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"Toskana-Fraktion": Modernisierer mit Genussfähigkeit

Ziemlich spät stieß der SPD-Vorsitzende Schröder zur leicht verpönten "Toskana-Fraktion" in seiner Partei. Mit diesem Kampfbegriff wurden in den 90er Jahren jene Politgrößen bezeichnet, die als "hedonistische Modernisierer" auftraten.

Eigentlich hatte sich Schröder nach dem weitgehend urlaubsfreien, kräftezehrenden Wahlkampfjahr 2002 auf eine ungestörte politische Auszeit in diesem Jahr gefreut. Bei der Berlin-Visite von Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi schwärmte der Kanzler kürzlich vor italienischen Korrespondenten von seinem Urlaubsdomizil in den Hügeln von Pesaro direkt am Adriatischen Meer. In der Rossini- Geburtsstadt hatte Schröder schon vor zwei Jahren mit Familie die Sommerferien genossen, im Haus des in Hannover lebenden Malers und Bildhauers Bruno Bruni, der seit langem zu seinem engsten Freundeskreis zählt. Auch dieser Urlaub verlief damals nicht ganz ohne Störungen.

Der Kanzler in Badehose

Beim Strand-Ausflug schoss ein in einem Baum versteckter "Paparazzo" Fotos vom Kanzler in Badehose. Auch bei anderen Italien- Reisen gab es schon einmal Anlass für Ärger. Etwa im Sommer 1999, als die Schröders nach dem ersten schweren Kanzlerjahr in der Idylle von Positano an der Costa Amalfitana in einer Pension mit gehobenem Anspruch Station machten. In der italienischen Presse hieß es damals, der Kanzler habe eine ganze Zimmerflucht in einer Luxusherberge angemietet, was von Schröder erst nachdrücklich dementiert werden musste.

Erst ziemlich spät stieß der SPD-Vorsitzende mit dem Italien-Faible dagegen zur leicht verpönten "Toskana-Fraktion" in seiner Partei. Vergangene Ostern tauchte er bei einem Kurzurlaub in einer Eisdiele auf dem Campo von Siena auf. In der "Osteria de Logge" tafelte er anschließend mit Otto Schily. Der Innenminister, der vor zehn Jahren ein Landgut in der Gemeinde Asciano ersteigerte, ist heute unumstrittener "Fraktionschef", weiß der Berliner Journalist Ulrich Rosenbaum, der als penibler Chronist alle Toskana-Aktivitäten deutscher Politiker verfolgt. Schilys Vorgänger war der damalige SPD- Bundesgeschäftsführer Peter Glotz.

"Hedonistische Modernisierer"

Mit dem Kampfbegriff "Toskana-Fraktion" wurden laut Glotz Anfang der 90er Jahre jene SPD-Politiker tituliert, die als angeblich "hedonistische Modernisierer" auftraten und dabei einen Lebensstil mit trockenem Weißwein, Seidenhemden, viel Nachdenklichkeit und Genussfähigkeit an den Tag legten. Jene "mittelalten, flippig auftretenden Herrschaften, des Italienischen nicht kundig, aber mit Häuslein in der Toskana ausgestattet", beschrieb der gestorbene Publizist Johannes Gross diese politische Spezies. Als Prototyp galt der kurzzeitige SPD-Chef Björn Engholm, der allerdings Wert darauf legte, nie in der Toskana geurlaubt zu haben, sowie Schröders heutiger politischer Erzfeind Oskar Lafontaine, der viele Kurzurlaube in Florenz und Lucca verbrachte.

Schily war es nach den Recherchen Rosenbaums auch, der seinen einstigen Parteifreund Joschka Fischer zum überzeugten Mitglied der "Toskana-Fraktion" machte. Der Grünen-Außenminister, der bislang trotz Berlusconi und Co. auch diesmal wieder jenseits der Alpen Urlaub machen will, ist ein Fan der Hügellandschaft der Crete südlich von Siena.

Viele bekannte Gesichter vor Ort

Wenn es außer der Kanzlerabsage nicht doch noch zu pauschalen Reiseabsagen der Berliner Politgrößen wegen der anti-deutschen Stimmungsmache aus Rom kommt, wird auch Fischer vor Ort dieses Jahr wieder auf viele bekannte Gesichter treffen. Grünen-Parteichef Reinhard Bütikofer etwa ist ebenfalls bekennender Toskana-Reisender. Und über ein Dutzend aufstrebender Nachwuchspolitiker vom SPD-Netzwerk hat sogar eine ganze Villa bei Montalcino in Beschlag genommen, um auf den Spuren von Glotz und Co. beim Brunello gemeinsam die Zukunft der SPD zu planen.

Joachim Schucht / DPA