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Zeitvertreib: Lasst mich bloß mit Gesellschaftsspielen in Ruhe!

Mit Gesellschaftsspielen ist das so eine Sache, man liebt sie oder man versucht, irgendwie drumherumzukommen. So wie unsere Autorin, die hofft, nie wieder gefragt zu werden, ob sie zu einem Spieleabend kommt.

Ein Freundeskreis spielt Karten

Abende am Tisch in großer Runde? Nein, mit Gesellschaftsspielen ist jetzt endgültig Schluss!

Als ich ein Kind war, habe ich nie verstanden, warum meine sich konsequent geweigert hat, mit uns zu spielen. Sie mag keine Brettspiele, weder Schach noch Mühle noch Monopoly. Mit meinen Geschwistern habe ich manchmal über Tage den Esszimmertisch blockiert, um ein einziges Monopoly-Spiel so lange durchzuspielen, bis einer bankrott war. Wir haben es geliebt. Und wenn meine Oma zu Besuch kam, war es Tradition, dass sie mit uns Rommé spielt – mit schier endloser Geduld hat sie uns alles gezeigt, was man wissen musste.

Später haben wir uns ganz auf Kartenspiele verlegt, insbesondere in unseren alljährlichen Frankreich-Familienurlauben mit Freunden meiner Eltern. Hansi, einer der mitreisenden Erwachsenen, hat uns alles beigebracht, womit er sich während seines Studiums die Abende mit seinen Kommilitonen um die Ohren geschlagen hat: Doppelkopf, Canasta und insbesondere Skat. Während wir spielten, hat er uns sämtliche, immer alkoholgeschwängerte Perlen aus jener Zeit erzählt, die Ende der 1950er Jahre gewesen sein muss. Skat-Trumpfansagen wie "Herzlich liebt man die Mädchen", "Pikus, der Waldspecht oder die gemeine Hupfdohle", "Karo heißt mein Hühnerhund und er beißt auch Gänse". Oder auch Schwänke wie jenen, als ein Freund ein Nullspiel angesagt, es aber versiebt hatte. Und sie spätnachts in seinem Studentenzimmer in das Fenster aufrissen und über die ganze Innenstadt brüllten: "Ein Mann wollte nichts, gaaaar nichts!" Wir liebten diese Geschichten, ebenso wie die alten Kommentare, wenn sich einer beim Kartenmischen mal zu viel Zeit gelassen hat: "In Köln, unter der Rheinbrücke, hat sich mal einer totgemischt", sagte Hansi dann.


Die Wende: Spielen? Nein, danke! 

Später, in meinem eigenen Studium, gab es eine kurze Phase, in der ich auch noch gespielt habe: Doppelkopf oder . Als Ersteres zu zerstrittenen Pärchen führte und meine Schach-Phase irgendwann aufhörte, war es ganz vorbei. Jedes Mal, wenn mich Leute zu einem Spieleabend eingeladen haben, habe ich innerlich die Augen verdreht und abgesagt. Es wuchs das Gefühl, dass Brett- und Kartenspieler eine Art Vehikel brauchten, um einen Abend mit anderen Menschen zu verbringen. Ich aber nicht, mir reichte es, an Abenden, an denen wir nicht ohnehin ausgingen, mit Freunden zu kochen: "Was hast du noch im Kühlschrank? Okay, schmeißen wir zusammen!", war das obligatorische Resteessen am Monatsende, wenn keiner mehr Geld hatte. Sonst hörten wir einfach Musik, spielten uns unsere neuesten Entdeckungen auf CD oder Vinyl vor und quatschten. Aber meistens waren wir unterwegs.


Oh Gott, das Kind will spielen!

Später war ich dann in der Situation, dass mein Sohn mich fragte, ob wir Uno, "Mensch ärgere dich nicht" oder was auch immer spielen könnten. Plötzlich wusste ich, wie meine Mutter sich früher gefühlt haben muss – ich tat alles, um aus diesen Situationen herauszukommen. Wenn ich mich aber mit "Ich baue dir eine Briobahnstrecke über vier Ebenen" oder anderen verlockenden Angeboten nicht durchsetzen konnte, musste ich ran. Und es war hart, dabei einigermaßen Spielfreude zu entwickeln. Das schlimmste aller Spiele war für mich "Malefiz", ich wurde sogar sauer, wenn mir der Fünfjährige mit den weißen Spielsteinen den Weg zum Zier versperrte. Schrecklich.

Zum Glück ereignete sich bei meiner Mutter genau der entgegengesetzte Wandel. Was auch immer ihr geliebter Enkel für ein schreckliches Brettspiel vorschlug, sie stimmte zu. Sie ließ ihn gewinnen, fand seine spontanen Regeländerungen amüsant und gewitzt und wurde niemals sauer. Ich sah ihren Besuchen auch deswegen mit Vorfreude entgegen, weil ich wusste: Ich bin raus. Ich. Muss. Nicht. Mitspielen. 

Dass sich das ändert, wenn ich mal irgendwann Oma werden sollte, wage ich stark zu bezweifeln.

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