am Ende aussehe wie 80 Prozent der Frauen in einem Puff? Ich glaube, es ist sehr viel lukrativer, auf die Optimierung von allem, was jenseits der Norm liegt, zu verzichten.

Am Ende müssen sich alle Huren fürs Marketing damit beschäftigen, was an ihnen großartig ist. Und viele nehmen sich dafür tatsächlich so, wie sie sind. Sie formulieren alles positiv. Das geht etwa so: Sie sind nicht fett, sie sind Rubensdamen, sie sind nicht blass, sie sind elfenhaft. Sie sind nicht alt, sie sind reif. Sie haben kein burschikoses Schwimmerkreuz, sondern sind stolze Walküren, und und und… Ob es schlimm ist, alt oder dick zu sein, steht noch auf einem anderen Blatt. Es geht hier konkret um den positiven Grundton. Huren müssen ihren USP finden, ihren Unique Selling Point – vor allem in ihrem Aussehen.

Eine Übung für das Selbstwertgefühl

Eine praktische Übung für das Selbstwertgefühl: Erstell dir ein Profil auf einer Escort-Seite (oder auch komplett offline) und trag zusammen, warum du attraktiv bist. So attraktiv, dass Sex mit dir Geld kostet. Nicht falsch verstehen: Ich spreche hier nur von einer Übung, nicht davon, das Profil wirklich hochzuladen oder anschaffen zu gehen. Es geht mir nicht um Berufsberatung, sondern um einen neuen Blick auf Schönheit. Es geht auch nicht um den tatsächlichen Preis, den du verlangen könntest, sondern um deinen Wert.

Annettes Bauchfalte entlockt ihr heute kaum mehr ein Schulterzucken. Attraktivität und Gelassenheit liegen sehr nah beieinander. Legen wir uns doch dazu und machen die Welt gemeinsam ein bisschen bunter. Und schöner.

Dieser Artikel erschien erstmals in der NEON-Ausgabe 08/2017. 

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