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Meinung

Beschämender Sommerlochfüller: Die ganze Lächerlichkeit der Debatte um Schweinefleisch in Kitas

Zwei Kitas in Leipzig wollen Schweinefleisch vom Speiseplan streichen. So weit, so gewöhnlich. Doch eine beispielhafte mediale Empörungskette sorgt dafür, dass das Thema völlig außer Kontrolle gerät und ein Lehrstück für die schlimme Stimmung in diesem Land abgibt.

Schweinefleisch in Kitas

Nach Diskussionen um die Änderung des Speiseplans in zwei Leipziger Kitas hat sich auch die Polizei eingeschaltet

Wir haben in der Redaktion lange überlegt, ob wir diesem Thema überhaupt eine Zeile widmen wollen. In einer Zeit, in der die meisten Meinungsverschiedenheiten gleich zum Skandal hochgejazzt werden, ist Vorsicht geboten. Aber dann geriet die Debatte binnen Stunden außer Kontrolle – und funktioniert in ihrer ganzen Lächerlichkeit nun als mahnendes Beispiel.

Von vorne: Die Leitung zweier Kindertagesstätten in Leipzig hatte sich nach Angaben der "Bild"-Zeitung aus Rücksicht vor zwei muslimischen Mädchen im Alter von zwei und drei Jahren zu einer Änderung des Speiseplans entschlossen und Schweinefleisch sowie Gelatine-Produkte komplett gestrichen.

Schweinefleisch in Kitas: "Wir bekommen Drohungen"

Daraufhin hagelte es heftige Kritik. In den Kitas stünden die Telefone nicht mehr still: "Wir bekommen Drohungen", so ein Mitarbeiter gegenüber der Leipziger Volkszeitung. Sogar die Polizei schaltete sich ein – Berichte darüber, dass sie den beiden benachbarten Einrichtungen sogar Polizeischutz gewähren musste, wurden allerdings via Twitter zurückgewiesen:

Trotzdem hat es nun eine Kehrtwende bei den beiden betroffenen Kitas gegeben: Leiter Wolfgang Schäfer begründete das am Dienstagabend mit der medialen Aufregung nach dem Bekanntwerden seines Beschlusses. Im kommenden Kindergartenjahr wolle er das Thema beim ersten Elternabend ausführlich besprechen, so Schäfer zur Deutschen Presse-Agentur.

Damit bekommt die ganze Geschichte genau die absurde Pointe, die sie verdient. Denn wenn irgendein Überlebender in ferner Zukunft einem Nachgeborenen verklickern möchte, wie es um Deutschland im Jahr 2019 bestellt war, dann möge er genau diese Debatte nacherzählen.

Er möge nacherzählen, wie die Entscheidung zweier Kitas zur deutschlandweiten Angelegenheit hochgeschrieben wurde und damit eine mediale Empörungskette losgetreten wurde. Wie mit wenigen Schlagzeilen rassistische Ressentiments getriggert wurden.

Lehrstück für die schlimme Stimmung im Land

Wie sich binnen Stunden die üblichen Hetzer und Heuchler in der Öffentlichkeit positionierten und ihre peinlichen Parolen rausposaunten, weil in diesem für sie so glücklichen Fall einfach alles zusammenkommt: die Ausländer, die nicht nur "uns", sondern jetzt auch noch unseren Kindern vermeintlich ihre Kultur aufzwingen wollen. Und wie die Kitas ihre harmlose Speiseplanänderung schließlich zurückzogen – auch aufgrund von Meinungsbeiträgen wie diesen, die nur stellvertretend für Tausende (Hass-)Kommentare in den sozialen Netzwerken stehen:

Und so wird eine von den üblichen Brandstiftern heraufbeschworene Diskussion, die inhaltlich nicht mehr hergibt als ein durchschnittlicher Sommerlochfüller, zum Lehrstück für die schlimme Stimmung in diesem Land – obwohl alle Beteiligten eigentlich besser wissen müssten, dass es nicht zuletzt in unseren Kitas viel wichtigere Probleme zu beheben gibt.