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Die Kreative und der Papierkram: Meine Schulden sind weg – danke, Günther Jauch!

Unsere Autorin hat panische Angst vor Papierkram, doch dann klingelt ein Inkassounternehmen. "Wer wird Millionär?" und Günther Jauch - sie werden ihre letzte Chance.

Von Linda Sabiers

Neon-Autorin Linda Sabiers bei Günther Jauch und "Wer wird Millionär?

Autorin Linda Sabiers versuchte, Günther Jauch bei "Wer wird Millionär?" aus der Reserve zu locken. Sie erzählte ihm, dass sie von ihm geträumt habe. Jauch, der alte Profi, blieb leider trotzdem hart.

"Reiß dich zusammen. Reiß dich verdammt noch mal zusammen!" , redete ich mir immer und immer wieder ein, während Günther Jauch die nächste Frage vorlas. Der Günther Jauch. September 2014, im "Wer wird Millionär?"-Studio in Köln-Hürth. Der Ort, an den man unweigerlich gelangt, wenn man meint, das System ficken zu können, bevor es dich fickt.

Ich schuldete dem Staat einige Tausend Euro. Das Resultat einer Misswirtschaft als Debütantin auf dem freien Arbeitsmarkt. Brutto wie Netto behandeln, eine Ablage aus zwei Schuhkartons anlegen, auf die Spitze getriebene bürokratische Prokrastination. Ich war Mitte 20, neu in Berlin und frisch verliebt. Geld und die bürokratischen Anforderungen der Freiberuflichkeit spielten in diesem Dreiklang absolut keine Rolle. Da für mich kein dubioser Onlinekredit, kein Betteln bei meinen Eltern oder tatsächliches, klares Handeln infrage kamen, musste ich mich bei einer Quizshow bewerben. Und da saß ich nun.

Hinter mir lagen drei Jahre Unwissenheit über freie Marktwirtschaft und weitgehend ignorierte Ratschläge meiner Eltern. Ein neues Macbook, neue Möbel und Reisen, die ich von meinem ersten hart verdienten Geld bezahlte. Dass nur 60 Prozent von all dem tatsächlich mir gehörte, 40 Prozent dem Staat, darum wollte ich mich immer "morgen" kümmern. Und morgen war nie der Tag nach "heute".

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Die Schmach erreicht mich am Mittwoch

Die Schmach erreichte an einem Mittwochmorgen im Jahr 2012 ihren Höhepunkt. Es klingelte um halb acht. Ich öffnete im Pyjama die Tür und blickte einer trocken dreinschauenden Frau Anfang 60 in die Augen. Sie stellte sich als Mitarbeiterin eines Inkassounternehmens vor. Den Rest hörte ich nicht wirklich, weil ich genug damit zu tun hatte, den Tiefpunkt meines freiberuflichen Daseins zu begrüßen. Ich schämte mich in Grund und Boden und war gleichzeitig verwundert, wieso dort eine ältere Frau, kein russischer Hüne stand. Das war es, dachte ich. Sie nehmen dir alles, du musst zurück nach Köln, Reset, alles auf Anfang. Versagt. Das Abstruse: Die Inkassofrau stand dort wegen 200 und irgendwas Euro. Ich glich sie mit einer tränenreichen Performance und einem Anruf bei meinem Vater aus, der bis heute nicht weiß, wofür ich das Geld gebraucht habe.

Normale Menschen haben ein Steuerkonto, feinsäuberlich gepflegt, mit jeder eingehenden Überweisung gefüttert. Die anderen sitzen an einem Mittwochnachmittag vor laufender Privatfernsehkamera auf einem Drehstuhl und spielen um ihren Kontoausgleich. Während manche um den Lebenstraum "Motorrad" spielen, ging es bei mir um die Wurst. Genauer gesagt, um die Leberwurst. Denn Sahneleberwurst war die richtige Antwort auf eine Frage, die nach einer tatsächlich existierenden Wurstart fragte. Ich flirtete mit "Marzipanmett" , nahm glücklicherweise einen Joker und kam meinem Steuerausgleichsglück einen Schritt näher.

