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Grundsicherung nach dem Studium: Obwohl ich Geld brauche, entschied ich mich gegen Arbeitslosengeld II

Unsere Autorin wollte nach ihrem Studium übergangsmäßig Arbeitslosengeld II beantragen. Doch nach ihrem Besuch beim Amt erkannte sie, welchen Preis die finanzielle Grundsicherung in Deutschland hat.

Von Carina Kaiser

Unsere Autorin vor dem Jobcenter Charlottenburg-Wilmersdorf

Unsere Autorin vor dem Jobcenter

Ihre Blicke durchbohren mich. Die Menschen schauen mich an, als wüssten sie, wo ich hinfahre. Ich sitze in der Buslinie M27 zum Jobcenter Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf. Als ich aussteige, bleibe ich noch einen Moment stehen, um den Leuten nicht die endgültige die Bestätigung zu geben, dass ich zum muss. Als sie außer Sichtweite sind, gehe ich über die Straße und bleibe vor dem grau-braunen Eckgebäude mit großen gläsernen Türen stehen. Hier melde ich mich gleich arbeitslos. 

Einige Tage zuvor stemme ich mit meiner Freundin Gewichte im Fitnesscenter. Sie erzählt mir von ihrem Plan, ab kommendem Monat II zu beziehen. Sie fragt mich, ob ich mir nicht auch wünschte, nach dem Studium finanziell abgesichert zu sein. Ich nicke zögerlich. Sie lässt die Gewichte hart aufeinander knallen. Ich höre nur Satzfetzen: Nimm es, es steht dir doch zu. 

Ich soll die finanzielle Lage nahestehender Personen offenlegen 

Jetzt sitze ich also im Warteraum 1.044. Es soll der erste Termin von vielen sein. Ein Papierstück mit der Wartenummer 93 klebt an meinem feuchten Händen. In der Nacht zuvor habe ich schlecht geschlafen. Ich bin nervös, fühle mich unsicher. Am Empfang stelle ich mich nicht als Carina, sondern als Arbeitssuchend vor. 

Der Raum riecht steril, nach Arztpraxis. Der Sitz ist unbequem. Mir gegenüber sitzt ein ausländisches Paar. Sie in Tränen aufgelöst, er versucht zu beruhigen. Mein Blick schweift aus dem großen Fenster und bleibt auf der hängen. Als ich mich gerade frage, ob ich das wirklich will, werde ich aufgerufen. 

8 Uhr. Vor mir sitzt Frau Heberling*. Bei ihr soll ich meinen Antrag auf  stellen. Die Einrichtung im Raum wirkt zwanghaft ordentlich. Die spärlichen Fenster offenbaren einen traurigen Blick auf die graue Platte gegenüber. Das Licht wird durch große Zimmerpflanzen gebremst. An der kaltweißen Wand kleben quadratische Poster von Bäumen. Sie sind nach Jahreszeiten geordnet. Das gäbe dem Raum positive Schwingungen, erklärt mir Heberling.

Die Straße vor dem Jobcenter Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf

Die Straße vor dem Jobcenter Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf

Während eines "Was-Sie-noch-einreichen-müssen"-Monologs drückt sie sich immer wieder ihre herunterrutschende Brille ins Gesicht. Nebenher legt sie mir ein Formular nach dem anderen auf den Tisch. Ohne zu zögern trage ich meine persönlichsten Daten ein. Als mein Blick gerade auf das große Handyverbotsschild an der Wand fällt, fragt mich Frau Heberling nach allen Einkommensnachweisen meiner WG-Mitbewohner. 

Wer nicht leisten kann, braucht keine Zimmerpflanzen 

Am Abend sitze ich zu Hause und kämpfe mich durch einen Papierstapel. Eine Broschüre informiert mich auf 87 Seiten über meinen Anspruch auf Grundsicherungsleistungen. – was heißt das eigentlich? Seite 10 klärt mich auf: "[…] mit der Grundsicherung (ist) die Absicherung des Existenzminimums, also die Sicherung des zum Leben Notwendigen gemeint." 

