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Buchkritik: Die Frau mit der Lizenz zum Nerven: Sophie Passmann nimmt sich "alte weiße Männer" vor

Sophie Passmann sucht in ihrem neuen Buch nach dem Feindbild des Feminismus: dem alten weißen Mann. Und lässt dabei zahlreiche Promis zu Wort kommen. Warum sich das lohnt.

Sophie Passmann Buch

Sophie Passmann trinkt nach eigener Aussage gern Riesling und kann nicht Klavier spielen. In ihrem neuen Buch redet sie lieber – und zwar mit dem Feindbild des Feminismus, dem "alten weißen Mann".

Wer Sophie Passmanns neues Buch liest, bekommt das Bedürfnis, sich mit ihr an einen Tisch zu setzen. Scheinbar trinkt die 25-Jährige nicht nur nach eigener Aussage gern Wein (und versteht auch noch etwas davon), sondern sie hat vor allem eins: eine Meinung. Auf ihren Social-Media-Kanälen gibt es erfreulich wenig Superfood und Selbstoptimierung, dafür aber meist kluge Ironie zu allem, was in der Welt so abgeht.

Ihre schlagfertigen Texte bei Twitter haben sie bekannt gemacht, ebenso wie ihre Auftritte beim "Neo Magazin Royale", wo sie als Autorin arbeitet. Dazwischen hat sie noch Politik studiert, Poetry geslamt und beim Radiosender EinsLive volontiert. Doch für ihr neues Projekt hat sich die "Netz-Feministin" auf die Straße gewagt.

Klischee vs. Realität

In ihrem zweiten Buch will sie das Feindbild des Feminismus ergründen: den alten weißen Mann. Ihr Buch sei nicht der Versuch, die Geschlechterungerechtigkeit wegzulächeln oder Sexismus mit einem Glas Wein in der Sonne zu beenden. Es ist ein Gesprächsangebot, heißt es. 16 weiße Männern haben sich darauf eingelassen, manche alt, andere jung – alle aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen und politischen Lagern, die als einflussreich, machtvoll oder gefürchtet gelten. Sophie Passmann hat sich zur Aufgabe gemacht herauszufinden, wann ein "mächtiger Mann" zu einem "alten weißen Mann" wird . Sie will wissen, ob er vielleicht resozialisierbar ist – und wie aus jungen Männer keine alten weißen Männer werden.

Dafür klären wir kurz mal: Der alte weiße Mann ist ein Klischee. Er ist die Inkarnation einer Gruppe in unserer Gesellschaft, die Macht und Privilegien hat. Ein Mann Mitte 50, weiß, im Vorstand eines Unternehmens, entspricht unserer gesellschaftlichen Norm. Er braucht eigentlich nichts zu fürchten, denn er wird weder für sein Aussehen noch für seine Machtfülle in Frage gestellt. Der alte weiße Mann war schon immer da und seit #MeToo ist er nur deutlicher in den Vordergrund getreten. Denn er mag es nicht, wenn er in Frage gestellt wird, schon gar nicht von denjenigen, die aktuell nicht die gleichen Privilegien genießen. Damit ist er ein Synonym für die Angst vor dem Wandel in Fragen der Geschlechtergerechtigkeit, für die Angst vor dem Machtverlust.

Brutal real aber fair

"Sind Sie ein alter weißer Mann?", fragt die Autorin daher unter anderem Medienmänner wie Ex-"Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann, Moderator Jörg Thadeusz oder Sportkommentator Marcel Reif. Sie picknickt mit Kabarettist Claus von Wagner, trinkt Kaffee mit Micky Beisenherz, isst Eis mit CDU-Politiker Peter Tauber und redet auch mit Papa Passmann. Das Setting haben ihre Gesprächspartner ausgesucht, den Dialog bestimmt Passmann.

"Alte weisse Männer" von Sophie Passmann erscheint bei Kiepenheuer&Witsch und ist seit dem 7. März 2019 im Handel erhältlich.

"Alte weisse Männer" von Sophie Passmann erscheint bei Kiepenheuer&Witsch und ist seit dem 7. März 2019 im Handel erhältlich.

