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Interview

Elisabeth Furtwängler: Instagram-Studie enthüllt: Wer Heidi Klum folgt, bleicht sich die Zähne

Eine neue Studie zum Thema weibliche Selbstinszenierung in den neuen Medien zeigt: Frauen sind auch auf YouTube, Instagram und in Musikvideos unterrepräsentiert. Elisabeth Furtwängler, Mitbegründerin der MaLisa Stiftung, spricht mit NEON über die Ergebnisse. 

Elisabeth Furtwängler

Elisabeth Furtwängler (r.) hat mit ihrer Mutter Maria Furtwängler (l.) die MaLisa Stiftung gegründet.

Soziale Medien sind toll! Sie bieten jedem von uns Platz, sich selbst darzustellen. Jeder hat die Chance sich individuell und kreativ auszuleben. Das dies jedoch nicht immer der Fall ist, zeigt eine neue Studie der MaLisa Stiftung. Die Stiftung, die von "Tatort-Kommissarin" Maria Furtwängler und ihrer Tochter Elisabeth ins Leben gerufen wurde, setzt sich weltweit gegen Gewalt gegenüber Frauen und in Deutschland vor allem für die Überwindung von eingeschränkten Rollenbildern ein. Schon 2017 erhoben sie eine Studie zur Repräsentation von Frauen in Film und Fernsehen in Deutschland. Die Ergebnisse waren erschreckend. Grob zusammengefasst werden Frauen nur halb so oft gezeigt wie Männer und ab 35 Jahren verschwinden sie quasi komplett. Jetzt war es an der Zeit, auch die sozialen Medien unter die Lupe zu nehmen.

Weibliche (Selbst)Inszenierung in den sozialen Medien

Genauer betrachtet wurden dabei die Plattformen YouTube und Instagram, aber auch die Inszenierung von Frauen in Musikvideos. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Frauen auch auf diesen Plattformen unterrepräsentiert sind. Bei den 100 beliebtesten Musikvideos, den 100 beliebtesten YouTube-Kanälen und den Top 100 Instagrammern herrscht in Deutschland das Verhältnis 1 zu 2. Dieses Ergebnis ist erschreckend. Das findet auch Elisabeth Furtwängler. Sie ist selbst Musikerin, weshalb sie auch die Analyse von Musikvideos in der Studie initiierte und tritt unter dem Namen Lisa Fou als Singer-Songwriterin auf. Mit NEON hat sie über die Ergebnisse der Studie gesprochen.

Die Studie fand heraus, dass Frauen auf YouTube nur zu einem Drittel repräsentiert sind. Hat dich das überrascht?

Ja, vor allem, dass der Korridor für Frauen, von dem was sie erfolgreich veröffentlichen, thematisch sehr eng ist. Das ist sehr auf Beauty-Themen konzentriert. Männer haben eine viel größere Bandbreite. Die machen Comedy, Politik, Games und sind auch vom Aussehen her diverser: Männer sind auf YouTube mal dick, mal dünn, mal groß, mal lustig. Bei Frauen zeigt sich sehr stark ein Schönheitsideal und die Inhalte sind nicht sehr vielfältig. Das hat mich überrascht, weil YouTube für mich eigentlich der Raum ist, wo man alles hochladen kann.

Was sagen die befragten YouTuberinnen dazu?

Dass es schwer ist, etwas anderes zu machen als diese stereotyp weiblichen Kategorien wie Beauty. Wenn man sich als Frau ein bisschen rauswagt und versucht, über etwas anderes zu reden, trifft man auf extrem viel Hate. Da wird dann sofort Druck ausgeübt, damit sie sich nicht aus dieser Nische raus bewegen. Das andere ist, dass es auf YouTube für Frauen schwerer ist, genauso erfolgreich zu sein wie Männer. Es gibt auf YouTube keinen Mutterschutz und so weiter. Wer nichts hochlädt, bekommt kein Geld. Der Algorithmus lässt keine Pause zu. Die Gender Gap ist dort genauso präsent.

In der Studie ist auch herausgekommen, dass sich die erfolgreichen Influencerinnen in veralteten Geschlechterrollen präsentieren. Haben wir die nicht schon überwunden? Und warum denkst du, funktioniert das immer noch so gut?

