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Portrait: Holocaust-Überlebende, Spionin, Death-Metal-Sängerin: Inge Ginsbergs bewegtes Leben

Inge Ginsberg hat den Holocaust überlebt. Sie erfror fast bei ihrer Flucht durch die Alpen und machte danach von allem etwas –sei es nun Schreiben oder das Ausspionieren von Deutschen. Letztlich landet Inge aber bei dem, was sie liebt: Musik. Um genau zu sein: Death Metal.

Von Lisa Pawlowski

Inge Ginsberg im Alter von 58 Jahren

Inge Ginsberg im Alter von 58 Jahren

Die Death-Metal-Band "Inge & the TritoneKings" ist eigentlich wie jede andere Death-Metal-Band: Texte, die irgendwie düster sind, als Skelett geschminkte Gitarristen und Schlagzeuger, plus jede Menge Kunstblut. Aber halt auch nur eigentlich. Denn "Inge & the TritoneKings" ist dann eben doch nicht wie jede andere Metal-Band – was vorrangig an der Leadsängerin liegt. Inge.

Denn Inge Ginsberg, geboren als Ingeborg Neufeld, ist stolze 96 Jahre alt. Und ihre Geschichte ist ebenso erstaunlich, wie die Tatsache, dass sie heute die Leadsängerin einer Death-Metal-Band ist.

Über Jahre musste sich Inges Familie verstecken

Inges Geschichte beginnt im Januar 1922 in Wien. Als Tochter einer wohlhabenden Familie hat sie nicht den schlechtesten Start ins Leben. Doch das ändert sich schon bald: Denn Inge ist Jüdin. Wir wissen wohl alle, was es damals bedeutet hat, jüdische Wurzeln zu haben. Jahrelang muss sie, zusammen mit ihren Eltern und ihrem Bruder, ein Leben im Verborgenen führen. Immer mit der Angst, irgendwann doch noch von den Nazis erwischt zu werden.

1942 inmitten des Zweiten Weltkriegs flieht die jüdische Familie schließlich aus Wien. Ohne Vater – der wurde in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Bruder macht sich Inge auf den Weg. Ihr Ziel ist die Schweiz. Doch der Weg dorthin führt über die gefährlichen Alpen. Ein Vorhaben, das Inge, so sagt sie selbst in der Dokumentation "Death Metal Grandma", fast das Leben gekostet hätte. Jahre später, als "Inge & the TritoneKings" bei der Schweizer Version von "Das Supertalent" auftreten, wird sich die 96-Jährige mit den Worten "Mein größtes Talent ist nicht singen – sondern überleben" vorstellen.

Die Neufelds schaffen es in die Schweiz, sind von nun an Flüchtlinge. Die ersten Jahre in ihrer neuen Heimat muss die Familie deswegen zuerst in einem Auffanglager, danach in mehreren Arbeitslagern verbringen. Seit der Flucht aus Wien immer an Inges Seite: Otto Kollmann, ihr (zukünftiger) erster Ehemann.

Sie schmuggelte Waffen und Kriegsverletzte

1944, zwei Jahre nach ihrer Flucht, besorgt Otto Kollmann "seiner" Ingeborg einen Job. Sie soll als Haushälterin in einer Villa arbeiten. Das Wort Haushälterin muss man in diesem Fall allerdings in sehr große Anführungszeichen setzen: Inge ist in dieser Zeit als Spionin für den amerikanischen Geheimdienst, der seinen Sitz in der "Villa Wespthal" hat, tätig. In Ihrem Buch "Die Partisanenvilla" schreibt sie außerdem, dass sie aktiv daran beteiligt war, Waffen in das Kriegsgebiet zu schmuggeln, sowie Verwundete aus Italien in die Schweiz zu schleusen.

Doch der Krieg ist irgendwann zu Ende – und Inge heiratet ihren Otto. Was sie verbindet? Unter anderem die Liebe zur Musik. Da trifft es sich gut, dass das Ehepaar von "Capitol Records" angeworben wird. Sie sollen Songs für Hollywood schreiben. Das lassen sich die Kollmanns nicht zwei Mal sagen. Sie verlassen Zürich, wo sie einige Jahre gelebt haben, und machen sich auf in das Land der "unbegrenzten Möglichkeiten". Vor Ort kommt dann schnell die Ernüchterung: Das Paar fühlt sich nicht wohl. Sie wollen zurück nach Europa. Und das, obwohl die Kollmanns unter anderem Lieder für Größen wie Doris Day und Dean Martin komponierte, wie die "New York Times" schreibt.

Zurück in Zürich dann die Trennung von Otto. Inge arbeitet jetzt als Journalistin und hat so die Möglichkeit, nach Tel Aviv zu kommen. Hier lernt sie Ehemann Nummer zwei kennen. Er ist wohlhabend, ermöglicht ihr in Israel das Luxusleben, das sie bereits vor Jahren in Wien geführt hatte. Aber auch diese nächste Liebe hält nicht lange.

Laut der "Times of Israel" soll die 96-Jährige allgemein kein Kind von Traurigkeit gewesen sein. So sagt man, dass sie mehrere Lebensgefährten gehabt haben soll ­­­– teilweise wohl vier zur gleichen Zeit. Doch dann kommt Kurt Ginsberg, ihr dritter und letzter Ehemann. Gemeinsam leben sie in Ecuador. Als es gesundheitlich nicht mehr geht, zieht das Ehepaar nach New York. Bis Kurt schließlich stirbt.

"Death Metal? Was ist das?"

Lange jettet Ginsberg zwischen New York und der Schweiz hin und her. Sie hat angefangen, Gedichte zu schreiben. Was ihr jedoch fehlt: Zuhörer. Familie, Ehemann, Freunde – alle sind tot, berichtet sie in "Death Metal Grandma". Zufällig lernt Inge dann vor einigen Jahren Pedro de Silva kennen, einen Musiker. Auch er kommt in der Dokumentation zu Wort und erzählt, dass sie ihm eines Sommers ein paar dieser Gedichte gezeigt hat. "Ich habe ihr gesagt, dass das wie Death-Metal-Lyrics klingt. Sie sagte 'Death Metal? Was ist das?'"

Mittlerweile sind, neben zwei anderen Musikern, sowohl Inge als auch Pedro de Silva Teil von "Inge & the TritoneKings". Neben ihrem Auftritt beim Schweizer "Das Supertalent", versuchten sie ihr Glück unter anderem auch beim "Eurovision Song Contest" und bei "America's Got Talent". Bei Letzterem hatte sie jedoch einen Blackout und konnte sich nicht mehr an den Songtext erinnern.

Das macht Inge aber nichts. Sie ist am Leben. Und sie muss keine verrückten Dinge tun, um das zu beweisen.

Quellen: "The Rolling Stone", The New York Times, "Times of Israel", "Death Metal Grandma"

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