Doch "Alte weiße Männer" ist keine Aneinanderreihung von Interviews. Der Leser erlebt das Gespräch durch Passmanns Augen, hört ihre Gedanken, Anmerkungen und Einordnungen. Sie lässt ihn teilhaben an ihren Beobachtungen der Umgebung und ihres Gesprächspartner, die scharfsinnig, selbstironisch und teilweise zum lachen real sind. Wenn sie zum Beispiel mit Robert Habeck an der Spree sitzt und Touristendampfer namens "Carola" vorbeischippern, auf denen ältere Herrschaften sie und ihren Gesprächspartner genau mustern. "Erna guck du, du kennst doch immer so gut Gesichter", legt sie einer Beobachterin in den Mund. Oder wenn die Pförtnerin bei der Zeitung "Die Welt" anzweifelt, dass die junge Frau einen Termin mit dem Chefredakteur Ulf Poschardt hat – selbst bei ihrem zweiten Besuch.

Dadurch entsteht ein witziges und thesenreiches Buch, das manchmal ein bisschen polemisch, aber immer fair ist. Sophie Passmann lässt ihrem Gesprächspartner Raum und dem Leser die Möglichkeit, sich ein Urteil zu bilden. Auch wenn ihr offensichtlich manche Meinungen, wie die von Politikwissenschaftler Werner Patzelt oder 60er-Ikone Rainer Langhans ferner sind, als die von Netzexperte Sasha Lobo oder Juso-Chef Kevin Kühnert.

Passmanns Filterblase

Leserinnen werden viele Gesprächssituationen bekannt vorkommen: Wenn zum Beispiel gut die Hälfte der Männer eine Quote ablehnt. Weil sie schlecht sei für die Wirtschaft, für die Frauen, oder einfach wegen "ist so". Wenn man feststellt, dass der eigene Vater auch erst durch die Frauen in seinem Leben, die ihm emotional sehr wichtig sind, gelernt hat, dass da wohl doch etwas nicht stimmt mit der Gleichberechtigung. Oder, dass er vielleicht niemals ein Feminist wird. Doch genau hier liegt auch ein Problem des Buches: Die meisten von Passmanns Lesern und alle ihre Diskussionspartner stammen aus ihrer Filterblase. Wer Christoph Amend (Leiter des "Zeit-Magazins") und Werner Patzelt (Professor der Politikwissenschaft) kennt, steigt nicht zum ersten Mal in den Feminismus-Diskurs ein.

Und auch wenn das Thema Feminismus und Passmans Fragen zur Frauenquote und dem Sinn von Feminismus wohl im normalen Alltag erst nach einigen Gläsern Wein gefallen wären, sind doch alle ihre Partner eigentlich die Guten. Sie sind größtenteils aus der Medienbranche und der Politik und lassen sich (bis auf einige wenige) ohne Murren auf eine Diskussion ein. Und die, die das nicht tun, hatte man schon vorher im Verdacht. So überrascht es auch, dass Passmann immer noch fest an die feministische Seite von Modeblogger Jacob Haupt glaubt – was weder seine Aussagen, noch sein Auftreten annähernd vermuten lassen.

Ein Plädoyer fürs Nervigsein

Doch trotzdem und vielleicht gerade aufgrund der vermeintlichen Vorhersehbarkeit ist man gern dabei, bei ihrem "Schlichtungsversuch", wie der Untertitel des Buches verspricht. Denn Passmann bemüht sich um Verständnis für einen Feminismus, den viele ihrer Gesprächspartner immer noch als Angriff auf sich und ihre Macht verstehen. Und das nicht zu Unrecht, denn Gleichberechtigung fordert Veränderung. Eine, die für alle Seiten manchmal unbequem ist.

Unbequem, weil man mit dem Gegenüber in den Dialog treten und die Meinung des anderen aushalten muss. Weil Feminismus "kein Wunschkonzert" ist und man sich auch als Leser und Leserin selbst auf die Finger geschaut fühlt. Wie stehe ich eigentlich zur Quote, was halte ich vom Gendern und warum vertrete ich feministische Positionen, meide aber die Bezeichnung Feminist? "Es ist der Job von Feminist*innen zu nerven", schreibt Sophie Passmann in der Einleitung. Und zwar nicht nur den alten weißen Mann – denn der ist nur ein Symbol für ein strukturelles Problem: Für ein Netz aus Privilegien und Positionen, die keiner gern aufgibt, der davon profitiert. Das zu hinterfragen kann dann auch gern in der eigenen Filterblase beginnen.