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Sinn(los)? Ist Arbeit verlorene Zeit? Antworten auf eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit

Ist Arbeit verlorene Zeit?
Einen großen Teil unseres Lebens verbringen wir in Büroräumen, an Schreibtischen und in Fabriken. Doch wie sinnvoll ist unsere Arbeit? Und wem nützt sie?
© Getty Images
Früher haben wir gearbeitet, um zu leben. Heute ist das nicht mehr so klar. Antworten auf eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit.

Die Wasserwerke der andalusischen Stadt Cádiz haben ihre Büros in einem zweistöckigen, gedrungenen Bau. Von hier sind es 400 Meter bis zum Strand, aber der Atlantik scheint trotzdem weit weg. Der Ingenieur Joaquín García war Ende 40, als er 1996 auf einen Posten hierher versetzt wurde. Seine Aufgabe: den Bau eines Klärwerks zu überwachen. Ein Beruf, wie er gewöhnlicher nicht sein könnte – verhältnismäßig gut bezahlt, ein sicherer Posten beim Staat, dafür nicht irre aufregend. Eben ein Job, den einer machen muss. Es schien jedenfalls so. Bis die Stadtverwaltung dem Ingenieur 2010 eine Auszeichnung verleihen wollte, für seine langjährigen Dienste.

Ist unsere Arbeit etwas wert?

Der Bürgermeister suchte nach García in dessen Büro, fand ihn aber nicht. Irgendwann stellte er fest, was inzwischen auch ein Gericht bestätigt hat: García war seit sechs Jahren nicht zur Arbeit gekommen – vielleicht sogar noch länger, das ließ sich im Nachhinein nicht mehr genau heraus finden. Die Wasserwerke gingen davon aus, dass García dem Stadtrat unterstellt war, und der Stadtrat ging davon aus, dass García den Wasserwerken unterstellt war. Am Ende kümmerte sich keiner darum, was der Mann tat oder nicht tat. Auch der Bau des Klärwerks war vermutlich problemlos verlaufen, ohne dass jeden Tag jemand ins Büro ging und Berichte darüber in den Computer tippte. Joaquín García war sechs Jahre nicht zur Arbeit gegangen, ohne dass es jemandem auffiel.

Sinn(los)?: Ist Arbeit verlorene Zeit? Antworten auf eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit

Man kann ihm dafür Vorwürfe machen, ihn hassen oder beneiden oder bestrafen, wie ein spanisches Gericht es vor Kurzem getan hat. Man kann aber auch eine andere Frage stellen: Wäre es nicht viel trauriger gewesen, wenn García sechs Jahre zur Arbeit gegangen wäre und es wäre niemandem aufgefallen?

Ist Arbeit verlorene Zeit? Auch wenn die Geschichte von Joaquín García uns weit weg erscheinen mag: Es gibt gute Gründe dafür, dass wir uns fragen, was wir da eigentlich fünf Tage die Woche tun, von neun bis fünf und gerne auch mal länger. Verschwenden wir unsere Zeit, weil wir unseren Job gar nicht so gern mögen und nur arbeiten, um zu leben – aber dann weniger Zeit zum Leben haben? Oder verschwenden wir unsere Zeit, weil unsere Arbeit niemand anderem etwas bringt, weil sie die Welt nicht besser macht, weil die Klärwerke schon von selbst gebaut werden und alles irgendwie laufen würde, auch ohne dass wir vor unserem Bildschirm sitzen und schon wieder eine Mail beantworten?

Es ist an der Zeit, große Fragen zu stellen

Wir sollten diese Fragen nicht aufschieben, sondern uns ihnen jetzt stellen. Denn wir, die wir uns gerade im allerersten richtigen Job durchschlagen oder bald die Unis verlassen, wir könnten erleben, wie sich die Arbeit in Zukunft radikal verändert. Oder wie sie sogar verschwindet. Und wenn wir nicht wissen, was uns Arbeit eigentlich bedeutet – ob sie nur verlorene Zeit ist oder doch mehr -, dann könnten wir bald ein viel größeres Problem haben als nur: Welcher Job passt zu mir?