Ich finde das total krass. Es ist wirklich wie in den 50er-Jahren. Frauen sind süß und passiv und zeigen sich eher zuhause. YouTuber sein wird von Frauen eher als Hobby ausgegeben. Bei Männern ist es eher professionell und sie zeigen sich draußen. Ich kann da jetzt nur vermuten, dass wir als junge Mädchen so extrem geprägt werden von Bildern. Ich kenne das auch von mir selbst. Vor allem in Musikvideos, deshalb haben wir auch das analysiert. Frauen sind sexy und Männer haben Macht. Es bedarf sehr viel Arbeit, damit junge Mädchen anfangen, Dinge zu hinterfragen und andere Sachen hochzuladen, also nicht diese veralteten Geschlechtermodelle, die einfach auch funktionieren. Die sehen, dass die anderen Millionen Follower haben und wollen dann natürlich das Gleiche machen. Wenn man etwas anderes versucht, wird man mega gehatet und es bedarf großen Mutes und Überzeugung. Da wollen wir Zahlen und eine nüchterne Basis bieten, um die Diskrepanz zu zeigen. Und somit den Frauen die Möglichkeit geben, anders zu denken. Wir Frauen müssen uns da auch extrem unterstützen. Es gibt diesen krassen Hate von Männern, aber auch von Frauen gegen Frauen. Das bedeutet für mich aber auch, dass wir YouTuber, die veraltete Geschlechtermodelle repräsentieren, nicht runter machen. Wir müssen aufhören, uns als Frauen gegenseitig niederzumachen.

Wie sehen die Ergebnisse im Bezug auf Instagram aus, hat dich irgendwas schockiert?

Ja! Also was ich richtig krass fand ist, dass zum Beispiel die befragten weiblichen Follower von Heidi Klum bei ihren eigenen Bildern zu 100 Prozent ihre Haut mit Apps optimieren. Das fand ich ziemlich krass! Und auch vermehrt Filter benutzen, sich die Beine länger machen. Mädchen, die Influencern, die das klassische Instagram-Beautyideal repräsentieren folgen, ahmen das extrem nach.

Ich habe ja wirklich Respekt vor den Frauen die das machen, Dagi Bee und so, aber die können doch bestimmt mehr.

Wie nehmen das die in der Studie befragten Jugendlichen selbst war?

Also im Bereich Musikvideo haben wir das genau befragt, da war es ganz interessant, dass die Wahrnehmung ganz anders war als die Fakten. Bei Musikvideos ist die Repräsentation von Frauen 1 zu 2. Die Jugendlichen nehmen das aber gar nicht so wahr. Sie dachten, es gibt mehr weibliche Musiker als männliche. Eine Frage in dem Bereich war auch, ob die Jugendlichen gerne so sein würden wie die weiblichen Künstler, bzw. ob die Jungen sich so eine Freundin wünschen würden und die Antwort war, mit drei von vier Jugendlichen, ja. Trotzdem haben wir auch herausgefunden, dass sie sich selbst in einem Musikvideo nicht so sexualisiert darstellen würden. Da haben wir sie malen lassen, wie sie ihr Musikvideo gestalten würden.

Warum empfindest du eine gleichberechtigte Repräsentation von Männern und Frauen in den Medien als so wichtig?

Ich finde es immer wieder krass, wenn man sich alte Filme anschaut. Ich habe jetzt erst vor kurzem "Lady MacBeth" angeschaut und dachte so, ach cool, da lerne ich etwas. Und dann hat mich das so umgehauen, wie selbstverständlich da mit Vergewaltigung und Erniedrigung umgegangen wird, wie krass Frauen immer als das schlechtere Geschlecht bezeichnet wurden. Wir haben so ein Glück, dass wir in einer Zeit leben, in der wir uns über unsere Rechte bewusst sind, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Wir sind alle Menschen. Für mich wäre also die gleichberechtigte Darstellung in den Medien das natürliche Fazit, von dem wie die Welt eigentlich ist.

Trotzdem zeigen die Ergebnisse der Studie, dass es eben nicht so ist. Was bedeutet das?

Das wir noch viel Arbeit haben. Es ist schon extrem viel passiert, das darf man nicht vergessen. Aber das bedeutet, dass wir, jeder Mensch, jeder Mann, jede Frau, das tun soll, dass wir in unserem Schaffenskreis tun können. Für mich und meine Mutter als Schauspielerin bedeutet das in den Medien. Und wir haben die Möglichkeit, so etwas zu finanzieren, also machen wir es. Und ich glaube, dass jeder Mensch für sich im Privaten etwas ändern kann. Dass man seiner Freundin nicht nur Komplimente macht, wenn sie abgenommen hat. Sondern sagt: "Hey, das ist aber cool, was du da gesagt hast, das fand ich spannend." Dass man sich eben gegenseitig unterstützt. Und so kann sich etwas ändern, wenn wir alle anpacken und etwas dagegen tun. Auch, wenn es einige Zeit dauern kann. 

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