Afghanistan Leben wie im Mittelalter


Vergewaltiger kommen in den Kerker und erhalten täglich eine Tracht Prügel, afghanische Polizisten und Soldaten werden als Verräter ermordet oder entführt. Teile Afghanistans sind immer noch Taliban-Land. Carsten Stormer berichtet für stern.de einen Monat aus dem Krisengebiet.

Die Sonne kroch gerade über die Berge des Chora Tals, als Sergeant Mirwais zur Feier des Tages einem Schaf die Kehle durchschnitt. Freitag ist der muslimische Sonntag, der im Gebet verbracht werden soll, nicht mit Kämpfen. Später sollte es Kebab satt geben. Die Stimmung im Lager war heiter. Wie sollte Sergeant Mirwais, 26, ahnen, dass er am Abend einen 18-jährigen Jungen verprügeln würde, der einen 14-Jährigen vergewaltigt hatte. Keine Seltenheit in einem Land, in dem Frauen hinter Mauern und Burkas gehalten werden und Männer ihre ersten sexuellen Erfahrung unter sich ausmachen. "Frauen sind zum Kinderkriegen da, Männer zum Vergnügen", heißt es hinter vorgehaltener Hand.

"Nenn mich Mirwais"

Sergeant Mirwais soll hier nur mit Vornamen genannt werden, und auch das ist nicht sein richtiger Name. Seine Identität muss geheim bleiben, denn er hat einen der gefährlichsten Berufe im neuen Afghanistan. Jeder, der mit der Regierung, den Amerikanern oder Koalitionstruppen zusammenarbeitet, gilt bei den Extremisten als Verräter, Kollaborateur. Ein Todgeweihter. Dutzende Soldaten, Polizisten und Übersetzer wurden ermordet, entführt, ihre Familien bedroht. "Nenn mich Mirwais", sagt er.

Sein Lager liegt am Ende einer staubigen Straße in Chora, einem Nest in der Provinz Uruzgun, tief im Süden Afghanistans. Taliban Land. Fünfzig afghanische Soldaten sind hier stationiert, dazu drei holländische Marineinfanteristen, so genannte Mentoren, die ihre afghanischen Kameraden auf Patrouillen begleiten - und sich im Hintergrund halten. "Die Entscheidungen treffen die Afghanen. Wenn nötig, zeigen wir ihnen, was man besser machen kann. Ansonsten sind wir hier, um sie zu unterstützen", sagt Leutnant Machiel Bussemaker. "Nicht umgekehrt." Es ist heiß. Die Männer dösen auf Matratzen unter Tarnnetzen, ihre Kalaschnikows griffbereit. Fliegenschwärme surren und Mirwais erzählt aus seinem Leben, zeigt seine Handflächen. "Siehst du die Narben?" In Momenten, in denen er an einem Sieg über die Taliban zweifelt, schaut er die Narben an. Sie erinnern ihn daran, wie Afghanistan einmal war - "und nie wieder sein darf."

Die Taliban verbannt alles Schöne aus dem Leben

Acht Jahre ist es her, dass ihn die Religionspolizei der Taliban in seiner Heimatstadt Kandahar verhaftete. Routinedurchsuchung. Unter seinem Turban fanden sie vier Musikkassetten, indische Popmusik. Verboten in einem Regime, das alles Schöne und Leichte aus dem Leben der Menschen verbannte. Wer gegen die Regeln verstößt, versündigt sich an Allah und muss Buße tun. Was Sünde war, entschieden die Taliban - und tun es in diesen Teil Afghanistans bis heute.

Vier Kassetten, vier Monate Haft, so das Urteil der Mullahs. Außerdem war sein Bart zu kurz. Noch mal einen Monat Knast, dazu hundert Stockschläge auf die Handflächen. Fünfzig links, fünfzig rechts. Fünf Monate lang. "Allah ist gnädig, die Taliban waren es nicht", sagt er, versucht ein Grinsen und schafft nur eine Grimasse. "Zum Glück waren die Schläge nicht so hart, dass meine Hände verkrüppelten", sagt er und zieht ein Mobiltelefon aus der Tasche, neues Modell, mit MP3 und Kamera. "Sieh her!" Auf dem Display zucken Bilder: seine Frau, indische Filmgöttinnen, ein Nacktmodell und ein Videoclip, der eine Frau zeigt deren Oberkörper aus einem Erdloch ragt und von einem Mob gesteinigt wird. "Die soll ein Verhältnis gehabt haben, obwohl sie nicht verheiratet war." Angst? Nein. "Die habe ich verloren. Ich bin mit dem Krieg aufgewachsen. Wie die meisten Afghanen in meinem Alter" Erst die Russen, dann das Gemetzel zwischen Mujaheddin und Kommunisten, danach der Taliban, Mullah Omar mit seinem saudischen Kumpel Osama bin-Laden. Später die Bombennächte der Amerikaner. Und jetzt immer noch Krieg." Die Erlebnisse reichen für mehrere Menschenleben.