Eine ziemlich klare Antwort auf die Frage nach der Arbeit und der verlorenen Zeit hat der Anthropologe und linke Theoretiker David Graeber gegeben. In einem viel diskutierten Artikel mit dem Titel "On the Phenomenon of Bullshit Jobs" schreibt er: "Massen von Menschen, vor allem in Europa und Nordamerika, verbringen ihr gesamtes Berufsleben mit dem Verrichten von Tätigkeiten, die sie insgeheim als sinnlos bewerten. Der moralische und seelische Schaden, der durch diese Situation entsteht, ist beträchtlich." Der technische Fortschritt der letzten hundert Jahre, argumentiert Graeber, hätte eigentlich zur Folge haben müssen, dass wir viel weniger arbeiten, vielleicht nur noch einen oder zwei Tage pro Woche.

Warum ist das nicht passiert? Graeber sagt: Weil wir stattdessen neue Jobs erfunden haben, die am Ende nur dem Zweck dienen, das Unterbeschäftigungsloch wieder aufzufüllen, das der Fortschritt in die Welt gerissen hat. Dafür zahlen wir einen hohen Preis: Diese neuen Jobs fühlen sich irgendwie an, als wären sie eigentlich überflüssig. Kleine Zahnräder, an denen wir dauernd drehen, ohne dass klar ist, was wir damit eigentlich antreiben. Es sei fast so, schreibt Graeber, als gäbe es da draußen jemanden, der sich sinnlose Jobs ausdenke, nur damit wir alle beschäftigt sind.

"Bullshit-Jobs" halten das alte System aufrecht

Was das für sinnlose Jobs, für Bullshit-Jobs sind? Graeber zufolge arbeitet man zum Beispiel in einem, wenn Tätigkeitsfelder wie die folgenden in der eigenen E-Mail-Signatur stehen: "Finanzdienstleistungen, Telefonverkäufe (…), Körperschaftsrecht, Bildungs- und Gesundheitsverwaltung, Human Resources und Public Relations". Für Graeber gibt es diese Bullshit-Jobs nur, weil sie das alte System stützen, in dem Menschen eben vierzig Stunden pro Woche arbeiten. Und weil genug Mächtige von diesem System profitieren, darf es nicht zusammenbrechen.

Sinn(los)?: Ist Arbeit verlorene Zeit? Antworten auf eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit

Ein glücklicher Angestellter der Personalabteilung wird dieser Theorie sicher widersprechen. Welcher Job sinnvoll ist und welcher nicht, lässt sich nur sehr schwer objektiv messen. Selbst ein radikaler Kritiker unseres Wirtschaftssystems wie Graeber gibt das zu. Und trotzdem wirft seine Polemik eine Frage auf, die wir nicht so leicht wieder vom Tisch kriegen: Wenn der technische Fortschritt unsere Jobs bald sowieso überflüssig macht oder eigentlich schon hätte überflüssig machen müssen – warum stressen wir uns noch damit? 

Zwei Wissenschaftler der Universität Oxford haben vor Kurzem ein Programm ins Netz gestellt: Jeder kann sich von einem Algorithmus errechnen lassen, wie wahrscheinlich es ist, dass sein Job in den nächsten zwanzig Jahren von Robotern und Software ersetzt wird. Für einen "Human Resource Manager" spuckt das Programm immerhin eine Wahrscheinlichkeit von 32 Prozent aus. Für die nächsten zwanzig Jahre, wohlgemerkt. Die meisten von uns hatten eigentlich vor, noch ein bisschen länger zu arbeiten. Bisher galt die Regel: Der technische Fortschritt zerstört Arbeitsplätze, aber er schafft auch neue, sinnvolle Arbeit. Jetzt sieht es erstmals so aus, als könnte dieses Nullsummenspiel ein Ende haben. Wenn eine Maschine einen Job überflüssig macht, wächst womöglich kein neuer mehr nach – oder nur einer, den Graeber Bullshit nennen würde.

Was machen wir, wenn sinnvolle Jobs rar werden?

Der beliebteste Vorwurf an unsere Generation geht so: Wir denken zu viel über Arbeit und Lebensqualität nach – über Work-Life-Balance, Sabbatical und Vereinbarkeit. Das lässt uns irgendwie faul wirken und verwöhnt. Gestresst sind wir trotzdem noch. Vielleicht waren unsere Überlegungen nicht radikal genug. Jetzt, wo sich dieses ganze alte Konstrukt namens Arbeit völlig auflösen könnte, kann es nicht nur darum gehen, beim Chef ein bisschen Ausgleich rauszuhandeln. Wir müssen uns vielmehr überlegen, was wir machen, wenn das, was wir heute unter einem sinnvollen Job verstehen, eine knappe Ressource sein wird.

