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Wissen: Was tun auf der Welt ?

Warum es sich lohnen kann, alleine zu ­reisen, sich das Herz brechen zu lassen oder ein Jahr lang auf ­Emoticons zu verzichten. 33 ­Ratschläge für ein gutes, wildes Leben.

Alleine reisen: Eine junger Mann döst in einem Auto

Alleine reisen ist für viele Menschen eine Überwindung, dabei lohnt es sich. Wirklich.

Text: Esther Göbel, Katharina Krug, Michel Abdollahi, Mirna Funk, Peter Wittkamp, Mareike Nieberding | Fotos: Lyndon French

#1 Mehr als zwei Wochen ­alleine reisen

Du hast nur dich. Deshalb bist du die Person, der du am meisten vertrauen solltest. Lerne dich kennen! Lerne, dich zu mögen! Fahre mit dir in den Urlaub. Gehe mit dir allein essen. Liege mit dir morgens ewig im Bett und starr die Decke an. Plansche allein im Meer. Besuche allein eine Ausstellung. Setz dich allein in eine Bar. Tu Dinge, vor denen du Angst hast. Tu Dinge, auf die du erst mal keinen Bock hast. Triff dich mit fremden Personen. Das alles braucht es, um eine gute Beziehung zu dir selbst aufzubauen. Und damit kann man nicht früh genug anfangen. Denn wer sich selbst aushält, hält auch andere in ihrem Selbstsein aus.

#2 Eine Affäre haben

Also eine richtige. Eine, die so gefährlich ist, dass man seinem Partner nur noch mit Angst und schwit­z­igen Händen begegnen kann.

#3 Experte werden

Befasse dich so lange mit einem Thema, bis du mehr als die anderen darüber weißt. Je ­abseitiger, desto besser. Wer würde nicht gern jedes einzelne Detail wissen wollen über:

• die Stummfilme von Buster Keaton, bevor er zu MGM wechselte
• Bauchnäbel
• holländische ­Rotweine
• Bob Ross
• Karneval in Berlin
• Beatrix von Storch
• Rührei und seine Zubereitungsarten…

Du musst nicht alles wissen. Aber so viel, dass Claus Kleber dich im »heute journal« interviewen wollen würde, wäre das Thema plötzlich von nationalem Interesse. Zugegeben: Das wird vermutlich nie geschehen. Doch wenn du auf ei­ner WG-Party in der Küche fünf Minuten lang eloquent über dein ­Nischenthema wie etwa die Säbelzahnkatzen referiert hast (lateinisch: Machairodontinae – aber wem erzähle ich das?), weckst du Erwartungen: Wer so viel über ausgestorbene Tiere weiß, der weiß doch noch mehr! Zum Beispiel über Zungenküsse. Direkt mal nach­fragen!

#4 Sich ein Ziel setzen, das nicht erreichbar ist

Wie wäre es zum Beispiel damit, Bundespräsident zu sein? Ziemlich unwahrscheinlich – insgesamt hatten wir bisher nur elf. Aber das Unerreichbare bringt einen häufig an absurde Orte und in irre Situationen. Und wenn es dann tatsächlich klappt: Schloss Bellevue ist wirklich schön!

#5 Ein Jahr lang auf Emoticons verzichten

Diät, Diät – immer machen alle Diät. Und verzichten dabei auf echt wichtige Dinge: Pizza, Schokolade. Oder Alkohol. Besser wäre doch ein sinnvoller Verzicht. Doofe-Leute-Diät zum Beispiel. Oder mal ein ganzes Jahr ohne bescheuerte Emoticons auskommen. Grins! Deine Facebook-Bekannte wird dein »Du Superhübsche!« unter ihrem neuen Profilbild auch ohne Herzchen als Kompliment verstehen. Und hinter »Warum hast du mit meiner Freundin geschlafen?« passt ohnehin kein Emoticon wirklich gut. Der traurige Smiley? Zu infantil. Der braune Kackhaufen? Zu lustig für den Ernst der Lage. Deswegen: Einfach mal auf die quietschebunten Grimassen verzichten – und in dem Jahr deiner digitalen Diät lernen, Gefühle in Worten auszudrücken.

