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Albino-Gorilla "Schneeflöckchen": Der weiße Koloss leidet an Hautkrebs

"Schneeflöckchen" dürfte das am häufigsten fotografierte Tier der Welt sein - als Albino-Gorilla ist er eine absolute Rarität. Doch sein Leben neigt sich dem Ende zu. Der Star des Zoos von Barcelona und Wahrzeichen der Stadt ist unheilbar krank.

Vor dem Affengehege hat sich eine Warteschlange von über 500 Meter gebildet. Mehr als zwei Stunden harren die Zoobesucher in Barcelona aus, bis sie einen Blick auf den weißen Gorilla "Copito de Nieve" (Schneeflöckchen) werfen können. Sie sind gekommen, um sich vom einzigen bekannten Albino-Gorilla der Welt für immer zu verabschieden. Der Star des Zoos ist unheilbar krank und hat nur noch wenige Wochen zu leben.

"Wir werden sein Leben nicht künstlich verlängern", sagt Zoodirektor Jordi Portabella. "Eine Operation würde ihm unnötige Qualen zufügen." Der weiße Koloss leidet an Hautkrebs. Bisher war diese Krankheit noch nie bei einem Gorilla festgestellt worden. Copito dürfte das am häufigsten fotografierte Tier der Welt sein. Er zierte bereits die Titelseiten der Weltpresse und gilt als ein Wahrzeichen der katalanischen Metropole.

Aus Äquatorialguinea nach Barcelona

Der spanische Zoologe Jordi Sabater Pi hatte ihn 1966 im Alter von etwa zwei Jahren aus Zentralafrika nach Barcelona gebracht.

Mit etwa 39 Jahren ein "alter Herr"

Der Wissenschaftler hatte das weiße Gorilla-Kind einem Bauern in Äquatorialguinea abgekauft. Der Mann hatte Copitos Mutter erschossen, weil sie die Bananen von seinen Feldern gefressen hatte. Damit rettete er dem kleinen Gorilla unfreiwillig das Leben. Die leuchtend weiße Farbe des Fells hätte Copito im Urwald zu einer leichten Beute für Raubtiere gemacht.

Sabater wusste, dass er es mit einer absoluten Rarität zu tun hatte. Bis dahin waren alle Gorillas, die Wissenschaftler zu Gesicht bekommen hatten, schwarz gewesen. Nachdem die sensationelle Entdeckung sich herumgesprochen hatte, reisten Zoologen aus aller Welt nach Barcelona, um den Albino mit der rosa Haut und den roten Augen zu bestaunen. Der Zoodirektor von Chicago wollte den Gorilla "für jeden Preis" kaufen. Andere Experten reagierten mit Unglauben. Einige behaupteten gar, das Fell sei künstlich gefärbt worden.

Die ersten Monate in Barcelona verbrachte das verspielte Gorilla-Kind in der Wohnung des Zoo-Veterinärs. Dessen Frau kochte dem Affen Brei, wechselte ihm die Windeln und schaukelte ihn in den Schlaf. 1973 wurde Copito erstmals Vater. Er zeugte insgesamt 22 Nachkommen und hat 7 Enkel. Die Rekord-Nachkommenschaft dürfte nicht so sehr mit dem sexuellen Verlangen des Albinos zu tun haben. Sie erklärt sich wohl daher, dass der Zoo darauf aus war, weitere weiße Gorillas zu bekommen. Aber die Rechnung ging nicht auf. Alle Jungen haben ein pechschwarzes Fell.

Heute ist Copito mit seinen etwa 39 Jahren ein "alter Herr". Sein Alter entspricht mehr als 80 Menschenjahren. Aber er lässt sich weder das Alter noch die Krankheit anmerken, sondern tollt mit seinen Enkeln durch das Gehege. "Er fühlt sich so prächtig wie seit langem nicht mehr", freut sich der Zoodirektor. Vor wenigen Jahren hatte Copito noch gelangweilt und mürrisch dreingeblickt, als sehnte er sich nach dem Urwald in Afrika zurück.

Nach seinem Tod soll der Gorilla, so hat es die Zooverwaltung entschieden, weder geklont noch ausgestopft werden. Die Stadt will ihrem vielleicht berühmtesten Bewohner allerdings eine besondere Ehre erweisen. Barcelonas Bürgermeister Joan Clos plädierte dafür, eine Straße nach "Schneeflöckchen" zu benennen. Allerdings dürfen solche Ehrungen nach einer Vorschrift frühestens fünf Jahre nach dem Tod des Betreffenden vorgenommen werden. "Die Regel gilt für Menschen. Bei einem Tier kann man eine Ausnahme machen", meint ein Beamter.

Hubert Kahl / DPA