Arbeit, wie wir sie bisher kennen, zieht sich als Konstante tief durch unser ganzes Leben. Man muss sich kurz daraus befreien und einmal fragen: Was bringt die Arbeit mir? Was bringt sie überhaupt? Unsere Antworten müssen nicht gleich die Welt revolutionieren – es würde bereits reichen, festzustellen: Schon okay, wenn ich jetzt am Anfang meines Erwachsenendaseins so viel Zeit im Büro verbringe. Weil ich ja später noch aussteigen kann, falls Karriere doch nur Bullshit ist. Und weil es andersherum viel schwerer wäre: im Bett liegen, Chips essen, Lieblingsserien gucken und erst mit vierzig merken, dass man doch lieber Abteilungsleiter wäre.

Von Joaquín García heißt es, er habe die freie Zeit genutzt, um die Bücher der großen Philosophen zu lesen. Etwas können wir also von ihm lernen: Uns Inspiration zu suchen, um wieder über die großen Fragen nachzudenken, die man zwischen Powerpointpräsentation, Meeting und Kundentermin vergessen hatte. Wir haben für diese Ausgabe Antworten gesammelt auf die große Frage: Ist Arbeit verlorene Zeit? Von Menschen, die eine radikale Vision für die Zukunft haben, von Menschen, die wissen, wie es sich anfühlt, wenn man mit seiner Arbeit scheitert, von Menschen, die am Ende ihres Lebens zurückblicken und sich fragen: Habe ich meine Zeit gut genutzt?

"You need to get done, done, done, done at work, come over /
We just need to slow the motion" – Rihanna feat. Drake, 2016

STEFANIE SARGNAGEL, SCHRIFTSTELLERIN

"Unsere Jobs braucht niemand, wirklich keine Sau"

Die Wienerin Stefanie Sargnagel hat es zum Literaturphänomen geschafft, gerade weil sie eigentlich nichts schaffen will: Sie schreibt darüber, wie sie in Eckkneipen trinkt und den Nebenjob im Callcenter der Karriere vorzieht. Warum Arbeit für sie verlorene Zeit ist, hat die neue Heldin der Verweigerungshaltung für uns notiert:

"Vierzigstundenjobs sind etwas für Leute, die in ihrer Freizeit nichts mit sich anzufangen wissen. Diese Menschen brauchen Vierzigstundenjobs. Der Rest von uns BRAUCHT keine Jobs für ein zufriedenes Leben, not really. Unsere Jobs braucht zu einem Großteil auch niemand, wirklich keine Sau. Von den meisten unserer Jobs profitieren wenige Menschen, die wir nicht einmal leiden können, und die meisten unserer Jobs könnten eigentlich auch Roboter erledigen.

Die sinnstiftenden Jobs wie das Pflegen von Angehörigen werden erst gar nicht bezahlt. Bezahlt werden Videoanimationsbüros, die sich auf 3D-Automobilpräsentationen für Mercedes spezialisiert haben. Bezahlt werden Menschen, die Staatsvermögen verspekulieren. Fast niemandem machen diese Vierzigstundenjobs Freude, weil sie sinnfrei sind. Der einzige Antrieb, sie zu verrichten, ist, nicht in der Gosse zu liegen. Als Kinder werden die Leute gefragt: ,Welchen Vierzigstundenjob möchtest du mal machen, um deine Identität vollkommen darin aufzulösen und dein Leben zu verpassen?‘ Und die Kinder fantasieren sich in eine schöne Zukunft mit Vierzigstundenjobs, weil die Gesellschaft sie denken lässt, Vierzigstundenjobs wären etwas Gutes, damit sie sich nicht mit zehn an der Kletterstange erhängen. Obwohl wir wissen: Vierzigstundenjobs sind etwas ganz und gar Schlechtes!

PS: Zwanzigstundenjobs sind teilweise okay!"

THOMAS VAŠEK, PHILOSOPH

"Auch ein öder, fremdbestimmter Job ist oft besser als gar keine Arbeit"

Gegen den Zeitgeist von Work-Life-Balance und Sabbaticals argumentiert der Philosoph Thomas Vašek mit einer Idee, die fast altmodisch klingt: Arbeit sei wichtig für uns, selbst scheinbar schlechte. Warum, das erklärt er so:

