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Fall aus Großbritannien: Er wurde auf einer Kino-Toilette ausgesetzt - nach 60 Jahren hat er seine Familie wiedergefunden

Sechs Jahrzehnte war Robert Wenston auf der Suche. Auf der Suche nach seiner leiblichen Mutter, nach seiner Identität und der Antwort auf die quälende Frage: Warum wurde ich als Baby in einem Kino ausgesetzt?

Robert Weston auf einem Bild, das er von sich auf Facebook gepostet hat - um nach seiner Familie zu suchen.

Robert Weston auf einem Kinderbild, das er von sich auf Facebook gepostet hat - um nach seiner Familie zu suchen.

Robert heißt Robert, weil der Mann, der ihn vom Toilettenboden aufhob, auch so hieß. Es war der 24. März 1956 und im Odeon-Kino in Birmingham muss große Aufregung geherrscht haben. Da war ein Säugling - eingewickelt und alleine auf der Kinotoilette. Robert packte zu. Robert war Polizist. Und weil keiner wusste, wie das Kind denn heißt, hieß es fortan auch Robert.

Robert brachte Robert in ein Kinderheim. Die lokale Zeitung "Evening Despatch" zeigte das Bild des Kleinen und titelte: "Er wurde in einem Kino ausgesetzt".

Sechs Jahrzehnte später sitzt Robert Weston zufrieden mit zwei seiner Brüder in einem Pub vor den Reportern der "Daily Post Wales". Die Journalisten machen wieder Fotos. Weston hat lange suchen müssen. Nun dreht sich die Story nicht mehr um ein einsames Kind, sondern um einen Mann, der seine Familie gefunden hat. Robert erzählt seine Geschichte. Und fängt ganz von vorne an. Sie geht so:

Wer sind meine Eltern? Warum haben sie mich ausgesetzt?

Eine Mutter, einen Vater, so etwas hat Robert erst mit sieben Jahren bekommen. Es waren Adoptiveltern, George und Irene Weston. Sie retteten ihn aus dem Kinderheim. Sie gaben ihm seinen Nachnamen. Später gründete Robert selber eine Familie, dann noch eine. Er hat sechs Kinder von zwei Frauen. Doch durch Roberts Kopf schwirrten stets diese Fragen: Wer sind meine leiblichen Eltern? Warum haben sie mich ausgesetzt?

Robert bat Zeitungen und Fernsehen um Hilfe, mit der BBC drehte er 2006 sogar einen Film. Dadurch fand er Mavis Smith, das war die Frau, die ihn zuerst auf der Toilette entdeckt hatte, bevor Polizist Robert verständigt wurde. Doch seine leibliche Mutter kannte er immer noch nicht.

Robert Wenstons Facebook-Profil

Robert Wenstons Facebook-Profil


Facebook-Aufruf, ein Anruf und ein DNA-Test

Dazu mussten noch weitere zehn Jahre vergehen. Bis ihm seine Tochter Emma, 35, eines Tages empfahl, doch bitte mal einen Aufruf bei Facebook zu veröffentlichen. Die Power von Social Media und so weiter. Und siehe da, es meldete sich eine Frau. Julia Bell war ihr Name. Sie sei nicht seine Mutter. Aber sie könne ihm helfen. Sie sei Genealogin. Sie würde sich seinen Fall einmal ansehen.

Also rein mit seiner DNA in die Datenbank. Und raus mit dem Namen Tommy Chalmers.

Das war ein Anfang. Denn Tommy Chalmers, so stellte sich heraus, war ein Halbbruder. Tommy lebte im schottischen Moray. Und da wo Tommy lebte, fanden sich noch weitere Chalmers. Robert reiste von Plymouth (da wohnt er derzeit) nach Norden. Im Juni traf er sie alle. Douglas, Jimmy, Frankie, Charles und seine Halbschwester: Pat. Die Chalmers erzählten ihm, dass ihr Vater 1997 mit 74 Jahren gestorben sei. Sie hätten aber schon immer vermutet, dass er noch eine zweite Familie gehabt habe.

Robert war einen Schritt weiter. Und Julia Bell hatte noch mehr gute Neuigkeiten. Sie hatte einen weiteren Namen hervorgekramt. Bryn Jones. Roberts Herz muss schneller geschlagen haben, denn was Julia Bell ihm auch sagte, war: Bryn Jones war ein Halbbruder mütterlicherseits.

Nah am Ziel

Also machte sich Robert wieder auf den Weg. Diesmal nach Wales. Die jahrzehntelang quälende Frage im Hinterkopf. Er wünschte sich, seine Mutter treffen zu können, wünschte sich endlich Gewissheit. Doch wie das so ist mit Wünschen, meist gehen nicht alle in Erfüllung.

Die gute Nachricht ist, dass Robert endlich einen echten Bruder trifft. Bryn Jones stellt ihn vor. Er heißt Larry und erzählt ihm alles, was er weiß. Robert erfährt, dass er und Larry das Ergebnis einer Affäre waren. Er erfährt, dass sein Vater seine Familie in Schottland verließ, um Arbeit zu finden, dass er in seinem neuen Arbeitsleben eine Affäre mit seiner Mutter Betty begann, dass sein Vater später wieder nach Schottland zurückging und dass seine Mutter wohl aus Verzweiflung, nicht zwei Kinder großziehen zu können, das eine auf der Kino-Toilette ablegte. Er erfuhr aber auch, dass seine Mutter bereits gestorben war. Und zwar nur wenige Jahre nach seiner Geburt. Sie starb an einer Hirnhautentzündung mit nur 31 Jahren.

Bericht in der Online-Ausgabe der "Daily Post"

Bericht in der Online-Ausgabe der "Daily Post", Robert Wenston (li.) neben seinem Bruder Larry


"Die Suche hat mir gezeigt, wer ich bin"

Da waren sie also, die Antworten. Und nun sei er sehr froh, die Geschichte erzählen zu können. Die Reporter der "Daily Post Wales" nahm er mit zum Grab seiner Mutter. Auch dort machten sie Fotos. "Es war seltsam das Grab zu sehen, weil ich nie gedacht hätte, dass ich sie finden würde", sagt Robert Weston den Journalisten. Er hege übrigens keinen Groll gegen seine Mutter: "Sie muss verzweifelt gewesen sein. Ich bin nicht derjenige, der über ihre Entscheidung zu richten hat. Auch wenn es keine Verzweiflung gewesen wäre, ich würde sie trotzdem lieben."

Robert hat sogar so weit seinen Frieden gemacht, dass er überlegt, seinen Namen zu ändern. Seine Brüder haben ihm viel erzählt, sie telefonieren fast täglich. Robert weiß nun, wie er eigentlich hätte heißen sollen. Er kennt die Geburtsurkunde. Paul Kevin Aston steht da. "Die Suche hat mir gezeigt, wer ich bin. Und ich möchte die Person sein, die ich hätte sein sollen." Er habe den Namen im Freundeskreis und vor seiner Frau schon ausprobiert. Sie hätten stumm genickt, erzählt er. "Meine Frau sagte mir, ich solle Paul sein."

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