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Protest in NRW: Der Wald darf nicht sterben: Warum Jona seit Wochen auf einem Baum sitzt

Umweltverschmutzung bringt einen auf die Palme – oder eben ins Baumhaus. In NRW sitzen Demonstranten seit Monaten in den Baumkronen. Sie wollen verhindern, dass der Energiekonzern RWE Bäume rodet, um Braunkohle abzubauen.

Von Laura Heyer

Baumhaus im Wald

Protest im Wald: Ein Aktivist klettert zu einem Baumhaus im Hambacher Forst

Als am Mittwoch mehr als hundert Polizisten in den Hambacher Forst vorrücken, sitzt Jona im Baum. In 20 Metern Höhe ist der Handyempfang schlecht, als NEON ihn erreicht. Auch Internet geht nur ab und zu im Baumhaus. Jona ist einer von mehr als 150 Aktivisten, die in einem Waldstück in gegen die Abholzung des alten Eichenwaldes protestieren. Sie leben in zahlreichen kleinen Baumhausdörfern mit rund 30 Häusern. "Für mich ist das hier der Ort, um mich aktiv an der Klimabewegung zu beteiligen“, sagt der 26-Jährige.

Die Rodungssaison beginnt

Das Problem hinter ihrer Aktion: der Wald gehört dem Energieunternehmen RWE Power AG. Das will 100 der 200 Hektar Wald abholzen, um auf der etwa fußballfeldgroßen Fläche Braunkohle zu fördern – als Besitzer rechtlich machbar, zumal ab dem 1. Oktober die sogenannte Rodungssaison beginnt. In dieser Zeit können Bäume gefällt und Büsche entfernt werden. Das Waldstück liegt im Rheinland, im Südosten des Braunkohletagebaus bei . Riesige Bagger befördern dort Rohstoffe aus der Erde und graben sich durch die Landschaft. Dafür braucht es Platz.

Tausende Hektar Wald sind dafür in Hambach gewichen. Der sogennante Bürgewald in NRW gilt als rheinischer Ur-Wald, da er schon seit über 10 000 Jahren existiert. Die teilweise 300 Jahre alten Bäume bieten Zugvögeln und zahlreichen geschützten Tierarten Unterschlüpf. Mit ihrem Protest wollen Jona und seine Mitstreiter dieses Ökosystem bewahren. Aber es geht nicht nur um das Leben der Haselmaus.

Aufräum-Einsatz

"Die Bäume müssen gefällt werden, um weiter an die Kohle zu kommen, die für die Stromproduktion in NRW wichtig ist“, sagt Guido Steffen, Pressesprecher bei der  Power AG für den Bereich Energiepolitik. Die Braunkohle decke 15 Prozent des Strombedarfs in NRW, so Steffen. Auch er ist in diesen Tagen vor Ort. Zwar stehe man mit den friedlichen Protestlern in Kontakt, "aber unsere Standpunkte sind einfach komplett gegensätzlich“.

Am Mittwoch begannen Arbeiter von RWE, Gegenstände wie Paletten und Baumaterial aus dem Wald zu räumen. Geschützt wurden sie dabei von mehr als 100 Polizisten aus NRW. Nach heftigen Protesten und Verletzten bei Polizei und Aktivisten, wurde der  Einsatz nach einem Tag offiziell beendet. 

Symbol für den Konflikt

Jona versteht sich als Umweltaktivist: Er ist Teil von "Hambi bleibt“, einer Initiative, die seit über sechs Jahren gegen die Abholzung des Waldes in Hambach protestiert. Sie kämpfen damit vor allem gegen den Braunkohleabbau in NRW. Die Förderung des sogenannten "schwarzen Goldes“ ist seit Jahren umstritten: Einerseits, weil als klimaschädlich gilt. Andererseits, weil für den Abbau Wälder abgeholzt und ganze Dörfer umgesiedelt werden müssen. Der Wald in Hambach ist damit zum Symbol im Konflikt um den Abbau von Braunkohle in Deutschland geworden.