"Wenn wir nicht arbeiten müssten – so denken wir oft -, dann könnten wir schönere Dinge tun. Aus dieser Sicht ist Arbeit nur eine lästige Notwendigkeit; das wahre Leben beginnt erst nach Feierabend. Doch das ist ein Irrtum. Arbeit ist nicht nur ein Mittel zum Zweck. Sie gibt uns Möglichkeiten, unsere Fähigkeiten zu entfalten; sie vermittelt ,innere Güter‘ wie Identität und Anerkennung, sie stellt uns vor Herausforderungen, sie bringt uns mit Menschen zusammen. Unter ,guter Arbeit‘ stellen wir uns kreative Tätigkeiten vor, Selbstverwirklichung. Aber was ist mit der Supermarktkassiererin, die immer nur Waren über den Scanner schiebt? Ist das nicht ein trostloser, entfremdeter Job? Machen wir es uns nicht zu einfach. Auch scheinbar schlechte Jobs können ,innere Güter‘ vermitteln – man denke an Kassiererinnen, die Freude daran haben, mit den Kunden zu kommunizieren. Auch ein fremdbestimmter, öder Job ist oft besser als gar keine Arbeit.

Warum? Es gibt da eine Parallele zwischen der Arbeit und der Liebe: Der Philosoph Harry Frankfurt sagt, dass Liebe Gründe schafft – Gründe dafür, etwas zu tun, das nicht nur auf unseren egoistischen Interessen beruht, sondern auf der Sorge um einen anderen Menschen. Zur Praxis der Liebe gehören eben auch Verpflichtungen. Mit der Arbeit verhält es sich ähnlich, auch sie schafft Gründe, die von unseren Neigungen unabhängig sind. Wer arbeitet, hat einen Grund, morgens ins Büro zu gehen oder einen Abgabetermin einzuhalten, auch wenn er keine Lust hat. Arbeit gibt dem Leben Struktur. Deshalb fallen Menschen in ein Loch, wenn sie keinen Job mehr haben. Plötzlich fehlen die Gründe, überhaupt etwas zu tun. Das Ziel kann also nicht sein, dass wir gar nicht mehr arbeiten. Was wir brauchen, ist gute Arbeit, die zu den Menschen passt."

"Quit your job. Start a fight. Prove you’re alive. If you don’t claim your humanity you will become a statistic" – Tyler Durden, 1999

ALEX WILLIAMS, POLITOLOGE, und NICK SRNICEK, SOZIOLOGE

"Neue Bedürfnisse in einer Welt ohne Arbeit"

SIE FORDERN IN IHREM NEUEN BUCH "INVENTING THE FUTURE. POSTCAPITALISM AND A WORLD WITHOUT WORK", WIR MÜSSTEN ALL DIE TECHNISCHEN ENTWICKLUNGEN NOCH BESCHLEUNIGEN, DIE UNS ARBEITSLOS MACHEN. WEIL ARBEIT SOWIESO NUR VERLORENE ZEIT IST?
Es ist erst einmal wichtig, zwischen Lohnarbeit und Arbeit als allgemeinem menschlichem Streben zu unterscheiden. Der Kapitalismus hat eine Welt geschaffen, in der beides miteinander vermengt wird und wo Arbeit nur noch heißt: Bezahlte Arbeit für einen Chef. Wir haben zwar eine gewisse Wahl, was unseren Job angeht, aber für die meisten ist Arbeit etwas Stupides, Ermüdendes, manchmal sogar Entmenschlichendes. Es ist tote Zeit, die oft dazu führt, dass wir unsere Wünsche, Ambitionen, Bedürfnisse aufgeben.

DIE ABSCHAFFUNG DER ARBEIT: DIE CHANCE DAFÜR SEHEN SIE IM TECHNISCHEN FORTSCHRITT. ABER IST DAS NICHT EINFACH NUR SCIENCEFICTION? DASS MASCHINEN ALLES ÜBERNEHMEN?
Der Fortschritt bei künstlicher Intelligenz, BigData-Auswertungen und Robotik wird dazu führen, dass immer mehr Jobs verschwinden. Verschiedene Studien gehen davon aus, dass zwischen 45 und 85 Prozent der Tätigkeiten durch Computer ersetzt werden könnten – in den nächsten zwei Jahrzehnten. Die wirkliche Hürde ist keine technische, sondern die Tatsache, dass es auf der Welt momentan so viele billige Arbeitskräfte gibt. Unternehmen ziehen es dann vor, eine Handvoll Arbeiter für einen Job auszubeuten, statt viel Geld in teure Maschinen zu investieren.