In Kabul dürfen Mädchen sogar zur Schule gehen

Mirwais ist ein eigensinniger Mensch. Es musste ein besseres Leben geben, als das, das er kannte, dachte er im Gefängnis. Als er erfährt, dass die Taliban vertrieben sind, beschließt er, in die Armee einzutreten. Seine Soldaten respektieren ihn, weil er zur Schule gegangen ist und sie mögen ihn, weil er ein anständiger Mensch ist. Bald soll er zum Leutnant befördert werden. Er erzählt von einer Patrouille, die er anführte. Elf Mann gerieten in einen Taliban-Hinterhalt, neun kehrten nicht zurück. Oder die Geschichte von dem Sechsjährigen, den die Taliban zwingen wollten, sich vor einem Militärkonvoi in die Luft zu sprengen, aber der Bub ergab sich im letzten Moment einer afghanischen Polizeipatrouille.

Während er spricht, weicht aus seinem Gesicht die Farbe und aus den Augen der Glanz. "Sieh Dich um", sagt er mit einer wegwerfenden Geste. "Hier leben sie wie im Mittelalter; ohne Strom, Wasser, Schulen, Krankenhäuser. Immerhin sei das Leben in einigen Teilen Afghanistans besser geworden. Der Norden ist relativ friedlich, in Kabul pulsiert das Leben und Mädchen dürfen zur Schule gehen. "Das ist doch schon was!" Schluss mit dem Gewäsch von gestern! "Heute ist ein Tag zum Feiern. Der Duft von gekochtem Lammfleisch zieht durch das Lager. Mirwais klatscht in die Hände, sechs Männer zwängen sich in ihre Schutzwesten und springen auf einen Geländewagen. "Auf zum Markt, Trinkwasser holen!" Wenige Minuten später kommen sie zurück, ohne Wasser, aber mit einem jungen Mann auf der Ladefläche. Daneben ein schmächtiger Junge. Sie zerren den Älteren vom Wagen und prügeln auf ihn ein, bis er bewusstlos am Boden liegt. Ein holländischer Nato-Soldat geht dazwischen, ruft: "So behandelt man doch keinen Gefangenen." Keine Chance.

"Dieser Junge ist viermal von dem da vergewaltigt worden ", schreit Mirwais. Einer schlägt vor, ihm ins Bein zu schießen. "Dann wird er so etwas nie wieder machen." Diesmal kann sich der Holländer durchsetzen, der Mann wird in einen Container geworfen, der als Gefängnis dient. "Mit so einem hätten die Taliban kurzen Prozess gemacht", sagt Mirwais außer sich.

Konfliktlösung auf afghanisch

Die Instanzen, die heute dem Kinderschänder den Prozess machen könnten, sind in Chora so gut wie unsichtbar. Kein Wunder, bei einem Gehalt von 60 Dollar - falls es ausbezahlt wird - und in einer Gegend, in der es keine Gesetze zu hüten gibt und in der die Taliban immer noch das Gesetz des Handelns bestimmen. Bei denen sind Polizisten etwa so beliebt wie dänische Mohamed-Karikaturen. Vor einigen Tagen wurde einem, der während seiner Wache an einem Kontrollposten eingenickt war, der Kopf abgeschnitten. Ähnlich schwierig wird sich die Suche nach einem Richter in einer Gegend gestalten, die trotz ihrer kilometerweiten Mohnfelder zu den ärmsten Landesteilen gehört, wo nur Verrat und Korruption das Überleben sichert. "Noch vor ein paar Wochen hatten die Talibandas Sagen", erklärt Mirwais. "Heute ist das alte System kaputt, aber das neue hat keiner verstanden." Was es im ländlichen Afghanistan immer noch gibt, ist die Institution der "Chai Boys", den Teejungen, die Geschäftsleuten, Politikern, Kriegsfürsten und Drogenbaronen den Tee servieren und im übrigen als Mädchen für alles dienen, oft auch für "besondere Fälle." Es heißt, der Gefangene sei der "Chai Boy" des Bürgermeisters von Chora. "Die Polizei wird sich hüten, ihre Nasen in seine Angelegenheiten zu stecken", sagt Mirwais. Doch das ist nicht das Problem der afghanischen Armee. "Dafür sind andere zuständig." Am Nachmittag wird der Gefangene zur Polizeistation am Ende der Straße geführt. Das Urteil soll recht schnell gesprochen worden sein, heißt es im Lager: zwei Monate Kerker - und eine tägliche Tracht Prügel. Konfliktlösung auf afghanisch. Das Festmahl ist bis auf weiteres verschoben.


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