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"Selbst schuld" Nach dem Mordfall Sophia L.: Warum ich keine Lust habe, ständig misstrauisch zu sein

Zwei Frauen im Zug
Wer schläft, kann nicht wachsam sein. Das kann sich unsere Autorin heutzutage als Frau nicht leisten (Symbolbild)
© Mixmike / Getty Images
Wer als Frau nicht aufpasst, hat die Männerhand im Schritt. Wer vorurteilsfrei ist, läuft dauerhaft Gefahr. Und wer kann, sollte immer wachsam sein. Denn sonst heißt es "selber schuld".  Unsere Autorin erklärt, wieso sie es leid ist, sich von der Vorsicht ihre Freiheit stehlen zu lassen.
Von Catherina Kaiser

Ich kann so ziemlich überall schlafen. Im Einzelbett mit drei Menschen. Ganz klein eingerollt auf dem Sitz im Fernbus. In einem zugigen Zelt auf einer nur halbherzig aufgeblasenen Luftmatratze. Das ist meine Art Superkraft. Doch wie das mit allen Superkräften so ist, hat auch meine eine dunkle Seite. Denn wer schläft, kann nicht wachsam sein. Und nicht wachsam zu sein, kann ich mir nicht leisten. Nicht als Frau.

Von uns Frauen wird Wachsamkeit und Vorsicht erwartet

Denn wenn du als Frau nicht aufpasst, wachst du vielleicht in einem leeren U-Bahn- Abteil auf, um festzustellen, dass der einzige andere Passagier – ein Mann, der dein Vater sein könnte – sich gerade vor dir einen runterholt. Wenn du als Frau nicht vorsichtig bist, schläfst du neben einem entfernten Freund ein, um dann davon aufzuwachen, dass sich plötzlich seine Hände in deinem Intimbereich befinden.

Und auch im Wachzustand reicht manchmal ein kurzer, unaufmerksamer Moment. Dann hat man vielleicht zwar nur mal eben eine Hand am Arsch oder ein paar Straßen lang einen Typen an der Backe kleben ("komm schon!") – ist aber auch nicht geil. Und klar könnte man sagen: Dafür, dass ich an öffentlichen Orten und mit entfernten Bekannten in Betten schlafe, dafür, dass ich nachts alleine nach Hause laufe und im Wald jogge, habe ich noch Glück gehabt. Eigentlich sollte ich es besser wissen. Eigentlich sollte ich halt einfach vorsichtiger sein.

Die Schuld wird bei dem Opfer gesucht

Zumindest ist das das Narrativ, das Mädchen und Frauen immer wieder hören. Sei vorsichtig, wenn du alleine unterwegs bist. Sei vorsichtig, was du anziehst. Sei vorsichtig, welche Signale du aussendest. Woher soll der Typ im Café, den du bedienst, auch wissen, dass dein Ausschnitt keine Einladung für ihn ist, dir 5 Euro zwischen die Brüste zu klemmen? Wie soll denn der arme Kerl auf der WG-Party ahnen, dass du mit ihm wirklich nur über amerikanische Politik sprechen und nicht in Wahrheit mit ihm schlafen willst (auch wenn du ihm das eigentlich gesagt hast)? Schön vorsichtig bleiben, girls.

Typische Fragen, die bis heute in fast jeder Nachberichterstattung über Vergewaltigungen aufkommen sind deshalb auch immer noch: Was hatte das Opfer an? Oder auch gern: Hat sie Alkohol getrunken – oder sich in irgendeiner anderen Art und Weise "unvorsichtig" verhalten (oder einfach so, wie sich andere Menschen – Männer nämlich – regelmäßig auch verhalten, nur eben mit anderer Fallhöhe).

Sophia L. ist selbst schuld – sie war halt nicht vorsichtig genug

Der aktuelle Fall der ermordeten Sophia L. treibt diese verdrehte Schuldzuweisung auf die Spitze. Die junge Frau stieg bei einem LKW-Fahrer ein, um zu einer Familienfeier in ihrer Heimat zu trampen und wurde sechs Tage später tot aufgefunden. Die Familienmitglieder und Freunde der 28-Jährigen durchleben seither die doppelte die Hölle: Einmal müssen sie mit dem gewaltsamen Tod ihrer Tochter und Freundin umgehen. Und zweitens mit dem Backlash, der ihnen seither im Netz entgegenschlägt. Der Tenor: Irgendwie ist die doch selbst Schuld. Sophia war halt nicht vorsichtig genug.

Noch schlimmer: Die marokkanische Herkunft des Täters wurde zum gefundenen Fressen für diejenigen, die sich immer nur dann um das Wohl von (deutschen!) Frauen scheren, wenn der Täter kein Deutscher war. Aus Kreisen von AfD, Pegida und Co. hallte blanker Hass – und Häme. "Deutschland 2018, trampen, bei einem marokkanischen LKW einsteigen. Was soll da schon passieren?", schreibt der Twitter- Account "Realitäten" spöttisch.

Als Frau alleine mit einem Mann mitzufahren gilt in dieser Gesellschaft scheinbar schlichtweg als lebensmüde – und das wird als Normalität akzeptiert. Weil Boys Will Be Boys. Aber das stimmt einfach nicht. Mario Barth und Media Markt wissen einen Scheiß. Männer sind nicht einfach so – aber die Taten von jenen Männern, die durch eine patriarchale Gesellschaft zu Gewalt- oder Sexualstraftätern werden oder schlichtweg ihre Machtpositionen ausnutzen, werden von der Gesellschaft immer noch legitimiert – und das selbst, wenn es um die grausamste aller Taten geht.

Mit zunehmender Vorsicht geht auch die Freiheit verloren

Ich habe keine Lust, ständig wachsam, ständig vorsichtig, ständig misstrauisch zu sein – denn dabei geht nicht nur verdammt viel Energie flöten, die ich gern für anderes verwenden würde, sondern nichts Geringeres als meine Freiheit. "Sophia war frei", erzählt ihre Cousine in einem aktuellen Interview mit der "Zeit", "nicht leichtsinnig. Sie hat sich ganz bewusst dafür entschieden, ein Leben zu leben, das so vorurteilsfrei und offenherzig wie möglich war“. Sophia L. wurde Opfer eines Gewaltverbrechens. Und nichts, rein gar nichts daran, ist ihre Schuld.

Christoph Busch sitzt in seinem Zuhör-Kiosk in der U-Bahnhaltestelle Emilienstraße in Hamburg

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