SAGEN WIR, DIE ARBEIT VERSCHWINDET TATSÄCHLICH – WER BEZAHLT UNS DANN?
Wir brauchen ein bedingungsloses Grundeinkommen, dessen Höhe ausreicht, um davon zu leben. Solche Modelle werden in Europa immer mehr diskutiert, in der Schweiz, in Finnland, in den Niederlanden. Lokale Versuche mit einem bedingungslosen Grundeinkommen waren sehr ermutigend: Menschen, denen man Geld gibt, ohne etwas dafür zu fordern, gehen noch einmal zur Schule oder zur Uni, sie gründen eine Firma oder kümmern sich um ihre Kinder und um ältere Verwandte. Es ist übrigens leicht vorzustellen, dass ohne ein Grundeinkommen das ganze ökonomische Modell zusammenbricht, wenn durch die Automatisierung Menschen ihre Arbeit verlieren. Sie haben dann kein Geld, kaufen weniger, die Konjunktur bricht zusammen. Selbst wenn man als Ziel nur hätte, den Kapitalismus zu retten, scheint ein Grundeinkommen immer notwendiger.

ABER GELD IST JA NICHT ALLES – BRAUCHEN WIR UNSERE JOBS NICHT AUCH ALS QUELLE VON SELBSTWERTGEFÜHL?
Ja, so hat man uns Arbeit sicherlich verkauft: als Ort der Selbstverwirklichung. Aber für wie viele von uns ist das wirklich wahr? Selbstwertgefühl, Identität, das lässt sich alles besser in einer Welt ohne Arbeit umsetzen. Die hat natürlich ihre eigenen Probleme, es braucht einen kulturellen Übergang. Arbeit hat so einen zentralen Stellenwert im Leben – denken Sie nur mal daran, wie viel im Leben sich um die "Kollegen" dreht! Dafür braucht man andere Institutionen als Ersatz. Wir sind so sozialisiert worden, als wäre Arbeit der einzige Marker für Erfolg.

Diese Gewohnheiten zu durchbrechen, wird sehr schwierig. Man muss den Wunsch nach Freizeit, Spiel und Tätigkeiten außerhalb des Jobs erst mal wiederbeleben. Das Beängstigendste an einer Welt ohne Jobs: die große Frage, was wir mit all der neu gewonnenen Zeit machen. Wir können uns momentan alles nur in den Begriffen von Arbeit vorstellen. Aber wir haben ja Beispiele von Menschen, die nicht arbeiten oder nur sehr wenig: Rentner oder extrem wohlhabende Menschen. Die langweilen sich nicht, sondern sind aktiv und involviert. Und dann könnten wir in einer Welt ohne Arbeit auch lernen, ganz neue Bedürfnisse zu entwickeln, und mit neuen Formen des Zusammenlebens und Identitäten experimentieren. Denken Sie daran, wie der Mensch sich beim Übergang von der Feudalherrschaft zum Kapitalismus verändert und auch befreit hat – eine Welt ohne Arbeit würde ihn noch weiter befreien.

"Das Krächzen der Raben /
ist auch ein Stück – /
dumm sein und Arbeit haben: /
das ist das Glück" – Gottfried Benn, 1954

SARAH SEELIGER, GRÜNDERIN

"Ich arbeite, um etwas zu hinterlassen"

Sarah Seeliger gründete mit 25 ihr erstes Start-up, steckte viel Arbeit rein – und scheiterte. Ein Beispiel für verlorene Zeit. Oder? Das sagt sie:

"2013 habe ich mit meinem Freund einen Onlineshop für Kinderkleidung gestartet, mit großen Investoren. Wir saßen ein ganzes Jahr dran, regelmäßig bis nachts um zwei. So schnell, wie das Ganze groß wurde, sind wir dann beide auch wieder aus dem Unternehmen raus. Unfreiwillig. Wir hatten von manchen Dingen keine Ahnung und haben Fehler gemacht, haben sechzig Seiten lange englische Verträge nicht richtig gelesen. Am Ende haben wir die Mehrheit an der Firma verloren, ich war nur noch Angestellte im Marketing. Das war unendlich schwer, weil mir da ein Traum verloren ging. Aber war meine Arbeit deshalb verlorene Zeit? Was ich manchmal bereue: Zu der Zeit kam mein Sohn auf die Welt. Das konnte ich nicht voll genießen; ich bin nicht zum Babyschwimmen gegangen wie die anderen Mütter, sondern war arbeiten, weil ich dachte, das sei die große Chance. Das ist natürlich verlorene Zeit, die nicht zurückkommt.