Verschiedene Gruppen mit ganz unterschiedlichen Zielen haben sich zusammengeschlossen, um den Hambacher Forst zu erhalten. Leute aus allen Alters- und Berufsgruppen leben im Wald. "Jeder Tag ist hier anders, weil es so viele Möglichkeiten gibt“, erzählt Jona. Wasser und Essen müssen organisiert und Bau- und Kletterausrüstung hergeschafft werden. Man kann sich auch dabei beteiligen, die Finanzen zu regeln oder Pressearbeit zu machen. Oft wird von Anwohnern oder Unterstützern Essen gespendet – und auch in den Supermarkt gehen die Aktivisten nicht unbedingt, sondern sie suchen Lebensmittel, die andere weggeschmissen haben und die man noch verwenden kann – das sogenannte containern. Rauf auf die kommen Menschen und Essen dann nur an einem Seil mit Kletterausrüstung.

Kohlekommission - wie geht es weiter?

Mehr über sich und das Leben im Wald möchte der 26-Jährige aber nicht preisgeben. "Woher die meisten kommen oder was sie machen, weiß ich gar nicht so genau“, sagt er. Damit wolle man Repressionen durch die vermeiden. Die Aktion der Aktivisten ist umstritten, da sie den Wald besetzen. Zudem kam es auch zu gewaltsamen Ausschreitungen, eine Aktivistin wurde sogar zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Jona selbst ist über eine Demo auf den Wald in NRW aufmerksam geworden und unterstützt nun das Presseteam.

Seit mehreren Jahren leisten Waldbesetzer heftigen Widerstand gegen die Pläne des Energieunternehmens. Außerdem fordert ein breites Bündnis aus Natur- und Klimaschützern (BUND) einen Stopp der Rodung, solange die Politik noch nicht entschieden hat, wie es mit der Förderung von Braunkohle in Deutschland weitergeht. Die Bundesregierung hat in diesem Jahr die "Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung", kurz Kohlekommission, eingesetzt. Sie soll über die Zukunft von Holzkohle als Brennstoff und den möglichen Ausstieg aus der Förderung von Braunkohle beraten und bis Ende 2018 einen Aktionsplan vorlegen. Der Streit um den Wald in Hambach gehört aber nicht zu ihrem Auftrag.

Die Proteste spalten die Region um den Hambacher Forst und spitzen sich in den vergangenen Wochen immer weiter zu. Braunkohlegegner und Naturschützer werfen der Polizei und dem Unternehmen vor, sie zu kriminalisieren. RWE verweist unterdes darauf, dass die Rodung und Erweiterung planmäßig und von der vergangenen, rot-grünen Landesregierung bestätigt worden sei. Für Jona zeigt die ganze Debatte vor allem "wie erfolgreich unser Widerstand ist.“

Kaffee im Baumhaus

"Nach dem 1. Oktober werden wir mit der Rodung beginnen“, sagt RWE-Pressesprecher Guido Steffen zum weiteren Vorgehen. Die Arbeiter von RWE würden dann unter Polizeischutz beginnen, den Wald zu roden. Die Braunkohlebagger selbst werden in etwa zwei Jahren an der Stelle des Hambacher Forstes angekommen sein. Vorher müssen laut RWE noch geschützte Tierarten umgesiedelt oder alte Kampfmittel aus dem zweiten Weltkrieg gesichert werden.

In 20 Meter über dem Boden harren Jona und andere Aktivisten bis dahin weiter aus – manchmal zu zweit, manchmal alleine. Die Häuser sind ausgestattet wie kleine Wohnungen, zum Frühstück gebe es sogar Kaffee, erzählt Jona. "Wir sind darauf vorbereitet, jederzeit belagert zu werden." Sollte der Wald tatsächlich geräumt werden, würde er weiterkämpfen wollen, solange die Bäume noch stehen.