2014, in diesem Jahr war ich bereits Teil einer schrumpfenden Gruppe von Freiberuflern, Kleinunternehmern, freien Kreativen. Etwa 2,3 Millionen Solo-Selbstständige in Deutschland waren es damals, Hunderttausende davon in Kulturberufen, eine davon ich. Ohne Ahnung von Steuererklärung, dafür mit großer Angst vor Papierkram per se, man könnte es auch Phobie nennen. Keine gute Voraussetzung. Nicht nur für mich. Seit Jahren kehren immer mehr Kreative der so hochgelobten Freiberuflichkeit den Rücken. Die gute Konjunktur, wird berichtet, sei der Grund dafür. Das ist wahrscheinlich aber nur einer. Hinzu kommt, dass die SPD und allen voran Andrea Nahles so auftritt, als wolle sie unserer Zunft am liebsten den Garaus machen, natürlich zu unserem Besten. Wer in Deutschland frei arbeitet, der kämpft mehr, als dass er sich tatsächlich verwirklicht. Das fängt bei der Wohnungssuche an und endet bei der Vergabe von Krediten. Zusätzlich gibt es seit einigen Monaten komplizierte Statusfeststellungsverfahren, mit denen man beweisen soll, dass man nicht scheinselbstständig ist.

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Die Schrecken der Bürokratie – und "Wer wird Millionär?"

Wer ehrlich mit sich ist, der muss zugeben, dass man nicht nur Freiheit findet in der Freiberuflichkeit. Mit der Existenz als Freelancerin entdeckte ich auch die Schrecken der Bürokratie und die Angst, mich mit der neuen Verantwortung auseinanderzusetzen. Überall Papier, stapelweise Papier, das am unteren Ende der bürokratischen Nahrungskette auf freie Autoren, Grafiker und Künstler wie mich wartet. Und an jenem unteren Ende fühlte ich mich wie die letzte Amöbe, die, auf dem Rücken liegend, leise um Hilfe schrie.

"Was wollen Sie mit dem Geld machen?", fragte Jauch.

"Ein Boxspringbett kaufen", sagte ich, während ich in einem inneren Monolog kurz davor war, vor laufender Kamera zu explodieren.

"Wissen Sie was, Herr Jauch!?", wollte ich sagen. "Ich sitze hier, weil ich gezockt habe. Mit meiner Phobie vor Papier und dem Staat. Ich wollte sehen, wie lange ich meine kognitive Dissonanz auf die Spitze treiben kann. Sie wissen davon natürlich nichts, mit Ihrem Schlips und Ihrer Villa in Potsdam." Das Publikum hätte applaudiert. Manche aus Empathie. Viele aus Mitleid.

Noch heute denke ich oft an den Plexiglasboden im Studio, der bei genauem Hinsehen ranzig und rissig wirkte. Er erinnerte mich an die Risse in der Gesellschaft, die die Nine-to-five-Menschen und die vermeintlich in den Tag Hineinlebenden ideologisch voneinander trennen. Natürlich müssen auch die Festangestellten ihre Steuererklärung machen und bekommen Post von der Krankenversicherung. Doch ist das eben nichts im Vergleich zu der Masse an Formularen und Regularien, mit denen man sich als Freiberufler rumschlägt. Das kostet so viel Zeit, dass junge Freelancer den Antrag auf Gründerzuschuss lieber in den Müll werfen, als ihn auszufüllen. Mit meinen selbstständigen Freunden witzle ich manchmal darüber, wer länger nicht zum Briefkasten geht. Einer, der mal drei Monate nicht ging und 85 Mahnungen ignorierte, hat gewonnen. Seitdem weiß ich zumindest, dass eine Mahnung keine Mahnung ist. Bis wirklich was passiert, dauert es.

