Afghanistan Einfach so auf offener Straße erschossen?


Ein Toter, ein Verdächtiger und zwei Motive. Wurde der Afghane erschossen, weil er ein Taliban war oder wurde er nur Opfer einer Familienfehde? Carsten Stormer berichtet für stern.de einen Monat aus dem Krisengebiet Afghanistan.

Drei berichtenswerte Ereignisse sind heute geschehen. Die Nacht war kühler als die vergangenen Nächte. Es ist Freitag, zur Feier des muslimischen Feiertags schlachteten afghanische Soldaten ein Lamm. Und am Nachmittag wurde auf dem Markt von Chora ein Mann erschossen.

Eigentlich nichts Besonderes. Pausenlos wird hier, im Süden von Afghanistan, geschossen. Doch dieser Mord zeigt, wie tief die Probleme dieses Landes sitzen. Und, dass nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

Tritte und Staub

Eigentlich wollte die Soldaten nur in Ruhe ihren freien Tag genießen; Kebab essen, Tee trinken, im nahen Fluss baden. Doch um 15 Uhr zerrissen Schüsse die Stille des Nachmittags. Zehn insgesamt. "Verdammt", fluchte Sergeant Merwais, trommelte sechs Männer zusammen, warf sich in seine schusssichere Weste und fuhr mit Vollgas aus dem Lager. Ein paar Minuten später kam der Trupp afghanischer Soldaten zurück, mit einem gefesselten Mann auf der Ladefläche.

Unter Flüchen und Tritten wurde der Gefangene auf den Boden geworfen. Eine Ohrfeige, ein Tritt ins Gesicht, dann griffen holländische Marine-Infanteristen ein. So behandelt man keinen Gefangenen", sagte Sergeant Baggie, ein holländischer Marine-Infanterist. Man müsse doch erst mal erfragen, was passiert sei. Der Mann am Boden spuckte Staub aus.

"Er war ein Taliban. Er hat sein Schicksal verdient"

Mirwais, der ansonsten so besonnene Sergeant der Afghanen, tobte. Dieser verdammte Kerl ist ein Mörder . Er hat einen Mann auf offener Straße erschossen, einfach so, ohne ersichtlichen Grund!" Wirklich? Nun mal langsam, Mirwais, sagte Sergeant Baggie. "Niemand erschießt jemanden einfach so. Nicht mal in Afghanistan." Oder doch?

Bevor Sergeant Merwais den Verdächtigen befragen konnte, erschien auch schon dessen Bruder. Bauch, Turban, Bart. Unschuldig sei der Bruder, sein nacktes Leben hätte er verteidigt, zeterte er. Aber der andere war doch unbewaffnet, entgegnete Sergeant Baggie. Ja, schon, ähm. Aber der Tote war ein Taliban, der sein Schicksal verdient habe. Einer von den ganz schlimmen. Bei Allah, so war es. Ahh, ein Taliban! Kuck an. Und dann erzählte der Schütze seine Version der Geschichte. Dass der vermeintliche Taliban mit seinen Kumpels ihm Land gestohlen, einen Cousin ermordet hätte, zudem die Mutter geschlagen und aus lauter Jux und Tollerei eine Granate ins Schlafzimmer der Brüder gefeuert hätte. "Fragen Sie nur den örtlichen Polizeikommissar", der könne das bestätigen. Außerdem bin ich mit dem befreundet", ließ er so nebenbei fallen. (Nur wer mächtige Freunde hat, kann in diesem Teil der Welt alt werden.)

Gestorben für ein geklautes Stück Gemüsebeet

Während man so da saß und plauderte, erschien der Bruder des Opfers am Tor des Lagers und bat um Einlass.

Nein, sein Bruder sei kein Taliban gewesen, nur ein harmloser Verkäufer von Propangasflaschen auf dem Markt von Chora. Plötzlich sei dieser Irre aufgetaucht und hätte wie wild auf den Bruder geschossen. "Bei Allah, so war es", sagt auch er. Überhaupt gebe es in Chora keine Taliban. "Die verstecken sich doch alle in den Bergen." Vielmehr sei der Mord aus Rache geschehen. Die beiden Familien seien schon lange zerstritten. Irgendeiner hat dem anderen mal ein Stück Gemüsebeet geklaut. Lange her ist das, vergessen aber nicht. "Ehrlich, in meiner Familie gibt es keine Taliban." Schweigen.

Ein Fall für die korrupte Polizei

Afghanische und holländische Soldaten schauen sich ratlos an. Was ist, wenn der Kerl tatsächlich ein Taliban war? Wem soll man glauben? Keinem, beiden? Egal, das Ganze sei ohnehin ein Fall für die Polizei, sagt der holländische Marine-Infanterist. Die allerdings, das weiß auch er, gilt als korrupt und besticht vor allem durch Tatenlosigkeit.

Mirwais, sein afghanischer Kollege, schüttelt seinen Kopf. Es ist ja wohl klar, wer diesen Streit gewinnt. Der, der geschossen hat. Wer sonst. Immerhin ist er mit dem Polizeikommissar befreundet. Beweisaufnahme überflüssig. Dann bringt man den Täter rüber, ans Ende der Straße. Dort befindet sich eine Station der afghanischen Polizei.


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