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Meinung

Nach Grönemeyer-Debatte: Wir dürfen uns von Nazis nicht die Demokratie erklären lassen!

Die irre Diskussion um Herbert Grönemeyers Konzertansage hat mal wieder bewiesen: Rechtsextreme versuchen immer dreister, ihre Gegner als die eigentlichen Feinde der Demokratie bloßzustellen. Warum wir nicht aufhören dürfen, uns gegen diesen Wahnsinn zu wehren.

Herbert Grönemeyer

Wer sich gegen Nazis positioniert, wird inzwischen gerne als Demokratiefeind bezeichnet

In den letzten Tagen hatte ich mal wieder jede Menge Hass, Beleidigungen und Drohungen im Postfach. In einem kurzen Kommentar hatte ich zuvor die Debatte um eine Ansage von Herbert Grönemeyer bei seinem Konzert in Wien als das bezeichnet, was sie war: völlig verrückt.

Als Journalist bin ich es schon seit einigen Jahren (ziemlich genau seit dem Spätsommer 2015) gewohnt, solche Reaktionen zu erhalten, und ich habe kein Problem damit. Das bringt der Beruf in diesen finsteren Zeiten von Brexit, Trump und AfD mit sich, sobald man seine Meinung äußert. Gegenrede muss man da aushalten, auch wenn sie nicht selten unter die Gürtellinie geht.

Grönemeyer und die Feinde der Demokratie

Trotzdem ist das Grönemeyer-Beispiel ein gutes, um einen besonders dreisten Move der Rechtsextremen und Verschwörungstheoretiker zu illustrieren: In fast allen Hassmails wurde ich – neben den üblichen Diffamierungen – aufgrund meiner Meinung als Feind der Demokratie beschimpft.

Derselbe Vorwurf also, den Grönemeyer über sich ergehen lassen muss. "Wenn Politiker schwächeln (...), dann liegt es an uns zu diktieren, wie eine Gesellschaft auszusehen hat", hat der Sänger gesagt, was ihm in der Aussage zum Beispiel vom Autor Bernd Stegemann als "bemerkenswert totalitärer Satz" ausgelegt wurde, und was ihm im Tonfall sogar einen Goebbels-Vergleich einbrachte.

Die üblichen Verdächtigen ließen sich natürlich auch nicht zwei Mal bitten und nahmen sich vor allem Heiko Maas vor, der Grönemeyer inhaltlich zur Seite gesprungen war. Der Außenminister stehe "diesem Anti-Demokratie-Gröler in nichts nach", twitterte die frühere CDU-Politikerin Erika Steinbach, und: "Aus diesem Holz sind Diktatoren geschnitzt." Die stellvertretende Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, Beatrix von Storch, sah in Maas deshalb gar "einen Fall für den Verfassungsschutz" und bezeichnete Grönemeyers Worte mit trumpesken Superlativen als "furchterregendste, übelste, totalitärste Hassrede, die ich je gehört habe".

Das ist natürlich eigentlich alles so drüber, dass es beinahe zum Lachen wäre, wenn diese Art der Kommunikation nicht längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen wäre. Aber deshalb ist genau jetzt der Moment gekommen, in dem wir Gefahr laufen, diesen gefährlichen Schwachsinn als alltäglich hinzunehmen.

Sowohl die Reaktionen an sich als auch die Argumentation belegen, wie AfD-Politiker und Gleichgesinnte immer unverhohlener vorgehen: Sie versuchen die Vorwürfe, denen sie sich immer wieder (zu Recht) ausgesetzt sehen, deckungsgleich an ihre Gegner weiterzureichen. Es ist eine dermaßen schlichte und durchschaubare Taktik, dass es erstaunlich ist, wie oft sie greift.

Kein Argument scheint mehr dumm genug

Sie wird angewendet wie ein Totschlagargument, weshalb sich vielleicht Menschen, die sich eigentlich gerne gegen Nazis engagieren würden, eingeschüchtert fühlen könnten. Genau das hat Grönemeyer erkannt und bezweckt mit seinen Worten und seinem Tonfall, mit einer Ansage, die er allerdings schon unzählige Male in ähnlicher Form gebracht hat: Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen! 

Und vor allem dürfen wir uns von Nazis nicht die Demokratie erklären lassen! Weil inzwischen kein Argument mehr dumm genug scheint, um in dieser gefährlichen Stimmungslage nicht vorgebracht zu werden. Weshalb wir dringender denn je nicht aufhören dürfen, uns gegen diesen Wahnsinn zu wehren.

"Wir brauchen Antifaschismus in seiner ruhigen und erklärenden Version, aber wir brauchen ihn auch in der lauten, enthusiastischen Version", schreibt Autorin Margarete Stokowski auf "Spiegel Online". Jede Wortmeldung ist wichtig – ganz gleich, ob wir lieber flüstern oder so laut brüllen, dass Nazis uns als Goebbels beschimpfen.