#6 Klug investieren

Mein Bruder fuhr vor einigen Jahren nach einer Party betrunken zum Flughafen, weil er noch nicht nach Hause wollte. Der nächste Flug ging nach Verona. Klingt doch super, dachte er sich. Also: Shut up and take my money! Während des Abflugs bemerkte er jedoch, dass er eigentlich lieber in Köln geblieben wäre. Stichwort: Katermelancholie. Also: In Verona ein Taxi ins Hotel genommen, den »Tatort« gestreamt, einen Rückflug gebucht – am nächsten Tag wieder zu Hause angekommen. 500 Euro hatte ihn dieser »kurze Umweg« gekostet. Und trotzdem: Besser hätte er das Geld kaum investieren können. Je öfter er die Geschichte auf einer Party erzählt, desto mehr amortisiert sich die sinnlos ausgegebene Kohle; die Mädchen hängen ihm an den Lippen, Jungs wären gern so lässig wie er.

#7 Sich das Herz brechen ­lassen

Nichts ist schlimmer als Liebeskummer. Wirklich. Nichts. Über Tage, Wochen oder Monate weinend im Bett liegen ist die ultimative Erfahrung. Alte Fotos anschauen. Alte E-Mails und SMS-Nachrichten lesen. Die gemeinsamen Songs hören. Immer und immer wieder. Leute anheuern, den oder die Ex auf Facebook zu stalken, wenn man selbst bereits geblockt wurde. Das ganze Programm. Je verzweifelter, desto besser.

Scheiß auf Pragmatismus. Durchdrehen! Nicht mehr weitermachen können. Nicht mehr weitermachen wollen. Sich weigern, zu arbeiten, zu essen und zu trinken. ­Alte Fotos zu einer Collage zusammenkleben, dann die Collage betrunken und weinend zerreißen und aus dem Fenster werfen. Überhaupt, Dinge betrunken tun. Betrunken E-Mails und Nachrichten an die Ex schicken. Betrunken mitten in der Nacht beim Ex anrufen. Bei Liebeskummer gibt es keine Grenzen, und das ist richtig so. Schließlich ist diese Erfahrung eine der bereicherndsten und wertvollsten. Denn Liebeskummer ist völlig zweckfrei. Und das gibt es im Kapitalismus schließlich kaum noch.

#8 Philosophie studieren

Philosophie ist was für weltfremde Spinner oder Langweiler? Philosophie studieren nur Leute, die nicht wissen, wohin mit sich? Alles Quatsch! Wer strukturiertes und logisches Denken erlernen will, wer wissen will, was die Welt im Inneren zusammenhält, der studiert Philosophie. Und zwar bis zum Ende. Nachteil: Man kennt spätestens nach dem zweiten Semester jeden einzelnen Witz über das Taxifahren auswendig.

#9 Den Koran lesen

Dieses ganze Glaubensbuch durchzuarbeiten, ist eine Mammutaufgabe, die wohl nur die wenigsten in ihrem Leben schaffen werden. Trotzdem: In einer globalisierten Welt sollte jeder die Grundlagen der großen Religionen kennen. Auch wer selbst nicht gläubig ist. Zu den Weltreligionen zählen neben dem Islam das Christen- und Judentum sowie der Buddhismus und der Hinduismus. Gut zum Einstieg und Überblick sind etwa die kleinen Bücher der Reihe »C.H. Beck Wissen«.

#10 Einen Brief an sein 14-jähriges Ich schreiben

Wer eine leichte Pubertät hatte, mit dem stimmt irgendetwas nicht. Und weil diese Zeit so ein schwarzes Kapitel im eigenen Leben ist, sollte man für die Herzgesundung einfach mal einen Brief an sein 14-jähriges Ich schreiben. Vielleicht hat man noch alte Tagebücher, die man gegebenenfalls vorher lesen kann. Um zu verstehen, warum man damals so war, wie man war. Und wurde, wie man ist.

#11 Manche Menschen hinter sich lassen

Das klingt jetzt brutal, ist aber manchmal notwendig. Genauso, wie man alle paar Monate ei­nen ordentlichen Hausputz machen sollte, muss man sich in seinem Freundeskreis regelmäßig umschauen und ehrlich zu sich sein. Wer einem nicht wohlgesonnen ist; wer einem Energie raubt; wer sich nicht für einen freuen kann, wenn man etwas Schönes erreicht hat, den sollte man zurücklassen.

#12 Sich einen ­Monat lang nicht ­beschweren

Über nichts und niemanden.

#13 In ein Land fahren, von dem man rein gar nichts weiß

Spanien, Irland oder die USA kann schließlich jeder.

