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Psychologin im Interview: Wie entstehen Schuldgefühle und wie wird man sie los?

"Niemand hat unendliche Kräfte" Ein Gespräch mit der Psychologin Prof. Dr. Una Röhr-Sendlmeier über Schuldgefühle und wie man sie wieder loswird. 

Sie forschen unter anderem zur Situation berufstätiger und ihrer Kinder. Viele dieser Mütter leiden unter einem schlechten Gewissen, weil sie meinen, nicht genug für ihr Kind da zu sein, wenn sie ihrem Beruf nachgehen. Woher kommt diese Selbstbeurteilung?

Sie lässt sich historisch verorten. Sie ist einer alten Tradition geschuldet, dem Ideal der perfekten Mutter, das in seit dem 19. Jahrhundert vorherrscht. Damals war es ein Wohlstandsmerkmal, wenn nur der Mann in der Familie arbeiten musste. 

Aber seitdem hat sich doch einiges geändert.

Wir haben aber weiterhin eine sogenannte Dichotomie, eine Zweiteilung der Meinungen in der Gesellschaft. Konservative Lager sagen: Mütter, bleibt zu Hause bei euren Kindern! In die komplett entgegengesetzte Richtung gehen Äußerungen, die aus einer überzogenen emanzipatorischen Überzeugung entstehen, da heißt es: bloß kein Kind! Nur die Karriere! Das bringt Frauen heutzutage in einen großen Konflikt. Beide Seiten sagen: Du kannst gar nicht beides schaffen, du kannst gar nicht Kind und Beruf haben. Das widerspricht aber dem, was Frauen sich wünschen, und auch dem, was sich heute die meisten wünschen.

Und wovon hängt das Ausmaß des schlechten Gewissens ab? Und wie grenzt man sich davon ab?

Erstens vom Ausmaß des Konfliktes zwischen Familie und Beruf. Wenn man weiß, dass das Kind gut betreut ist in der eigenen Abwesenheit, muss sich kein Konflikt zwischen Beruf und Familie auftun. Das Ausmaß des empfundenen Konfliktes ist viel wichtiger als die reine Arbeitszeit für den Grad des schlechten Gewissens. An zweiter Stelle steht die Frage, wie das Ausmaß der Unterstützung wahrgenommen wird: Hat man ein soziales Netzwerk, auf das man sich verlassen kann und das greift, wenn das Kind Hilfe braucht? Der dritte Punkt ist das Geschlechterrollenkonzept. Studien zeigen, dass es einen enormen Unterschied gibt zwischen Frauen, die ein egalitäres Geschlechterrollenkonzept haben, und Frauen, die glauben, dem Ideal der perfekten Mutter genügen zu müssen. Diese haben umso schneller Schuldgefühle ge­genüber den Kindern, weil sie natürlich an Grenzen stoßen müssen. Niemand hat unendliche Kräfte.

Wer also akzeptiert, dass er nicht alles richtig machen kann, befreit sich damit auch von unnötigen Schuldgefühlen?

Das macht es zumindest einfacher. Unsere Studien haben gezeigt, dass Mütter, die mehr delegieren können, viel weniger Schuldgefühle haben. Die zum Beispiel sagen, man kann auch mal einen Kuchen kaufen, anstatt einen zu backen. 

Ist das schlechte Gewissen eigentlich ein reines Frauenproblem? Haben Männer diese Gefühle ­seltener?

Männer haben auch ein schlechtes Gewissen ihren Familien gegenüber, aber es ist insofern ein Unterschied zu sehen, als Frauen vieles, was passiert, sich selbst als Versagen anlasten. Ein Beispiel hierfür wäre: Ein Dreijähriger balanciert auf einer kleinen Mauer, rutscht ab und hat ein wenig Schmerzen. Das ist natürlich nicht schön, aber gehört zu den Erfahrungen, die ein Kind machen muss, damit es lernt, darauf zu achten, wohin es tritt. Väter gehen mit einer solchen Situation oft pragmatischer um: Sie trösten schnell, pusten, suchen ein Pflaster, und dann ist die Sache auch vorbei. Mütter hingegen neigen zu Selbstvorwürfen: Oh, ich bin eine schlechte Mutter, ich hätte auf das Kind aufpassen sollen. Insofern ist das, wie Mütter und Väter im Hinblick auf ein Missgeschick mit sich selbst umgehen, unterschiedlich: Mütter sehen es oft als selbstwertmindernd – sie sagen: Ich habe versagt. Während ein Vater eher sagt: Das Kind hat etwas gelernt. 

Und was verursacht unser schlechtes Gewissen bei den ­Kindern? Schadet es ihnen?

Die Schuldgefühle der Eltern müssen für die Kinder nicht unbedingt schädlich sein, können es aber. Wenn die Eltern diese Gefühle vor sich hertragen und die Kinder zum Beispiel eine negative Sicht auf die Berufstätigkeit der Eltern entwickeln, dann – auch das haben unsere Studien gezeigt – sinkt die Zufriedenheit des Kindes. Und wenn die Schuldgefühle die Eltern sehr bedrängen, so kann es auch in Richtung einer psychischen Beeinträchtigung gehen: Die Eltern werden übermäßig nervös, haben ein geringes Selbstwertgefühl, sind gereizt, weil sie mit der inneren Spannung nicht zurechtkommen.

Welche Rolle spielt dabei der Gedanke und damit der Druck, dass man als Eltern verantwortlich dafür ist, ob und dass das Kind im weitesten Sinne „gelingt“?

Das ist ein sehr deutsches Phänomen, wie im Übrigen auch die Tatsache, dass man meint, dass die Vereinbarung von Beruf und Familie einem Kind nicht guttut. Noch vor wenigen Jahren stimmte in Westdeutschland ein großer Teil der Bevölkerung der Aussage zu, dass ein junges Kind darunter leiden müsse, wenn die Mutter berufstätig ist. Und es wird häufig nicht gesehen, dass ein Kind vielen Anregungen und Einflüssen ausgesetzt ist und dass jedes Kind – das ist eine zentrale Erkenntnis der Entwicklungspsychologie – auch Mitgestalter seiner eigenen Entwicklung ist. Kinder sind nicht allein das Werk der Eltern, sondern Ergebnis dessen, was auch außerhalb des Elternhauses, im Kindergarten, in der Schule, in der Berufsausbildung auf das Kind einwirkt, und auch Ergebnis dessen, wie das Kind selbst mit diesen Anregungen umgeht. Das zusammen schafft die erwachsene Persönlichkeit.

Was macht man also mit dem schlechten Gewissen? Es einfach über Bord werfen?

Die Zufriedenheit von Müttern und Vätern ist ein enorm wichtiger Faktor für die Entwicklung von Kindern. Eltern, die immer gestresst sind, die immer missmutig sind, sind Gift für Kinder. Der überwiegende Teil der Mütter ist dann zufrieden, wenn sie sich im Berufsleben als kompetent erleben und soziale Kontakte haben, wenn sie Geld mit nach Hause bringen und auch was zu erzählen haben, wenn sie also Familie und eigenes Berufsleben vereinbaren können. Die Zufriedenheit wirkt sich auch auf den Umgang mit den Kindern aus: Mütter und Väter, die zufrieden sind, erziehen ihre Kinder auf eine demokratische Weise. Zufriedene Eltern tun ihren Kindern gut.


Prof. Dr. Una Röhr-Sendlemeier leitet an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn am Institut für Psychologie die Abteilung für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie. Röhr-Sendlmeier erforscht unter anderem das Thema "Berufstätige Frauen und ihre Familien".

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