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Mahtob Mahmoody: Jetzt spricht das Mädchen aus "Nicht ohne meine Tochter"

Sie ist die Tochter aus "Nicht ohne meine Tochter", dem Weltbestseller, den ihre Mutter Betty Mahmoody schrieb. Nun erzählt Mahtob Mahmoody ihre Erinnerungen. Der stern traf sie in den USA.

Von Norbert Höfler, New York

Mahtob Mahmoody hat die Geschichte hinter "Nicht ohne meine Tochter" nun aus ihrer Sicht aufgeschrieben

Mahtob Mahmoody hat die Geschichte hinter "Nicht ohne meine Tochter" nun aus ihrer Sicht aufgeschrieben

Es muss einfach aus ihr raus. Das Erste, was Mahtob Mahmoody an diesem Abend in einem persischen Restaurant in Grand Rapids, Michigan, erzählt, ist die Geschichte ihres neuen Zuhauses. "Ich habe endlich meine erste Wohnung gekauft. Sie gehört mir. Ich zieh' da so schnell nicht mehr weg," sprudelt es aus ihr heraus. "Rundherum sind Bauernhöfe. Die Nachbarn sind nett. Ok, es riecht manchmal nach Kuh, aber mir macht das nichts aus."

Wo genau ihr neues Zuhause liegt, will Mahtob nicht sagen. Sie fürchtet um ihre Sicherheit. Verwandte oder Freunde ihres Vaters könnten ihr noch immer nachstellen. Später fällt das Wort "Ehrenmord". 34 Mal in 34 Jahren ist sie umgezogen. Damit soll nun Schluss sein.

Mahtob Mahmoody wurde durch den Bestseller ihrer Mutter, Betty Mahmoody, weltbekannt. Sie ist das Mädchen aus "Nicht ohne meine Tochter". Anfang der 90er Jahre verfilmt mit Sally Field als Betty und Sheila Rosenthal als Mahtob. Heute ist Mahtob 35, studierte Psychologin. Nach drei Jahrzehnten der Unruhe und Flucht hat sie zu sich gefunden. In ihrem Buch "Endlich frei" (ab 12. März im Handel) beschreibt Mahtob Mahmoody diesen Heilungsprozess. Es ist ein eine Abrechnung, eine Litanei ihrer seelischen Qualen, ein persönliche Enthüllung, eine Befreiung, die in dem Satz gipfelt: "Als ich vom Tod meines Vaters hörte, war ich erlöst."

Die Gefangenschaft

"Du wirst hier niemals rauskommen, und falls doch, werde ich den Rest meines Lebens nach dir suchen. Und wenn ich dich finde, bringe ich dich um und hole Mahtob in den Iran zurück ... " Mit dieser Drohung des Vaters vor fast 30 Jahren begann die Leidensgeschichte von Betty Mahmoody und ihrer Tochter Mahtob. Der Vater, Bozorg Mahmoody, hatte den Iran im Alter von 18 Jahren verlassen. Er studierte in den USA Mathematik und Medizin. In den siebziger Jahren arbeitete er als Anästhesist in einem Krankenhaus in Michigan. 1977 heiratete er Betty. Ihre Tochter, Mahtob (übersetzt: Mondlicht) kam 1979 zur Welt. Die Familie gehörte zur aufstrebenden amerikanischen Mittelschicht.

Im Iran rief Ajatollah Kohmeini die Islamische Republik aus. Borzorg Mahmoody wurde von seiner Familie in Teheran bedrängt, in den Iran zurückzukehren. 1984 schließlich überredete er seine Frau zu einem "zweiwöchigen Urlaub" in der iranischen Hauptstadt. Betty Mahmoody ließ ihren Ehemann auf den Koran schwören, dass sie in die USA zurückkehren würden. In Teheran angekommen teilte ihr Borzorg Mahmoody dann mit: "Du bist jetzt in meinem Land. Du gehorchst jetzt meinen Regeln." Mahmoody schlug seine Frau, drohte ihr gar sie umzubringen. Mahtob, damals fünf Jahre alt, erinnert sich so: "Meine Mutter sagte mir damals, was auch passiert, du musst aufpassen, dass dein Daddy mir nie eine Spritze gibt. Bitte. Egal, was er sagt, er darf mir nie eine Spritze geben. Sie könnte ein Medikament enthalten, das mir schadet."

Betty und Mahtob Mahmoody lebten 18 Monate in Teheran. Dann gelang ihnen eine spektakuläre Flucht. Drogenhändler schmuggelten sie über das Zagros Gebirge in die Türkei. Es war riskant. Die Flucht glückte knapp. In der US-Botschaft in Ankara waren Mutter und Tochter dann endlich in Sicherheit.

Betty und Mahtob Mahmoody mit ihrem Koffer voller Erinnerungsstücke

Betty und Mahtob Mahmoody mit ihrem Koffer voller Erinnerungsstücke

Die Abrechnung der Tochter

Mahtob spricht leise wenn sie von der Flucht vor ihrem Vater erzählt. Über 20 Jahre lang versteckte sie sich vor ihm. Sie hat noch alte Schulhefte und Bücher, in denen ihr Deckname steht, unter dem sie lange lebte: Amanda Smith, oder kurz "Mandy". "Ja," sagt Mahtob, "anfangs habe ich meinen Dadddy gehasst. Später konnte ich ihm verzeihen. Aber versöhnt habe ich mich nicht mit ihm."

