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Bundestags-Barkeeper Ossi tritt ab: Wo jede Revolution ertränkt wurde

Das wichtigste Hinterzimmer der Macht war Jahrzehnte lang Ossis Bar. Dort wurde zuweilen mehr Politik gemacht als im Bundestag. Jetzt geht Ossi in den Ruhestand. Und schweigt eisern weiter.

Von Hans-Peter Schütz

Wer hat unsere Demokratie krisenfest gemacht? Natürlich Ossi. Bei ihm sangen unsere Volksvertreter gerne und laut:

"In Ossis Bar im Bundeshaus
geht man gern rein,
doch ungern raus.
Ob Liberaler oder Christ,
dazu der rote Sozialist.
Die Republik mag ruhig sein,
solange Ossi uns schenkt ein;
sogar die Revolution
ertränkt man hier im Keime schon."

Oder die Abgeordneten spielten bei Ossi das Kinderspiel "Schiffe versenken". Allerdings in nicht jugendfreier Variante. Die lief so: Ein Wasserglas wurde soweit gefüllt, dass es gerade noch im Glasspülbecken am Bartresen schwamm. Dann durfte jeder der bei Ossi versammelten Politiker noch einen oder zwei Tropfen Nass hinzufügen. Mit Gefühl natürlich. Denn derjenige, bei dem das Glas absoff, musste die nächste Runde zahlen.

Manche Nacht ist die Republik bei diesem Spiel überparteilich abgesoffen.

Schatzkiste voller Euros

Vor allem dann, wenn sich die so genannte "Montagsrunde" zu Beginn der Sitzungswochen des Bundestags bei Ossi in der Bar des Parlaments traf. So wie diesen Montagabend. Rund 40 Abgeordnete drängten sich im Keller des Gebäudes mit der klassizistischen Fassade gegenüber dem Osteingang des Reichstags, Domizil der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft (DPG). Einige kannten sich seit Jahrzehnten. Denn sie hatten einst schon in Bonn bei Ossi zusammen gesessen, getrascht, Politik gemacht, gebechert. Erst in der plüschigen Bar des alten Bundeshauses, dann im Keller des Notparlaments im Wasserwerk.

Jetzt ist Abschiednehmen angesagt. Ossi, seit 1975 parlamentarischer Barkeeper, geht in Pension. Am Donnerstag wird er offiziell verabschiedet. Am Montagabend sagten ihm schon seine treusten Freunde adieu. "Ossi hat uns über kaum zählbare Jahre zur Seite gestanden und war immer die vertrauenswürdigste Persönlichkeit des Bundestags", sagt Jürgen Timm, Chef der Montagsrunde und einst FDP-Abgeordneter. Weil Ossi in den Augen der Volksvertreter "immer ein Schatz" gewesen war, schenkten sie ihm zum Abschied eine Schatzkiste mit fünfstelligem Euroinhalt. Denn Ossi will jetzt zunächst einmal zur Entspannung auf Weltreise gehen.

Grölen zur Gitarre

Denn anstrengend war sein Leben mit den Abgeordneten zuweilen schon. Dann etwa, wenn Manfred Richter, zeitweilig Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP und später Oberbürgermeister der Stadt Bremerhaven, oder Wolfgang Weng, lange stellvertretender FDP-Fraktionschef, in der Bar zur Gitarre griffen und grölten, Pardon: sangen. Das Lied von der "Lütten Lage":

"Ach wie schön ist so ne lütte Lage,
ach ich wollt,
ich hätt sie alle Tage.
Sie rinnt so munter
den Schlund hinunter,
so glatt wie ein Aal
durch den Kanal."