Brief Neon

Ein Brief kann einen in den Himmel oder in die Hölle schicken. Also machen manche ihn gar nicht erst auf oder ganz andere Sachen damit.


Ich gehe selten zum Briefkasten

Noch immer gehe ich seltener an meinen Briefkasten, als ich eigentlich sollte. Und wenn ich es tue, dann lege ich Rechnungen, Nachweisaufforderungen, Finanzamtspost ungeöffnet und für lange Zeit in einen der beiden Schuhkartons, bis ich mir irgendwann selber an den Kopf fasse. Eine kindliche, vor der Zukunft die Augen verschließende Haltung? Ja. Doch immerhin bin ich damit nicht alleine. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung belegt, dass "sich wenige Freiberufler mit ihrer finanziellen Zukunft auseinandersetzen" . Ich bin also zwar naiv, aber auch hip. Und gefährdet. "Ein neues Risiko für Altersarmut" , prognostizierte Arbeitsministerin Andrea Nahles im Mai 2016 den Selbstständigen. Da lese ich doch lieber das Positionspapier der Allianz für selbständige Wissensarbeit (ADESW): "Deutschland kann und darf es sich nicht leisten, diese Wissensträger in einer rechtlichen Grauzone zu drangsalieren und mit einer verstärkten Bürokratisierung zu behindern."

Da ist es, das Wort. Behindern. Ich empfinde mein Unvermögen, eine gut sortierte Ablage zu pflegen, als lebensbehindernden Zustand. Ja, der Pathos muss sein. Im Land der Dichter, Denker und Ämter befinde ich mich in einem Spießrutenlauf zwischen Vogel-Strauß-Taktik, Angstschweiß erzeugender Konfrontation, hysterischem Gelächter und in einigen Fällen Resignation. Aus einem eigentlich doch guten Grund: Das Kind in mir ist es, das mit jeder Faser im Jetzt lebt und vor morgen keine Angst hat. Und gleichzeitig ist es auch jene kindliche Herangehensweise an die Belange Erwachsener, die mich die Hand immer wieder auf die heiße Herdplatte legen lässt.

"Wen haben Sie mitgebracht?" , fragte Jauch anfangs.

"Meine Mutter" , säuselte ich lächelnd.

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Ich verließ Günther Jauch mit 32.000 Euro in der Tasche

Das Studio verließen wir, meine Mutter, mein inneres Kind und ich, mit zitternden Knien, 32.000 Euro reicher. Nicht ohne vorher an Jauchs Seite in die Kamera zu lächeln. Wieder einmal war ich davongekommen. Wieder einmal hatte es funktioniert. Wie sollte ich es jemals anders machen? Ich hatte das System auf meine kindlich-naive Art tatsächlich gefickt, mithilfe von Jauch, dem größten Strap-on der Republik.

Es dauerte dennoch zwei weitere Jahre, bis ich mich wieder an die Freiberuflichkeit wagte. Nach 24 Monaten in einem Nine-to-five-Job, der mich zwar krank machte, aber davor bewahrte, auch nur ein einziges Formular der Künstlersozialkasse ausfüllen zu müssen. Auch nach der abgegoltenen Steuerschuld steckte mir die Begegnung mit der Dame vom Inkassounternehmen in den Knochen. Wie mir geht es vielen. Selbst und ständig gegen angestellt und untergeben eintauschen, um der Rente willen.

Ich hadere immer noch mit den Anforderungen, ich bin jedoch wahnsinnig glücklich mit meiner Entscheidung, meiner Leidenschaft nachzugehen und dafür das Leid der Bürokratie in Kauf zu nehmen. So ist mein Steuerberater die Art von Luxus, die ich mir gönne.

Und ich bin überzeugt: Deutschland braucht seine Kreativen. Auch Papierphobiker wie mich, die sukzessive und schmerzlich lernen mussten, Bürokratie als Tatsache zu akzeptieren und sie nicht wie einen alternativen Fakt zu behandeln.

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