In ihrem Buch "Endlich frei!" gibt es sehr emotionale Szenen, in denen Mahtob Mahmoody schonungslos ihre Gefühle beschreibt und reflektiert. Zwei Beispiele:

Wenige Tage nach der gelungenen Flucht, Mahtob war sechs Jahre alt:

"An diesem Abend lag ich behaglich im warmen Bett. Mom setzte sich neben mich. Sie nahm meine Hände in ihre und sprach unser Nachtgebet. 'Lieber Gott', begann sie, und zum ersten Mal seit eineinhalb Jahren mussten wir nicht heimlich beten. 'Wir danken dir, dass du uns zu unserer Familie nach Amerika zurückgebracht hast. Danke, dass uns bei unserer Flucht nichts zugestoßen ist. Beschütze uns auch weiterhin. Mach, dass nichts uns trennt. In Jesu Namen. Amen.' Müde beugte sie sich zu mir hinunter und küsste mich sanft auf die Stirn. 'Shab bekhair', gute Nacht, seufzte sie. Augenblicklich erstarrte ich vor Wut. Mein Herz füllte sich mit bitterem, eiskaltem Hass. 'Mommy', fuhr ich sie an, und meine Augen funkelten vor Trotz. 'Ich habe es dir schon einmal gesagt. Ich möchte NIE wieder die Sprache Khomeinis hören!'

In der Sprache Khomeinis hatte ich gelernt zu hassen. Ich hasste meinen Dad, weil er meiner Mom wehgetan hatte. Ich hasste seine Familie, weil sie es hatte geschehen lassen. Ich hasste Khomeini, weil er Menschen tötete, die seinen Lügen nicht glaubten ... Ich war voller Hass."

Wenige Wochen später. Mahtob wird von ihrer Mutter aus der Schule abgeholt:

"Als ich ins Auto kletterte, fiel mir auf, dass Mom nicht wie üblich lächelte. 'Ich muss dir etwas Trauriges erzählen, Mahtob', sagte Mom leise. 'Heute ist ein Flugzeug im Iran abgestürzt, und viele Iraner sind gestorben.'

'Gut', schnaubte ich, 'ich hoffe, Dad war dabei.' Für Mom war es ein Weckruf. Das kleine Mädchen, das sie kannte und liebte, hatte sich vor ihren Augen in ein kaltes und verbittertes Ungeheuer verwandelt. Aber sie wünschte sich ein anderes Leben für mich. Sie hatte doch nicht so hart für unsere Freiheit gekämpft, damit ich ein Leben voller Zorn und Feindseligkeit fristete. Solange ich mich vom Hass beherrschen ließ, würde ich eine Gefangene meines Vaters bleiben, auch in seiner Abwesenheit."

Als junge Erwachsene denkt Mahtob dann so:

"Sosehr ich mich auch anstrengte, an meiner Wut und meinem Hass auf Dad festzuhalten, trugen die guten Erinnerungen schließlich Früchte. Niemand ist nur gut oder nur schlecht. Ich musste mich der Tatsache stellen, dass mein Vater immer ein Teil von mir bleiben würde. Und ich konnte nur deshalb mit diesem Gedanken Frieden schließen, weil ich entdeckt hatte, dass Dad auch gute Seiten hatte, die ich als mein Erbe akzeptieren konnte."

Doch die Tochter-Vater-Beziehung findet zu keinem Happy End. Als Mahtob 21 Jahre alt wird, schickt ihr Vater E-Mails. Er beauftragt einen Angestellten an Mahtobs Universität damit, seiner Tochter eine Nachricht von ihm zu überreichen. Mahtob vermutet, dass er auch Privatdetektive auf sie angesetzt hatte. Im Gespräch sagt sie: "Das wichtigste Ziel in meinem Leben war es, sicherzustellen, dass mich mein Dad niemals findet." Und nach einer langen Pause fügt Mahtob leise hinzu: "Ja, das ist schlimm. Sehr schlimm."

Borzorg Mahmoody starb 2009 an Nierenversagen. Von ihm gibt es Videobotschaften an seine Tochter, in denen er um einen Kontakt mit ihr bettelt.

Doch seit ihrer Flucht 1986 hat Mahtob Mahmoody mit ihrem Vater nie wieder gesprochen. Am Ende war er ein gebrochener Mann. Mahtob sagt: "Er war besessen von der Idee, mit mir wieder Kontakt aufnehmen zu können. Er hätte mit seinem Leben etwas Besseres anfangen können. Mein Leben hat er mir jahrelang zur Hölle gemacht."

stern-Korrespondent Norbert Höfler traf Betty und Mahtob Mahmoody in den USA zu einem langen Gespräch, das Sie ...

Das ganze Gespräch...

... mit Betty und Mahtob Mahmoody lesen Sie im aktuellen stern.