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Familienleben: „Mama, die Medizin wirkt schon!“

Vize-Kanzler Sigmar Gabriel will ein paar Tage bei seiner kranken Tochter zuhause bleiben. Sehr vorbildlich! Hier eine kleine Vorschau, was da auf ihn zukommt.

Phase 1: Diagnose

Der Wecker hat schon vor einer Weile geklingelt, doch noch immer ist alles ruhig. Kein Geschrei. Kein Streit um Spielsachen. Kein Kampf um die richtige Farbe der Müslischüssel. Es herrscht eine Engelsruhe, die man sich öfter mal wünscht als Mutter oder Vater und doch hält sich die Freude in Grenzen. Beim Anblick des Kindes, das in seinem Bett vor sich hin glüht, verstärkt sich die böse Vorahnung. Beim Anfassen der Stirn ist es bestätigt: Das Kind hat Fieber. Die Frage ist nur: Wie hoch? Wie sehen die Augen aus? Wie sieht die Haut aus? Wie die Nase? Und wie hört es sich an, wenn es atmet?

Phase 2: Feindiagnose

Ist die Haut nur vom Fieber gerötet, hustet das Kind, aber keucht und spuckt sich nicht zu Tode, läuft die Nase, aber auch nicht mehr als sie es immer macht, wenn Winter ist, und fasst sich das Kind nicht an die Ohren, ist Entwarnung angesagt: bloß Fieber! Juhu. Das kostet vielleicht nur ein bis zwei Arbeitstage. Finden sich auf der Haut Pusteln und isst das Kind schlecht, weil der Hals schmerzt, könnte das Scharlach sein, wissen Eltern ja alles irgendwann. Sigmar Gabriels Tochter hat es gerade damit erwischt. Scharlach ist hochansteckend. Die Genesung dauert. Also:

Phase 3: Klärung der Elterndienste

Der Vize-Kanzler hat über die Medien wissen lassen, dass er bis Mittwoch zuhause bei seiner kranken Tochter bleiben will, weil seine Frau die Praxis offen halten müsse.

Was sehr vorbildlich ist, da wollen wir nicht meckern oder gar darauf hinweisen, dass Mütter, die bei ihren kranken Kindern bleiben, dafür keine Pressemitteilung verschicken und schon gar nicht als vorbildlich gelten würden, sondern als „normal“. Wie gesagt: wir wollen nicht meckern. Sondern solidarisch mitfühlend einen kleinen Einblick geben, was ihn zuhause noch so erwarten könnte.

Phase 4: Kuscheln

„Komm du armes Glühwürmchen, wir machen es uns gemütlich, ich lese dir was vor“. Beim Anblick des heißen Kindes geht allen das Herz auf, man will sich kümmern, alles tun, dass sie wieder gesund werden und sich nicht so schlecht fühlen. Zuwendung hilft bekanntlich. Hier ein Wadenwickel. Da eine Geschichte. Dort ein Tee. Alles wird gut.

Phase 5: Die 40 Grad Marke erreichen

Mist, die Körpertemperatur steigt und steigt. Der Kopf weiß, dass das bei Kleinkindern vorkommt. Der Bauch bekommt ein bisschen Panik, 40 Grad, 41 vielleicht sogar, das hält doch niemand aus! Der wimmernde Ton und der rasselnde Atem des Kindes hören sich an wie Hilfeschreie. Also gut.

Phase 6: Einsatz von Fieber- und Schmerzmittel

Das schlechte Gewissen blitzt noch einmal kurz auf, klar, Fieber ist nichts schlimmes, nur ein Zeichen, dass das Immunsystem der Kinder arbeitet, was es ja soll, sie entwickeln schließlich noch ihre Abwehrkräfte und wer Ibuprofen oder Paracetamol verabreicht, hemmt vielleicht sogar noch aus egoistischen Gründen diese Entwicklung. Dann werden doch Zäpfchen oder Fiebersaft verabreicht. Aufatmen.

Phase 7: Entspannung der Lage

Nach einer guten halben Stunde regen sich die Kinderkörper. Die Kleinen springen auf, kramen ihr Spielzeug hervor, haben plötzlich Hunger, danach dann Langeweile, strahlen trotzdem und rufen euphorische Sätze wie: „Mama, die Medizin wirkt schon!“ Während sie das Geschwisterkind, ebenfalls krank zuhause, umschubsen, weil es schneller an den DVDs war.

Phase 8: Beschäftigungstherapie

Kinder sollen gar nicht am besten und zur Not nur ein wenig Fernsehen. Nach ein zwei drei vier sieben Tagen mit fiebrigen Kindern gilt dieses Gebot nur noch in der Theorie. Irgendwann bestellt man via Internet DVD-Nachschub, genauso wie man das Essen nur noch Online bestellt und sich liefern lässt, da fiebrige Kinder am besten nicht an die Luft sollten. Während sie vor den Bildschirmen sitzen, versucht man beim Kinderarzt das Attest für den Arbeitgeber zu organisieren und stellt fest, dass man dafür doch mit den Kindern vorbei kommen muss. Bis man das in Angriff nimmt, versucht man die Kollegen zu erreichen. Wer sich aufgrund der Kinder oder aus Vorliebe dafür selbstständig gemacht hat, freut sich, kein Attest organisieren zu müssen, und versucht, einige Auftraggeber zurückzurufen und Mails zu beantworten.

Phase 9: Liegengebliebenes abarbeiten

„Hallo, ich wollte mich zurückmelden.“ Ein lauter Schrei, ein zweiter, Poltern, Weinen. „Nein, alles gut, die Kinder sind krank, ich rufe von zuhause aus an.“ Ein großer dumpfer Schlag. Ein greller Schrei. „Nein, ist okay, lassen Sie uns weiter sprechen, es passt eigentlich gerade ganz gut.“ Es wird zumindest nicht besser werden. Nächste DVD rein. Stille.

Phase 10: Lagerkoller

Irgendwann nach Tag vier bis sechs im Krankenlager setzt der Koller ein. Es ist klar: Wenn das Fieberthermometer nicht endlich unter 37,5 bleibt, dräut die Apokalypse. Siehe da: Das Thermometer zeigt 35,8! Gedanken, dass das auch nicht normal sein könne, und eher auf Unterkühlung hinweisen würde, werden schnell beiseite geschoben. Freude. Jubel. Gesundheit! Der Alltag hat uns wieder!

Phase 11: Dieses komische Kratzen im Hals…

… und dieses Bitzeln in der Nase und diese leichten Kopfschmerzen und eine Einsicht: Man selber existiert auch noch – für die nächsten Tage mit Grippe. Besuch beim Arzt. Nebendiagnose: Geschwächtes Immunsystem. „Haben Sie gerade Stress?“, fragt er. Ich weiß gar nicht, wie er darauf kommt.