Das Wort "Sicherung" taucht immer wieder auf. Was bedeutet Sicherheit für mich? Sicherheit ist für mich, wenn man genug von allem hat. Ein Leben ohne Geldsorgen. Aber eine solche Sicherheit gibt es in Deutschland nicht gratis. Man muss sie sich erarbeiten. 

Es ist ein gängiges Vorurteil: Arbeitslosigkeit entstünde vor allem durch Faulheit, wenn nicht genügend geleistet wurde. Wer hierzulande nicht oder nicht mehr leisten kann, erlebt einen sozialen Abstieg. In rapider Geschwindigkeit wird einem Menschen dann bewusst gemacht, wo er in unserem Land steht. Jens Spahn würde sagen: ganz unten. 

Sollte mir das Jobcenter Arbeitslosengeld bewilligen, stehen mir — sowie den rund 162.000 Arbeitslosen in Berlin — 416 Euro für meine Grundsicherung zu. Zur Berechnung dieses Regelsatzes werden die vermeintlichen Lebensumstände der Ärmsten 15 Prozent in Deutschland herangezogen. In deren Leben gilt eine Zimmerpflanze, eine Kugel Eis oder ein Ticket zum Laientheater als Luxus. 

In einer Excel-Tabelle liste ich meine Fixkosten auf und breche meine sonstigen Ausgaben auf das Nötigste herunter. Ich stutze. Wie bitte soll ich davon leben? Ich gehe mit dem Gefühl ins Bett, in der Gesellschaft gescheitert zu sein. Trotz Ausbildung und jahrelangem Studium — nur, weil ich keinen reibungslosen Übergang ins Arbeitsleben finde. 

Was ist diese "Grundsicherung" wert? 

Im Netz stoße ich am nächsten Tag auf eine genaue Auflistung des Regelsatzes, bestehend aus elf Posten, die aus Sicht der Regierung für das Existenzminimum notwendig sind. Der Satz für Ernährung und alkoholfreie Getränke pro Tag liegt bei 4,77 Euro. Für Bildung stehen im Monat 1,06 Euro zur Verfügung. Für einen Gemüsedöner mit Pommes in Kreuzberg würde der Essens-Satz nicht reichen. Immerhin: Nach zehn Monaten könnte ich mir ein Buch leisten. 

Broschüren und Papiere zum ausfüllen

Broschüren und Papiere zum ausfüllen

In der Broschüre werde ich über meine Grundpflichten belehrt. Ihr Grundsatz: Fördern und Fordern. Wirke ich nicht mit, kommt es zu Sanktionen, also Rechtsfolgen oder zur Rückforderung der Leistungen. Ich grabe tiefer. Ab Erhalt des Arbeitslosengeldes muss ich für das Jobcenter sechs Tage die Woche auf jedem Weg erreichbar sein. 

Für einen Urlaub brauche ich vorab die Zustimmung meines Jobcenters. Mehr als drei Wochen im Jahr sind nicht erlaubt. Ich schlucke. Selbst Strafgefangene werden nicht so stark sanktioniert wie Arbeitssuchende. Mir wird immer bewusster, was die Menschen, die sich in einer Arbeitslosenschleife befinden, durchmachen müssen. 

In der Nacht sitze ich noch immer beim Ausfüllen der Fragebögen. Mein nächster Termin beim Jobcenter ist in ein paar Stunden. Beim Gedanken daran bekomme ich Herzrasen. Ich rufe panisch meinen Freund an. Ist es mir das wert? 

Am nächsten Morgen um 8 Uhr sitzt Frau Heberling alleine an ihrem Schreibtisch neben den Pflanzenranken und den akkuraten Baum-Bildern. Ich habe mich in der Nacht zuvor entschieden, nicht hinzugehen. Ich sagte mir, ich werde die Geldfrage anders lösen, ohne die Hilfe vom Staat. Zum ersten Mal seit vielen Tagen schlief ich mit einem sicheren Gefühl ein.

* Name von der Redaktion geändert

Upcycling aus Wien: Susanne war zweieinhalb Jahre arbeitslos - jetzt macht sie Designerstücke aus Müll