Afghanistan Wilde Hunde und andere Bösewichte


Die Gewehre im Anschlag, das Testosteron pumpt in den Adern. Die holländischen und afghanischen Soldaten kennen nur ein Ziel: Sie wollen den Taliban ans Leder. Carsten Stormer berichtet für stern.de einen Monat aus dem Krisengebiet.

Probleme sind zum Lösen da. Und in diesem Teil Afghanistans gibt es viel zu lösen. So auch heute. Ein Problem soll sich nur wenige Kilometer vom Lager der Holländer entfernt befinden, im Dorf Avi, auch bekannt als Taliban-Nest. Dort soll ein Mann namens Soelbair wohnen, ein Taliban-Kommandeur. Keiner der großen Bösewichter, wie Mullah Daddulah oder Mullah Omar, etwas harmloser. "Medium range target", wie das in der Sprache des Militärs heißt. Mittlere Priorität.

Schon am Vorabend herrscht unter den holländischen Marineinfanteristen und den afghanischen Soldaten Aufregung. Morgen will man den "verhassten" Taliban ans Leder. Man hat Luftunterstützung beantragt, Kampfhubschrauber und Jets. Auch die Panzerhaubitze, im 45-Kilometer entfernten Tarin Kowt, steht bereit. Zudem 40 und 88 Millimeter Mörser, Panzer, das ganze Arsenal des Krieges. Den "Dreckskerl" wollen sie schnappen, unbedingt. "Ein Problem weniger."

"Beschießt sie mit Mörsern"

8.30 Uhr am nächsten Morgen. Fünf Fahrzeuge mit dreißig Soldaten verlassen das Lager. Endlos lange dauert die Fahrt nach Avi. Die Sonne brennt, in den Schützenpanzern wird es glutheiß. Der Konvoi passiert Streckenabschnitte, die sich für einen Hinterhalt eignen, oder um eine Sprengfalle zu verstecken. Eine Spezialität der Taliban, abgeschaut bei ihren Terror-Kollegen im Irak. Afghanische Soldaten sichern die Umgebung, holländische suchen die Straße mit Metalldetektoren ab.

Als sie das Dorf Niasi passieren , fangen sie den Funkverkehr der Taliban ein. "Sie sind da", krächzt eine Stimme. Bei Allah, man sei bereit für einen Angriff. Zwei Hinterhalte sind schon vorbereitet. "Beschießt sie mit Mörsern", befiehlt die Stimme. Minuten später fliegen zwei Mörsergranaten über die Köpfe der Truppe, schlagen dreihundert Meter neben den Fahrzeugen ein. Es ist 11.45 Uhr.

Woher kamen die Granaten? Keiner weiß es genau. Von irgendwo da unten, aus der so genannten "Grünen Zone", dicht bewachsenen Orangenhaine und Feldern mit Mandelbäumen, wo man keinen Menschen erkennen kann. Dort, heißt es, fühlen sie sich sicher. Zu Recht, denn da unten traut sich keine Nato-Patrouille rein. Hohe Verluste wären gewiss. Wie zum Trotz feuern die Niederländer zwei Granaten ab, die hinter einem Hügel landen, auf dem ein Gräberfeld liegt. Dort vermuten sie die Stellungen der Extremisten. Taliban FM meldet, dass dreißig Männer aus Chora ihren Glaubensbrüdern zu Hilfe eilen, unbewaffnet. Denn Waffen habe man in den Verstecken zu Genüge. Afghanische Soldaten nehmen zwei von ihnen gefangen, fesseln sie und legen sie auf die Ladefläche eines Geländewagens. Der erste kleine Erfolg.

"Taliban, no problem"

Wenig später tauchen Kampfhubschrauber der niederländischen Armee auf, um Talibanstellungen aus der Luft zu erspähen. Dreißig Minuten später drehen die Helikopter wieder ab. Es folgt die Panzerhaubitze die von den Niederländern Maximus getauft wurde. Der Name ist Programm. Geschützlärm hallt von den Berghängen wieder. Maximus gilt als ziemlich treffsicher und dort, wo die Geschosse einschlagen, steigen Rauchsäulen in den Himmel. Währenddessen durchsuchen afghanische Soldaten einen Hof. Sie finden ein Gewehr, Baujahr 1924, Made in India, und erschießen einen Hund, der einem Soldaten ans Bein wollte.

"Toll!", spottet Sergeant Baggie, ein Marine-Infanterist. "Wir brauchen viel zu viel Zeit. Spätestens jetzt ist Soelbair über alle Berge." Um 14 Uhr ruckelt der Panzerkonvoi weiter, Richtung Avi. Um 15 Uhr gehen afghanische Soldaten in den Feldern vor Avi in Stellung, blicken durch Feldstecher. Kein Mensch ist im Dorf zu sehen. Über Funk wird von Spähern gemeldet, dass etwa vierzig junge Männer einen Berghang hoch laufen, nur ein paar hundert Meter weiter nördlich. Sie seien bewaffnet und planen wohl einen Hinterhalt. Immerhin wissen sie nun, dass sich Taliban im Dorf befinden. "Na ja, eigentlich haben wir das ja schon immer gewusst. Aber klasse, dass man die Kerle in die Enge getrieben hat", sagt einer der drei Holländer. Seine afghanischen Kollegen brennen auf den Kampf. "Taliban no problem", sagt einer und streichelt seine Panzerfaust.

Der ganze Aufwand nur für eine rostige Muskete und einen toten Hund

Der Tross teilt sich auf in zwei Gruppen. Die einen sollen einen Hof durchsuchen, die andere Feuerschutz geben. Als Warnung ballern sie ein paar Salven in die Lehmmauern, damit die Bewohner das Haus verlassen. Aber keiner kommt raus, die Soldaten stürmen den Hof. Zwei Esel im Stall blicken irritiert, ein paar Hühner flattern aufgeregt herum. Ein Soldat erleidet einen Hitzschlag, fällt um und muss heraus getragen werden. Bald muss der Befehl zum Angriff kommen.

Um 16.15 Uhr bricht der afghanische Kommandeur die Operation ab. Es sei zu gefährlich die Taliban aus ihren Verstecken zu locken. Für einen offenen Kampf habe man zu wenige Männer. Lieber nichts riskieren. Den afghanischen Soldaten entgleisen die Gesichtszüge. "Was soll der Mist!", sagt einer. "Wir sind hier um zu kämpfen nicht, um ein Picknick zu machen. Die lachen uns doch aus, wenn wir uns jetzt zurückziehen." Ein anderer wirft wütend sein Gewehr zu Boden, alle sind außer sich, verstehen den Befehl nicht. Ein Holländer versucht, den Kommandeur umzustimmen, vergebens. Rückzug, befiehlt der Kommandeur. Sofort! Ein Afghane setzt sich trotzig in den Staub. "Ich bin kein Feigling. Ich will kämpfen."

Um 18 Uhr fährt der Konvoi wieder ins Lager ein. "Verdammt", sagt Sergeant Baggie. "Der ganze Aufwand für eine rostige Muskete und einen toten Hund." Die beiden Gefangen müssen auch freigelassen werden - man konnte ihnen nichts nachweisen.


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