Das Lied stammt von Detlev Kleinert. Der saß von 1969 bis 1998 für die Liberalen im Bundestag, war bei Ossi der ungekrönte König und natürlich Niedersachse. Er hielt im November 1994 jene legendäre Rede, in der er den anwesenden Abgeordneten vorwarf, sie seien in ihrer Aufnahmefähigkeit "offenbar nachhaltig eingeschränkt". Was vor allem eindeutig auf ihn selbst zutraf. Wg. lütte Lage. Ihm gehört auch das Bild, das in der Bar hängt und seine Königliche Hoheit Prinz Adolph Friedrich von Großbritannien, Irland und Hannover, Herzog von Cambridge zeigt. Darauf darf der Adelsmann verkünden: "Ach wie schön ist sooo 'ne lütte Lage."

Für Weng waren die Abende an Ossis Bar ein echter politischer Härtetest. "Wer bei Ossi sein Standvermögen bewiesen hat, stand seinen liberalen Mann in der Politik auch in schwierigen Jahren", gestand er stern.de.

Barmann und Beichtvater zugleich

Nirgendwo sind die Abgeordneten intimer unter sich als in der Bar im Keller der Parlamentarischen Gesellschaft. "Zutritt nur für Mitglieder der DPG und ihre Gäste" steht am Zugang. Es ist ein politischer Kontakthof, bei dem die Parteibücher ausgesperrt blieben. "Dort sind wir Abgeordnete eine ganz, ganz große Koalition", gestand DPG-Chef Heinz Riesenhuber, der mit der Fliege, stern.de. "Bar" möchte man fast nicht sagen, denn das Wort greift viel zu hoch. An den Wänden viel dunkles Holz, alte Stiche. Platz für etwa 60 Besucher an Tresen, Bänken und hohen Tischen mit Hockern. Über der Theke werden Berliner Gerichte angepriesen. Bockwurst, Schmalzstulle. Pellkartoffeln mit Kräuterquark.

Das ist Ossis Reich, mit vollem Namen Osvaldo Cempellin (65), ein Italiener aus Friaul. Fast fleht er darum, nicht im Bild gezeigt zu werden. "Ich will präsent, aber nicht sichtbar sein." Er ist Barmann und Beichtvater zugleich. Ach, seufzen Journalisten, wenn Ossi doch nur mal reden würde! Aber er redete noch nie. Kein Wort von dem, was er in seinem Reich sah und hörte, kam jemals über seine Lippen. Und er sah und hörte vieles, was Veröffentlichung in der Parlamentsgeschichte nicht ertrüge.

Vor fünf Jahren ist Ossi mit der "Medaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland" ausgezeichnet worden. Für jahrelangen diskreten Dienst am Durst der deutschen Volksvertreter. Für sein eisernes Schweigen. Für seine Verdienste ums Seelenheil unserer Volksvertreter. "Schließlich ist im Leben eines Politikers nicht immer alles eitel Sonnenschein", schrieb ihm jetzt zum Abschied der frühere FDP-Abgeordnete Roland Kohn. Als Ossi ursprünglich nicht von der Bar im Bonner "Wasserwerk" mit nach Berlin umziehen wollte, organisierte sich eine "fraktionsübergreifende Initiative", der es schließlich gelang, ihn doch noch zu überreden.

Abgeordnete kippten vom Barhocker

Viele Legenden ranken sich um Ossi. Eine besagt mit Blick auf den ganz ungewöhnlich trinkfesten Kleinert und seine Kumpanen, Ossis Kneipe sei das "einzige Verfassungsorgan", in dem "die FDP manchmal eine Zwei-Drittel-Mehrheit hat". Eine andere erzählt, dass eines Nachts kurz vor Morgengrauen ein Abgeordneter volltrunken vom Barhocker gekippt sei und Ossi angeblich anerkennend zu dessen Nebensitzer gesagt habe: "Der weiß immer, wann er aufhören muss." Man kann darauf wetten, dass Ossi dies niemals gesagt hat. Was antwortet er auf die Frage, wann der letzte Gast das Lokal verlassen hat? Stereotyp: "Gegen halb." Und ein Lächeln steht dann in seinen warmen braunen Augen.

Der Mann hätte auch Politiker werden können. In jeder Partei.