Aber die Arbeit selbst war nicht umsonst: So schnell habe ich noch nie gelernt – jeden Tag neue Informationen aufgenommen; nicht nur Blabla, nicht nur nachdenken, sondern machen. Mein Kopf hat geraucht, ich habe viel ausprobiert. Zu arbeiten ist dann ein Flow, ein Drang, fast eine Erholung. Aus den Fehlern mit den Verträgen habe ich natürlich auch gelernt, und wir haben uns ein Riesennetzwerk erarbeitet. Danach wollten wir direkt weitermachen: Wir waren drei Wochen im Urlaub und hatten sofort eine neue Idee für ein Start-up. Der Sinn, den ich in meinem Job sehe, ist mir immer noch wichtiger, als dass ich früh nach Hause gehen kann. Mir geht es im Leben nicht nur darum, dass ich meine Zeit glücklich gestalte, dass ich eine Familie gründe und Liebe und Wissen weitergebe – das ist mir zwar sehr wichtig, aber ich will noch etwas anderes: Ich will Spaß haben, wenn ich arbeite. Und dass sich vielleicht später Leute an mich erinnern, dass ich etwas Sinnvolles hinterlasse. Arbeit nimmt doch bei den meisten Menschen einen so großen Teil der Lebenszeit ein – und wenn das dann verlorene Zeit sein soll, dann kann man ja gleich sein ganzes Leben als verlorene Zeit betrachten."

Sinn(los)?: Ist Arbeit verlorene Zeit? Antworten auf eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit

KIRSTEN HANSEN, PSYCHOLOGIN

"Manche fragen sich, was sie mit ihrem Leben eigentlich gemacht haben"

FRAU HANSEN, SIE SIND PSYCHOLOGIN IN EINEM HOSPIZ UND BEGLEITEN SEIT VIERZEHN JAHREN STERBENDE MENSCHEN. SPRECHEN DIESE RÜCKBLICKEND ÜBER IHR ARBEITSLEBEN?
Ja, manchmal. Ich erinnere mich an einen Herrn, der über vierzig Jahre in einer Fabrik am Fließband gestanden hatte. Er erzählte mir, er habe immer nur geschuftet und Überstunden gemacht. Jetzt hätte sein Leben doch erst richtig beginnen sollen, nach dieser ganzen Arbeit! Er wollte reisen, in seinem Garten sein. Als er über sein Arbeitsleben sprach, war er sehr wütend. Diese Frage taucht schon manchmal auf: Was habe ich mit meinem Leben eigentlich gemacht? Ein anderer Herr erzählte mir, er sei nur Rechtsanwalt geworden, weil sein Vater das so wollte. Er hätte gerne als Künstler gearbeitet, habe die Kunst aber nur als Hobby ausüben können. Seine Tätigkeit als Anwalt habe er dagegen gehasst. Aber Künstler zu sein, kam eben nicht infrage, das war kein Beruf. In der älteren Generation ging es vor allem darum, sich eine Existenz aufzubauen. Keiner dachte darüber nach, was er wirklich wollte. Man ging zur Arbeit, und abends war man zu müde, um noch etwas anderes zu tun.

GIBT ES AUCH MENSCHEN, DIE SICH AM ENDE IHRES LEBENS WÜNSCHEN, DASS SIE MEHR GEARBEITET HÄTTEN?
Eine ältere Dame sagte mir, ihr Leben sei zwar kein schlechtes gewesen, aber sie hätte so gerne einen Beruf gehabt. Es war damals gar keine Frage, ob sie sich um Haushalt und Kinder kümmert oder einen Beruf erlernt. Aber sie wäre lieber Schneiderin geworden. Hin und wieder treffe ich auch Menschen, die im künstlerischen Bereich gearbeitet haben und sich fragen, was von ihnen bleibt und ob man sich überhaupt an sie erinnern wird. Bei manchen spürt man stark den Wunsch, einen Fußabdruck in der Welt zu hinterlassen.

HAT SICH IHR BLICK AUF DIE ARBEIT DURCH DIE GESPRÄCHE VERÄNDERT?
Ja, ich bemühe mich darum, mir bewusst zu machen, dass das Leben nicht ewig dauert. Ich höre öfter von anderen, dass sie sich schon auf die Rente freuen, um dann alle aufgeschobenen Pläne endlich zu verwirklichen. Dann wundere ich mich über diese Gewissheit, das noch zu erleben. Der Kontakt zu den sterbenden Menschen hat mich jedenfalls verändert und bereichert.

Dieser Text ist in der Ausgabe 05/2016 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.


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