Armut in Deutschland Das sagen die stern.de-Leser


Der Armutsbericht des Bundesarbeitsministers hat eine heftige Debatte ausgelöst. Was bedeutet es in Deutschland arm zu sein? Wer ist überhaupt arm? Und wer ist an all dem schuld? Die Diskussionen im stern.de-Leserforum zeigen, dass diese Fragen die Deutschen entzweien.

Der Armutsbericht des Bundesarbeitsministers hat eine heftige Debatte ausgelöst: 13 Prozent der Bevölkerung fallen nach den EU-Kriterien unter die Armutsrisikoquote. Ohne die Transferleistungen des Staates wären es sogar 26 Prozent. stern.de ist dem Thema Armut in Deutschland in verschiedenen Analysen, Interviews und Reportagen nachgegangen. Was heißt es in Deutschland arm zu sein? Wieso sind Menschen in einem der reichsten Länder der Welt nach EU-Definition arm? Welche Lösungsansätze bieten Wirtschaft und Politik?

Wer ist hier arm?

Wie sehr das Thema den Deutschen unter dem Nagel brennt, haben die zahlreichen Reaktionen der stern.de-Leser gezeigt. Über alle Artikel wurden leidenschaftlich debattiert. Insbesondere der Gastkommentar des Wirtschaftsprofessors Johann Eekhoff, der ein monatliches Einkommen von 781 Euro - ab diesem Wert gilt ein Alleinstehender in Deutschland als von Armut bedroht - als "respektabel" einstuft, führte zu teilweise wütenden Reaktionen. Eekhoff bekam aber auch Zustimmung.

Die stern.de-Leserkommentare zeigen vor allem eines: Die Armutsdebatte entzweit Deutschland. Wer auf Hartz IV angewiesen ist oder ohne einen staatlichen Lohnzuschuss nicht über die Runden kommt, fühlt sich ausgegrenzt. Diejenigen, die in Lohn und Brot stehen, haben dagegen oft das Gefühl, am Ende des Monats kaum besser da zu stehen, als ein Arbeitsloser. Die stern.de-Leser fragen sich, wie viel Geld einem Arbeitslosen zusteht. Ist eine Familie, die allein von Hartz IV lebt, arm? Oder ist es vielmehr der Familienvater mit der 60-Stundenwoche, von dessen Lohn kaum etwas übrig bleibt?

Keine Selbstachtung, keine Perspektiven

"Arm sein ist ein Gefühl der Ausgrenzung. In Deutschland bedeutet es für Betroffene den Mangel an Konsum, Kultur und Bildungsbeteiligung zu ertragen", schreibt Punito und trifft damit den Kern vieler Kommentare, die vom Leben von Hartz IV berichten. Auch Necros schreibt, Hartz IV "ist staatlich verordnete Armut, in der selbst positiv denkende Menschen Selbstachtung und Perspektiven verlieren". Viele fühlen sich in dieser prekären Lebenssituation gefangen und beklagen, dass der Bildungsstandort Deutschland auch ihren Kindern keine Chance auf ein besseres Leben gibt. So auch nursery: "Es geht doch gar nicht allein darum, arm oder reich zu sein. Viel dramatischer ist die Chancenungleichheit aus dem unteren Bereich nach oben zu kommen."

Die Berichte arbeitsloser stern.de-Leser stoßen auf viel Verständnis, zumal viele Menschen die Angst vor dem eigenen Abstieg plagt: "Selbst ich als Normalverdiener habe mittlerweile so meine Schwierigkeiten, alles wird immer teurer nur die Löhne, die gehen da irgendwie nicht richtig mit", berichtet littledrumer. "Für mich wäre es der persönliche Super-GAU von ALGII leben zu müssen."

Kein Geld für's Schulbuch, aber für den iPod

Die vielen Klagen im stern.de-Leserforum über die Situation für Arbeitslose und Arbeitnehmer mit niedrigem Einkommen werden aber nicht von allen widerspruchslos hingenommen. "Bei allem Respekt: unsere Armen leben - global gesehen - im Paradies: auch wer überhaupt nicht arbeitet, selbst wenn er könnte, hat genug zu Essen, ein Dach über dem Kopf, eine gute medizinische Versorgung, seine Kinder gehen zu Schule", schreibt Arno222. Außerdem sei das Arbeitslosengeld auch gar nicht dafür gedacht, ein angenehmes Leben zu ermöglichen: "Keiner kann behaupten, dass es mit Hartz IV einfach ist, aber das sollte es doch auch gar nicht sein, ansonsten ist doch auch die Verlockung viel zu groß sich darauf auszuruhen."

Doch ist die Verlockung wirklich gegeben? Kraktoa41 schreibt, Fleisch sei "bei vielen Hartz-IV-Empfängern eine sehr seltene Mahlzeit. Damit Kinder überhaupt mal irgendeine Freude bekommen können, hungern viele Eltern lieber mal um so etwas Geld zu sparen, um im kalten Winter sitzen viele im kalten Wohnzimmer, denn Heizkosten werden nicht endlos und unbegrenzt gezahlt."

"Wir sind ein Sozialstaat und nicht die Caritas!"

Aber es gibt auch eine zweite Seite: "Was ich aber auch erlebe als Lehrerin: das Geld für den Pinsel im Kunstunterricht ist nicht da, oder für die Lektüre in Deutsch, aber 50 Euro für künstliche Fingernägel sind drin", berichtet LehrerinOdrana. "Handy und iPod sind vorhanden, aber für die Klassenfahrt muss der Förderverein angeschnorrt werden."

Der vermeintlich gute Lebensstandard mancher Hartz-IV-Empfänger treibt Arbeitnehmern mit niedrigem Einkommen die Zornesröte in die Augen: "Wir sind ein Sozialstaat und nicht die Caritas!", schreibt Ikaron. "Darf ich mal fragen mit welcher Motivation ich weiterhin neben einer 60-Stunden Woche abends studieren gehen soll? Wenn ich das Geld doch sowieso geschenkt kriege!" Ähnlich argumentiert auch Lammbock: "Wenn man die Relation zwischen Erwerbslosen und Arbeitnehmern sieht, dann frag ich mich WER hier arm dran ist."

sh

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