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Bundesjugendspiele: Auf die Petition, fertig, los!

Die Mutter Christine Finke hat für große Aufregung im Land gesorgt: Sie will die Bundesjugendspiele abschaffen lassen. Eine Schule hat nun sogar aufgrund einer Drohung die Spiele abgesagt. Zehn Erkenntnisse aus einer aberwitzigen Debatte.

1. Den Bundesjugendspielen kann so schnell niemand etwas anhaben. Ihre Geschichte führt in die Nazizeit zurück, ein gewisser Carl Diem, Organisator der Spiele 1936 in Berlin, Erfinder des olympischen Fackellaufs und des Sportabzeichens, hatte die Idee die Spiele durchzuführen. Seit 1951 finden die Bundesjugendspiele regelmäßig wieder statt. Es geht nicht mehr um Ertüchtigung, sondern um Wettbewerb. Wer weit springen, noch weiter werfen und schnell laufen kann, bekommt je nach Leistung eine Teilnehmer-, Sieger- oder Ehrenurkunde, unterzeichnet vom Bundespräsidenten. Der aktuelle, Joachim Gauck, hat sich bisher aber noch nicht in die Debatte eingemischt. Dafür um so mehr …

2. … Sportjournalisten, die sich zu Wort gemeldet haben. Sie kommen in den führenden Debatten des Landes leider selten zum Einsatz. Selbst wenn die Paten der FIFA auseinandergenommen werden, übernehmen die Kollegen vom Wirtschaftsressort. Jetzt durften sie alle mal schwergewichtig sagen, wie entscheidend es ist, früh Niederlagen einzustecken. Ganz abgesehen von der Motorik, klar. Was leider viele der Yoga-Matten-Muttis vergessen würden, weil sie ja nie ins Olympiastadion gingen, um mit ihren Kindern zu trainieren – diese anstrengenden Helikopter-Eltern…

3. … Christine Finke zum Beispiel. Sie ist nicht nur Mutter, sie ist auch Stadträtin in Konstanz und weiß somit um ihre demokratischen Möglichkeiten als Bürgerin. Christine Finke schreibt überdies einen Blog, in dem sie sich auch familienpolitischen Fragen widmet, und weiß somit um die öffentlichkeitswirksamen Möglichkeiten des Internets. Zwei Gründe, sie hierzulande per se schon mal verdächtig zu finden. Der dritte: Sie will ihrem Sohn, der weinend aus der Schule nach Hause kam, weil er bei den Spielen nur eine Teilnahmeurkunde bekommen hatte, nicht beibringen, dass „von nix nix kommt“ und er nur härter werden müsse. Selber schuld, heißt es da, denn …

4. … das Leben ist schließlich ja kein – Moment, Ponyhof? Spielplatz? Hängematte? – also das Leben ist schließlich auch nicht immer nett zu einem. Besser als ein Besuch beim Kinderpsychologen sind Urkunden und hart erarbeitete Erfolge, vor allem an der frischen Luft.

5. Das alles hat mit Leistungsgesellschaft nichts zu tun. Wir sind hier schließlich in den Stadien. Und die haben eine ganz andere Tradition, da darf man auch in diesen Tagen getrost auf Griechenland (Olympia!) verweisen.

6. Olympioniken-Nachwuchs, sportbegabte und sportversessene Jugendliche gibt es in Deutschland offensichtlich aber nicht mehr in dem Ausmaß, wie man es gerne hätte und es ja auch mal war in diversen ideologisch gefärbten Zeiten. Heute sind da nur noch – Moment, Weicheier? – nein, unsportliche Kinder (FAZ), die einmal im Jahr zu den Bundesjugendspielen gezwungen werden, also bitte, das sollten die doch aushalten können, in Härtefällen führe das halt dazu, dass sie später als unsportliche Autoren oder sonstige Kreativwirtschaftler ihr Geld mit den erlebten Traumata verdienen könnten.

7. Die Teilnahme an den Bundesjugendspielen bleibt daher verpflichtend. Auch wenn 23,3 Prozent in einem Voting des SWR dafür gestimmt haben, dass es ein freiwilliges Ereignis sein sollte – was zusammengerechnet mit den Gegnern der Spiele eine leichte Mehrheit von 49 Prozent gegen die Spiele in jetziger Form ergäbe – nur 42,7 Prozent sind der Meinung, dass „Kinder lernen müssen, sich mit anderen zu messen“. Aber das ist jetzt Mathematik und die …

8. … steht hier nicht zur Diskussion, auch wenn einige Kommentatoren in den Foren diverser Medien meinten, sie müssten Mathe und Physik und sonstige unbeliebte Disziplinen in die Debatte werfen, die eben auch nicht abgeschafft werden würden, nur weil sie jemand nicht beherrsche. Sport hingegen, das ist …

9. … weit mehr als ein Klick. Nämlich Motor für körperliches, seelisches und geistiges Wohlergehen. Aber 16.000 Online-Unterschriften innerhalb von zwei Tagen, wie sie Christine Finke bei ihrer Online-Petition gesammelt hat, sind auch ein ganz schön sportlicher Erfolg. Damit hatte niemand gerechnet …

10. … denn die Sportarbeit an Schulen interessiert die meisten Menschen nicht. Dabei wäre es doch eigentlich auch eine gute Frage, warum im sportlichen Bereich der Trend nicht längst auch zu demokratischerer Projektarbeit geht und die Jugendlichen selbst mitreden dürfen, welche Wettbewerbe sie wie austragen wollen. Aber halt, das wäre nun ja Punkt …

11. und somit einer zu viel.