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Ausstellung "Virtual Normality": Weibliche Sexualität: Fotos zeigen schmalen Grat zwischen Lustobjekt und Shitstorm

Für viele junge Frauen, die sich im Internet bewegen, ist die Grenze zwischen gefeiertem Sexobjekt und Opfer eines Shitstorms fließend. Die virtuelle Normalität: Sexismus, Bodyshaming oder Rassismus. Die Ausstellung der Netzkünstlerinnen 2.0 scheut nicht davor zurück, einen Finger in die Wunde zu legen.

Eine nackte Frau sitzt in einer herzförmigen Badewanne in einer Honeymoon Suite

"The Honeymoon Suite" heißt die Fotoserie von Juno Calypso. "Als ich mich entschied, zu dem Hotel für Flitterwöchner zu gehen, dachte ich an Paare und monogame Beziehungen. Und daran, wie witzig es wäre, eine depressive und ledige Person in so ein ausgesprochen romantisches Szenario zu stecken", sagt sie. Für diese Selbstporträts schaffte sie den fiktiven Charakter Joyce, der sich unverfroren dem Narzissmus hingibt.

Der weibliche Körper kann im Netz entfachen wie sonst vielleicht nur Tweets von mausgerutschten Politikern. Ein Nippel - oh Gott! Schambehaarung - Skandal! Immer schön sexy sollen die Frauen sein, schlank, makellos - aber bloß nicht zu nackt! Der Grat zwischen Sexobjekt und Shitstorm ist schmal. 

Die Ausstellung "Virtual Normality" der Netzkünstlerinnen 2.0 im Leipziger Museum der bildenden Künste führt schonungslos vor Augen, wie soziale Medien den Feminismus und die Selbstwahrnehmung von jungen Frauen beeinflussen. 

Die virtuelle Normalität der Millennials, die im Internet zu Hause sind, wird so eindringlich dargestellt, dass es beinahe wehtut. So unbequem wie der Blick durch die Frontkamera des Smartphones, wenn man versehentlich die falsche Linse ausgewählt hat.

Bodyshaming, Sexismus, Zensur und Rassismus stehen für viele Frauen und Mädchen auf der Tagesordnung. Aber auch die ständige Erreichbarkeit durch das Smartphone und der Drang zur Selbstdarstellung werden in der Ausstellung thematisiert.

Gegen die Zensur in Social Media

Künstlerin Leah Schrager, die für ihre "Infinity Selfies" selbst nackt vor der Kamera steht, hat genug von der Doppelmoral in Bezug auf weibliche Sexualität in den (sozialen) Medien. "Sie scheinen es in Ordnung zu finden, wenn es sich um kommerzielle Zusammenhänge handelt oder darum, dass ein Mann eine Frau in seiner Kunst so darstellt", sagt sie. "Wenn eine Frau selbst so etwas macht, ist es aber keine Kunst mehr. Genau gegen diese Art von Vorurteil kämpfe ich." Ihre Werke sind SFSM (Safe for Social Media). Man kann klar erkennen, dass die Künstlerin auf ihren Selbstporträts nackt ist, doch durch die geschickte Platzierung der Spiegelung sind alle wesentlichen Stellen bedeckt.

Vor allem eines fällt bei den Werken der Künstlerinnen auf: stereotypische Farben wie Pink, Lila und Pastelltönen. Wie passt das zusammen? Die hyperfemine Optik wird von den Netzkünstlerinnen als Stilmittel eingesetzt, das mal niedlich, mal grotesk und mal gesellschaftskritisch wirkt. "Ich benutze Rosa in meinen Arbeiten, um die Identität dieser Farbe zu reklamieren und die konsumorientierten, weichlichen Aspekte, für die sie mittlerweile steht, zurückzuweisen", sagt Performance-Künstlerin Signe Pierce und spielt damit auf das umstrittene Gender-Marketing an, mit dem bereits kleine Mädchen in die rosarote "Ich werd Prinzessin"-Rolle gezwängt werden.

Aggressiv und feminin

Den Netzkünstlerinnen 2.0 geht es um Selbstbestimmung. Sie wollen selbst darüber bestimmen, wie ihr Körper im Internet dargestellt wird. Wenn sie nackt sein wollen, sind sie nackt. Gekonnt spielen sie mit Klischees und Stereotypen. Ihre Bildsprache ist aggressiv, manchmal überzogen und trotzdem sehr feminin und ästhetisch.

In Zeiten von #meetoo wird es immer wichtiger, Alltagssexismus zu erkennen und Schönheitsstandards infrage zu stellen. Die Digitalisierung ist für den   gleichzeitig Fluch und Segen. Die Arbeiten der Künstlerinnen werfen ein neues (pinkes) Licht auf die Doppelmoral bei der Darstellung weiblicher Sexualität. Vielleicht können sie sogar dazu beitragen, dass irgendwann einmal eine weibliche Brustwarze nur noch eine Brustwarze ist - und kein Skandal. 

Die Ausstellung "Virtual Normality" könnt ihr noch bis zum 8. April 2018 im Museum der bildenden Künste in Leipzig besuchen.

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