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SPD-Wirrwarr: Brief an Sigmar Gabriel: Warum ich mich über unsere Demokratie wundere

Trotz hoher Beliebtheitswerte wird Sigmar Gabriel kein Minister im neuen Merkel-Kabinett. Unser Autor kann den geäußerten Unmut Gabriels verstehen, zeigt sich verwundert über unsere Demokratie und hat deswegen einen Brief an den amtierenden Außenminister geschrieben.

von Linus Günther

Sigmar Gabriel

Noch-Außenminister Sigmar Gabriel wird keine leitende Funktion im neuen Merkel-Kabinett übernehmen

Picture Alliance / DPA

Sehr geehrter Herr Gabriel,

so richtig verstehe ich es nicht: Sie – der derzeit beliebteste Politiker Deutschlands – dürfen nicht im neuen Groko-Kabinett dabei sein. Ihren Unmut darüber haben Sie bereits vor zwei Wochen geäußert, als wir alle noch dachten, Martin Schulz werde Außenminister. Heute geben Sie sich versöhnlich, wünschen der neuen Bundesregierung und ihrer Partei "von Herzen Erfolg" bei der Bewältigung der vor uns liegenden Herausforderungen. Man munkelt, man könne Sie nicht bändigen und sie würden dadurch langfristig Ihren Parteivorsitzenden schaden. Ich glaube in der heutigen Zeit, in der sich die Inhalte der großen Volksparteien immer weniger unterscheiden, sind besondere Persönlichkeiten wichtiger denn je. Und seien wir ehrlich: So viele hat die SPD im Moment nicht. Auch deswegen verstehe ich diese Entscheidung nicht.

Außerdem frage ich mich als kleiner Bürger schon ein bisschen, ob das eigentlich im Sinne unserer Demokratie ist. Olaf Scholz hatte bereits vor zwei Wochen in Bezug auf Ihren damaligen GroKo-Ärger appelliert, dass alle, die als Person in der Politik aktiv sind, „immer einen Blick dafür behalten [sollten], dass es um die Sache geht“, und in diesem Fall sei „die Sache unser Land“. Ich verstehe das nicht ganz. Denn wen soll Scholz mit „Land“ sonst meinen, wenn nicht das Volk, das in einer Demokratie – so war zumindest mal die Idee – doch das Wichtigste ist? Und das Volk will Sie – zumindest zu einem sehr großen Teil.

Nehmen Sie sich Zeit als Papa

Dennoch: Sie erzählen, Ihre vierjährige Tochter hätte Ihnen gesagt, sie müssten nicht traurig sein, denn so hätte Papa endlich mehr Zeit mit seiner Familie. Lieber Herr Gabriel, ich glaube, sie hat Recht. Mein Vater ist Arzt. Er hatte früher auch nicht sonderlich viel Zeit für mich und meine Schwestern. Und obwohl er seinen Job liebt, glaube ich, dass er das manchmal ziemlich bedauert, nicht da gewesen zu sein. Sie sagen, dass, sobald Sie auf der Heimfahrt das Ortsschild Goslar sehen, die Berliner Sorgen weit weg seien. Ich habe keinen Bezug zu Goslar, aber wenn ich mir Bilder von der Stadt ansehe, finde ich, sie sieht wunderschön aus. Nehmen Sie sich doch einfach die Zeit. Und bleiben Sie als Mitglied des Bundestags aktiv – Sie sind ja nicht komplett weg vom Fenster.

Oder kommen Sie einfach nach Hamburg! 

Und falls Sie doch schon vorher Lust auf eine andere Stadt und einen anderen leitenden politischen Posten haben: In Hamburg wird ja jetzt der Bürgermeisterposten frei! Das wäre doch auch was Schönes! Und auch Ihre Töchter wären nach kurzer Eingewöhnungszeit bestimmt begeistert sein. Ich war neulich erst mit meiner siebenjährigen Nichte im Miniatur Wunderland und es hat ihr sehr gefallen. Und auch sonst bietet Hamburg vieles für kleine Kinder. Außerdem habe ich gehört, dass der Bürgermeister zu dem sehr kleinen Kreis gehört, der jederzeit an Tickets für die Elbphilharmonie kommt. Und uns Hamburger kotzt politischer Wortbruch auch an, da haben wir ja erst kürzlich Erfahrung sammeln dürfen. Da hätten wir schon mal was gemeinsam! Sie können es sich ja mal überlegen. Ich würde Sie hier in jedem Fall sehr herzlich willkommen heißen.