#14 Mit seinen ­Geschwistern eine ganze Nacht ­durchsaufen

#15 Ehrlich zu seinen Eltern sein

Vielleicht die schwierigste Herausforderung. Lohnt sich aber.

#16 Sich selbst lieben

Das traut sich meistens nur keiner.

#17 Seinen Großeltern ­sagen, dass man sie liebt

Gerade weil uns das so schwer über die ­Lippen geht. Warum ­eigentlich?

#18 Sex mit möglichst vielen Menschen ­haben

Wer eine ewig lange Liste mit Geschlechtspartnern führt, die wahllos möglichst viele Striche zählen soll, wird damit wohl nicht glücklich werden. Wer aber sein ganzes Leben lang nur Sex mit einer einzigen Person hat, weiß nicht, was er womöglich verpasst. Deswegen gilt: Wer sich ausprobiert, weiß, was er mag. Und wer weiß, was er mag, hat besseren Sex.

#19 Kinder bekommen

Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag des Magazins »Eltern« wünschen sich 86 Prozent der kinderlosen jungen Frauen und 88 Prozent der kinderlosen jungen Män­ner später einmal Nachwuchs. Für die allermeisten Menschen gehört eine eigene Familie also zu einem glücklichen Leben dazu. Zu­mindest in der theoretischen Vorstellung.

#20 Oder auch nicht

Achtung! Kinder sind aber auch noch lange kein Glücksgarant. Verschiedene Langzeitstudien der Zufriedenheitsforschung gehen ­sogar davon aus, dass Eltern weniger glück­lich sind als Kinderlose. Zumindest so lange, bis die Kinder wieder aus dem Haus sind. Trotzdem denken vor allem junge Frauen oft noch immer, sie müssten Kinder bekommen, das sei gewissermaßen qua Geschlecht ihre Bestimmung. Das ist aber völliger Quatsch, von dem es gilt, sich freizumachen. Weder ist eine erwachsene Frau ohne Kinder ein moralisch-sozialer Fail, noch bedeutet ein kinderloses Dasein ein weniger erfülltes Leben.

#21 Beim Nachbarn klingeln

Die Welt dreht sich nicht nur um dich und deinen Selfie-Stick. Kümmere dich deshalb um deine Mitmenschen. Finde heraus, wer in der Wohnung neben dir wohnt. Trag der Oma aus dem dritten Stock den Einkauf hoch. Oder halte ihr zumindest die Fahrstuhltür auf. Frag die Familie, die gerade einzieht, ob du ihr einen Akkuschrauber leihen oder Kaffee kochen kannst, bis sie die eigene Maschine ausgepackt hat.

#22 Den wirklich richtigen Ort für sich finden

Es muss nicht unbedingt immer Berlin sein. Auch Würzburg, Koblenz oder Konstanz können glücklich machen. Wer Ruhe, Natur und Übersichtlichkeit bevorzugt, ist in einer ländlichen Gegend oder in einer Kleinstadt besser aufgehoben. Wer erst bei Trubel, vielen Menschen und Rushhour-Gehupe richtig aufblüht, fühlt sich in einer Großstadt wohler. Wer den Wechsel der Jahreszeiten liebt, sollte in Europa bleiben. Wer schon bei den ersten grauen Herbsttagen in eine trübe Stimmung verfällt, muss in sonnigere Gefilde auswandern. Nicht immer erlaubt die Job- oder Ausbildungssituation eine freie Ortswahl. Aber wer weiß, wo er langfristig leben will, kann seine Planung danach ausrichten – mit der Aussicht, irgendwann wirklich am idealen Ort zu leben.

#23 Möglichst lange Nächte durchtanzen

Und die Tage danach auch. Nur selten lassen wir uns so gehen wie auf einer gut gefüllten Tanzfläche. Wenn der DJ sein Handwerk versteht, schafft er es mit nur wenigen Beats, uns aus dem Klein-Klein des Alltags in eine fremde Welt zu führen. Der Boden vibriert, und ­jede Bassline schickt uns auf eine neue Reise. Irgend­wann wissen wir nicht mehr, ob wir seit zehn Minuten tanzen oder seit zwei Stunden. Eine Nacht im Club ist wie ein Kurzurlaub, der Stempel vom Einlass ist unser Visum, und die Reiseapotheke gibt es an der Bar.

