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Nach "Ehe für alle"-Abstimmung: Hass und Intoleranz: Eine junge Rumänin erzählt, warum sie nach Deutschland auswandern will

In Rumänien scheiterte ein Referendum, das die Homo-Ehe verbieten sollte. Widerstand gegen die geplante Verfassungsänderung kam auch von der jungen Generation. Iulia erzählt NEON, warum sie nicht zur Wahl gegangen ist.

Frau sitzt auf Baumstamm vor See

Heimat ohne Zukunft: Auch wenn sie ihr Land liebt, sieht die 28-jährige Iulia keine Zukunft für sich in Rumänien.

Stell dir vor, du bist Mitte 20, jung, aufgeschlossen, hast studiert und willst nun voll ins Leben starten. Aber du lebst in einem Land, in dem Religion und Tradition dominieren. Das zwar in der EU ist, aber politisch und wirtschaftlich noch lange nicht modern. Stell dir vor, du arbeitest jeden Tag, damit es deinem Land besser geht und deine Generation eine Zukunft hat – aber du hast das Gefühl, du kannst nur verlieren.

So geht es aktuell vielen jungen Rumänen. Deutlich wurde ihre Situation am letzten Wochenende: Zwei Tage konnten die Bürger abstimmen, ob die gleichgeschlechtliche , die Ehe für alle, langfristig verboten werden sollte. Die orthodoxe Kirche und christliche Fundamentalisten wollten den Begriff "Ehegatten“, der bisher in der Verfassung steht, durch "Mann und Frau“ ersetzen. Rumänien ist immer noch sehr religiös geprägt, Homosexualität weitgehend ein Tabuthema: Erst seit 2001 ist sie nicht mehr strafbar.

Doch der Plan ging nicht auf: Nur 20 Prozent der insgesamt 18 Millionen Wahlberechtigten gingen überhaupt zur Wahl – eine Beteiligung von 30 Prozent wäre nötig gewesen. Die Niederlage ist zugleich auch ein Gesichtsverlust für die Regierung, nachdem Politiker offiziell für das warben. Doch warum gingen die Rumänen nicht zur Wahl? War es Desinteresse? Unwissenheit? Es ist viel mehr, sagt Iulia.

"Sie würden gewinnen, da waren wir sicher"

Die 28-Jährige kommt aus der Stadt Suceava im Norden des Landes und lebt nun in Bukarest. Sie gehört zu den jungen, gut ausgebildeten , die studieren, in großen Unternehmen arbeiten und gegen die Regierung und die verkrusteten Strukturen protestieren. Trotzdem sieht Iulia keine Zukunft für sich in ihrem Land. Warum, erzählt sie NEON. Ein Protokoll:

"Ich war total nervös am letzten Sonntag, genau wie die meisten meiner Freunde. Zwei Tage konnte man abstimmen, Samstag und Sonntag. Sie würden gewinnen, da waren wir uns sicher. Sie, das sind die Gegner der – alle, die festschreiben wollen, das Ehe nur zwischen Mann und Frau stattfinden sollte. Alle, die keinen Platz lassen für andere Lebensentwürfe, die nicht mit dem traditionellen Rollen- und Familienbild übereinstimmen. Tradition und Religion bestimmen in Rumänien immer noch alles. Ein Großteil der Bevölkerung lebt auf dem Land, das Leben und die gesellschaftlichen Vorstellungen haben sich dort in den letzten 100 Jahren kaum verändert. Viele Menschen vertrauen auf die Worte der Kirche und der Politiker in ihrer Stadt.

In manchen Bezirken wurden angeblich am Wahltag Leute mit 17 Personalausweisen gefunden, für deren Besitzer sie wahrscheinlich abgestimmt haben

In den letzten zwei Wochen konnte man von vielen Kanzeln im Land die Hate-Speeches der Priester gegen die Homo-Ehe hören. Im Internet finden sich unzählige Handy-Videos solcher Predigten. Dieser Hass und die Intoleranz, mit denen den Menschen dort das Bild der "traditionellen Familie“ eingeimpft wurde, macht mich einfach wütend. "Schützt eure " heißt es da, Homosexualität sei eine Plage, die die Gesellschaft gefährdete und Kriminalität förderte.

Hinzu kommt, dass viele Einwohner von den regionalen Autoritäten in ihrem Dorf unter Druck gesetzt wurden: Wer alt und krank ist, erhält im Austausch Nahrungsmittel oder Unterstützung, wenn er das "Richtige“ wählt. Und das Richtige ist immer im Sinne der Regierungspartei. In manchen Bezirken wurden angeblich am Wahltag Leute mit 17 Personalausweisen gefunden, für deren Besitzer sie abgestimmt haben. Viele Menschen auf dem Land wussten nicht mal, für was genau sie eigentlich zur Wahl gegangen sind.

