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Interview

Grünen-Politikerin Madeleine Henfling: Sie flog aus dem Thüringer Landtag, weil sie ihr Baby dabei hatte - ein Gespräch darüber, was sich ändern muss

Die Grünen-Politikerin Madeleine Henfling flog aus dem Landtag in Thüringen, weil sie ihr Baby dabei hatte. Im Interview erklärt sie, wie überrascht sie vom Verweis war – und was sich gesellschaftlich beim Thema Kind und Karriere ändern muss.

Thüringen: Grünen-Politikerin Madeleine Henfling im Interview mit NEON

Grünen-Politikerin Madeleine Henfling aus Thüringen sprach im Interview mit NEON über ihren Verweis aus dem Erfurter Landtag

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Frau Henfling, haben Sie mit einem Rauswurf gerechnet, als Sie ihren wenige Wochen alten Sohn in den Plenarsaal mitgenommen haben? 

Dass darüber diskutiert wird, habe ich für möglich gehalten. Dass es aber so ausgeht, hat mich ehrlich gesagt überrascht. 

Es steckte also kein Kalkül dahinter?  

Nein, ich hätte eher gedacht, weil es ja auch in der Geschäftsordnung des Landtages möglich ist, dass der Präsident an der Stelle einfach sagt: 'Zu Abstimmungszwecken können Sie Ihren Sohn natürlich mit reinnehmen. Über den Rest diskutieren wir dann noch einmal.'

Wie empfanden Sie in diesem Zusammenhang die Aussage von Landtagspräsident Christian Carius, dass er aus Kinderschutzerwägungen jedem Abgeordneten empfehle, sich um eine Betreuung für sein Kind zu kümmern?

Das hat mich persönlich getroffen, weil er mir damit indirekt unterstellt, ich würde mein Kind gefährden – indem ich es mit in den Landtag bringe. Nur ist mein Sohn nicht mein erstes Kind. Ich habe schon zwei etwas ältere Kinder. Deshalb weiß ich durchaus, was für ein Kind gefährlich ist – und was nicht. Hinzu kommt noch, dass es völlig absurd ist, ein sechs Wochen altes Kind betreuen zu lassen. In diesem Alter sind Kinder, gerade wenn sie noch gestillt werden, sehr auf ihre Eltern angewiesen. Da funktioniert Fremdbetreuung schlicht und ergreifend einfach nicht.

Wie oft werden Sie mit solchen veralteten Denkmustern konfrontiert?

Eigentlich fast gar nicht.

Gerade deshalb muss Sie doch die Aussage von Herrn Carius schockiert haben, oder nicht?

Ich kenne den Landtagspräsidenten. Mir war im Vorfeld schon klar, dass er diesbezüglich keine progressive Haltung hat. Es hat mich in sofern nur überrascht, dass er so krass reagiert. Es ist schon eine neue Dimension, wenn ich mir überlege, dass ich auch schon meine Tochter, als sie ein Baby war, mit in den Kreistag genommen habe. Schließlich war es da auch in Ordnung.

Was muss sich denn für die Zukunft ändern?

Es braucht eine Diskussion darüber, wie man im Landtag damit umgeht. Es braucht auch eine Entscheidung dazu. Denn ich glaube nicht, dass man mit einem Verbot weiterkommt. Vor allem ist es auch nicht mehr zeitgemäß. Im Bundestag dürfen die Abgeordneten schließlich seit zwei Legislaturperioden bei Abstimmungen ihre Kleinkinder mitnehmen. Aber nicht nur in der Politik braucht es eine Diskussion darüber, wie Menschen, die Kinder großziehen, stattfinden, sondern auch generell in der Gesellschaft.  

Wenn Sie die Allgemeinheit schon ansprechen: Sie waren mehr als ein Jahr Geschäftsführerin des Landesfrauenrat Thüringen e.V. Was glauben Sie: Sind Kinder und Karriere ein Widerspruch in sich oder ein natürlicher Grundsatz unserer Zeit?

Wenn die Gesellschaft es unterstützt, ist es natürlich kein Widerspruch. Frauen können sehr gut selber einschätzen, was sie sich zutrauen können – sowohl während einer Schwangerschaft als auch mit einem kleinen Baby. 

Allerdings unterstützt es die Gesellschaft nicht immer, wie Ihr Fall auch zeigt.

Dazu braucht es ein Klima in der Gesellschaft, das Frauen unterstützt. Ihnen sagt: Wir finden Regelungen für dich und helfen dir. Doch dafür braucht es alle Menschen. Das ist leider nicht immer der Fall. In diesem Punkt haben wir in Deutschland noch viel Luft nach oben.

Was fordern deshalb die Grünen?

Diese Anerkennung, dieses Klima kann man in kein Gesetz schreiben. Das muss sich gesellschaftlich durchsetzen. Wir Grünen wollen dafür sorgen, dass Paare, die Eltern werden, nicht in Armut geraten. Dazu braucht es zum Beispiel im Steuersystem Anreize dafür, dass Frauen auch wieder in ihren Job zurückkehren. Das Ehegattensplitting hält viele Frauen allerdings davon ab. Zudem braucht es natürlich Unterstützung. Speziell heißt das: ein Recht zur Rückkehr von Teilzeit in Vollzeit. Momentan ist das für viele Leute schwierig, weil es zu wenig familienfreundlicher Arbeitsplätze gibt. Hier brauchen wir flexible Lösungen, die  von dieser repräsentanten Leistungsgesellschaft - also: wer am längsten im Büro sitzt, macht sein Job am besten - wegführen.

Was können Sie als Mutter von drei Kindern Frauen raten, die vor der Entscheidung stehen Kind oder Karriere?

Ich glaube, Frauen sollten mit ihrem Partner offen darüber reden, wie sie sich ein Leben mit Kindern vorstellen. Darüber reden viele Leute viel zu selten, bevor sie Kinder bekommen. Grundsätzlich sollte sich aber keine Frau entscheiden zwischen Kind und Karriere, sondern eigentlich sollte beides gehen.

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