#24 Bei der Geburt eines Menschen ­dabei sein

#25 Einen sterbenden Menschen ­begleiten

#26 Kochen lernen

Kochen bedeutet, Selbstpflege zu kultivieren, und das tut gut. Vielleicht nicht immer das Croissant oder Käsebrötchen auf dem Weg zur Arbeit in sich reinschieben. Sondern mal innehalten und schauen: Was tue ich da, was soll mein Körper verdauen, und spiegelt dieser Akt nicht auch wider, wie ich mich selbst behandle? Bewusster leben heißt bewusster essen. Und zu kochen, statt im Gehen zu schlingen, ist dabei eine gute Strategie.

#27 Einem Menschen ­vergeben

Streiten kann jeder. Sich entschuldigen wird schon schwieriger. Jemandem vergeben für das, was er einem angetan hat: Das ist die Kür. Wenn man noch nicht so weit ist, kann man es nicht erzwingen. Aber wenn man es schafft, macht es einen selbst so frei wie nichts sonst.

#28 Verstehen, dass Feminismus für alle gut ist

Gesellschaftliche Veränderung ist auf den ersten Blick immer erst mal unbequem für das Gewohnheitstier namens Mensch.

Feminismus legt den Finger in genau diese Wunde, denn er stellt grundlegende Annahmen wie die des klassischen Geschlechterverhältnisses infrage. Verabschiede dich also einmal von allen oberflächlichen Vorurteilen, die es rund ums F-Wort so gibt (Achselhaare, Männerhass, Humorlosigkeit, abgefackelte Büstenhalter und so weiter), und setz dich tatsächlich mit den inhaltlichen For­derungen auseinander. Dann wirst du sehen: Eine Kanzlerin macht noch keinen Sommer, und auch heute ist Geschlechtergerechtigkeit leider nicht überall erreicht. Sich von starren Rollenbildern frei zu machen, die uns lediglich einschränken, nützt uns allen und macht uns am Ende freier darin, uns individuell in einer Welt zu ­entfalten, die Menschen weder Respekt noch Chancen verwehrt.

#29 Das Gesamtwerk eines Autors lesen

Es steht jedem Menschen gut, über irgendeinen Schriftsteller genau Bescheid zu wissen. Aus diesem Wissens­topf kann man schöpfen, und oft wun­dert man sich, mit welchen Typen man über das eigene Leib- und Magenthema ins Gespräch kommt. Vorschlag, auch wenn es sicher leichtere Kost gibt: Dostojewski.

#30 Sich ein Haustier zulegen

Das mag nach einer ziemlich banalen Sache klingen, aber diese wird plötzlich ganz wichtig, wenn das Chaos der Welt mal wieder zu überwältigend ist. Dann kann der Blick in zwei treue Knopfaugen mit Fell drumherum nämlich genau den Halt bieten, der sonst gera­de nirgends in Sichtweite ist. Sich um ein Tier zu kümmern, schafft außerdem ein ganz neues Verantwortungsbewusstsein. Mit dem schönen Nebeneffekt, dass nicht nur du dich um das Tier kümmerst. Sondern das Tier sich auch ein Stück weit um dich.

#31 Sich in Miami verfahren

Du holst einen Kumpel vom Flughafen ab, der in einem sehr miesen Viertel liegt. An der Ampel rammt dich plötzlich von hinten ein Pick-up-Truck. Erst nur ein leichter Stoß, dann heftiger. Immer wieder. Dir wird eiskalt. Du gibst trotz roter Ampel Gas. Der Pick-up hinterher. Dein Sichtfeld verengt sich. Panik macht sich breit. Die Straßen werden unübersichtlicher, nirgends ein Mensch. Du hast jetzt die Wahl: Gibst du dich der Angst hin, verlierst du irgendwann die Kontrolle über den ­Wagen. Deshalb volle Konzentration. Angstschweiß riecht fürchterlich. Er macht dich aber sofort wach. Du denkst plötzlich logisch – und bleibst auf der Hauptstraße, obwohl du instinktiv abbiegen willst, Hauptsache, raus aus dem Blickfeld des Verfolgers. Du würdest aber in einer Sackgasse landen, säßest in der Falle. So wird es irgendwann belebter, von Weitem siehst du den Flughafen, der Pick-up hinter dir hat längst abgedreht. Du bist gerade gewachsen.

#32 Herrndorfs Buch »Tschick« ­nachreisen

#33 Abhauen. Egal wohin.


Dieser Text ist in der Ausgabe 04/16 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.