Fünf mal verheiratet – aber die perfekte Familie

Und auf der anderen Seite gab es diese unglaubliche Propaganda gegen die Ehe für alle, mit denen die Menschen aufgescheucht werden sollten. Politiker der Regierung, selbst der Premier Minister, warben für das Bild der perfekten Familie zwischen Mann und Frau. Es wurden Bilder aufgehängt und Flyer verteilt mit Themen wie: "Schützt unsere Kinder davor, von Homosexuellen adoptiert zu werden“. Dabei sind die Politiker der Regierungspartei PSD eigentlich keine geeigneten Vorbilder: Der Ex-Ministerpräsident Calin Popescu Tariceanu war fünf Mal verheiratet. Der Präsident des Parlaments, Liviu Dragnea, hat seine Frau für einen 30 Jahre Jüngere verlassen – aber immerhin für eine traditionelle Ehe zwischen Mann und Frau. Das ist einfach nur ironisch.

Die Regierung will die Menschen ablenken von dem, was eigentlich schief läuft in unserem Land, von den Gesetzen die noch verändert werden sollen, um die Mächtigen noch mächtiger zu machen.

Und am Ende geht es doch gar nicht um die Ehe für alle oder das Referendum. Die Regierung will die Menschen ablenken von dem, was eigentlich schief läuft in unserem Land, von den Gesetzen, die noch verändert werden sollen, um die Mächtigen noch mächtiger zu machen. Da passt es doch wunderbar, in den komischen Homosexuellen die Schuldigen zu suchen. Mit ihrem Referendum wollte die Regierung besonders in den ländlichen Gebieten ihre Anhänger beruhigen und wieder mehr Zustimmung gewinnen. Seit mehr als zwei Jahren verliert sie nämlich immer mehr Unterstützer, das Land fährt politisch vor die Wand, alles fällt auseinander. Das nur 20 Prozent der Bevölkerung überhaupt abgestimmt haben, zeigt, dass die meisten Menschen diese Art von Politik nicht wollen. Oder es ihnen im schlimmsten Fall einfach egal ist.

"Ich habe nicht abgestimmt, um diese politische Manipulation nicht zu unterstützt"

Vor allem meine Generation hat sich vorher auf Social Media gegen die Abstimmung stark gemacht und zum Boykott aufgerufen. Ich bin auch nicht gegangen, ich habe nicht abgestimmt, um diese politische Manipulation zu unterstützt, denn ich will kein Teil davon sein. In Propaganda und Kampagnen für das Referendum wurden Millionen investiert – als ob es nichts Wichtigeres in unserem Land zu tun gäbe. Wir entfernen uns immer weiter von der EU, es gibt keine Jobs, viele Menschen sind arm und ohne Bildung und Perspektive.

Chance auf Veränderung in Rumänien?

Auch wenn das Referendum für die Regierung eine Niederlage war – es macht mich unglaublich unglücklich zu sehen, dass sich hier in Rumänien nichts verändern wird in den kommenden Jahren. Die religiösen Fundamentalisten sind immer noch unglaublich stark und mit der Politik verknüpft. Dabei spielen ihnen fehlende Bildung und Armut in die Hände. Und egal was wir jungen Leute tun, wie hart wir studieren, arbeiten, protestieren – es scheint sich nichts zu verbessern. Die Menschen werden nicht vom Staat unterstützt, sondern mit strengen Gesetzen und Steuern belastet, die Wirtschaft wird nicht gefördert. Nur wenn man bei der Regierung arbeitet, geht es einem gut, man hat Urlaub, verkürzte Arbeitszeiten, hohe Gehälter. Sie scheinen uns klein halten zu wollen, um uns besser zu kontrollieren.

Keine Wahl für eine bessere Zukunft

Ich habe meine Eltern gesehen, die nach dem Ende des Kommunismus alles getan haben, um ihr Rumänien aufzubauen. Sie sind eine Generation voll Aufopferung: Mein Vater war Ingenieur, als er keinen Job mehr gefunden hat, ist er Anwalt geworden, genau wie meine Mutter. Die beiden haben ihr ganzes Leben nur gearbeitet, damit meine Generation und ich ein besseres Leben haben.

Und jetzt? Sollen wir uns auch aufopfern und einfach hoffen, dass es besser wird? Ich habe die letzten Jahre Jura und Übersetzen und Dolmetschen studiert, Sprachen gelernt, hart gearbeitet und mein Land und die Wirtschaft unterstützt. Aber eine Zukunft sehe ich hier aktuell nicht für mich und meine Kinder. Wahrscheinlich werde ich mit meinem zukünftigen Mann nach Deutschland auswandern, er arbeitet in der Automobilbranche und hat dort gute Jobaussichten. Was mich nur so traurig macht ist, dass ich die Wahl für eine bessere Zukunft habe – viele Rumänen haben sie nicht."

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lau