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Krawalle Nach der Chaos-Nacht in Stuttgart beginnt die Ursachensuche

Sehen Sie im Video: Krawalle in Stuttgart – Polizei sieht keine politische Motivation.


Nach einer Drogenkontrolle in Stuttgart hat es Polizeiangaben zufolge in der Nacht zum Sonntag schwere Randale in der Innenstadt gegeben. Dabei sei es "zu erheblichen Angriffen auf Polizeibeamte, Streifenwagen und Ladengeschäfte in der Innenstadt" gekommen, wie das Polizeipräsidium Stuttgart mitteilte. Mehr als ein Dutzend Polizeibeamte sollen verletzt worden sein. Thomas Berger, stellvertretender Leiter der Polizei Stuttgart: "Um 23:30 Uhr sollte es im Rahmen einer ganz normalen Polizeikontrolle, im Rahmen eines BTM-Verfahrens, zur Kontrolle einer Person kommen. Diese Person, um gleich ihre Frage vorwegzunehmen, ist ein 17-jähriger deutscher Staatsbürger mit weißer Hautfarbe, der im Bereich Obere Schlossstraße, Gartenanlage Eckensee offensichtlich ein Rauschgiftdelikt begangen hat, kontrolliert werden ." Daraufhin hätten sich viele Anwesende gegen die Beamten solidarisiert. Abgestellte Streifenwagen seien massiv beschädigt worden, mit Stangen und Pfosten wurde auf die Fahrzeuge eingeschlagen, schilderte die Polizei die Vorgänge. In der Stuttgarter Innenstadt sammelten sich im Laufe der Nacht etwa 500 Leute an, so die Polizei. Mehr als 40 Ladengeschäfte sollen nach Angaben der Polizei beschädigt worden sein, einige seien wahllos geplündert worden. Eyok Russom ist Leiter einer Mobilfunk-Anbieter-Filiale. Ihm wurden zahlreiche Geräte geklaut. "Ich finde es einfach traurig. Ich bin entsetzt. Ja, das ist schon Randale. Das ist schon, sage ich einmal... Ja, es wurde einfach... Ich glaube, das ist hausgemacht. Ich weiß nicht, ob das verabredet wurde, oder ich bin einfach sprachlos." Die Kriminalpolizei sichert noch Spuren und hat 24 Personen vorläufig festgenommen. Sieben werden in den nächsten Tagen dem Haftrichter vorgeführt. Bei der Menschen, die sich bei der Drogenkontrolle mit dem 17-jährigen Deutschen solidarisiert hatten, handelt es sich laut Polizeipräsident Franz Lutz um Menschen aus der Party- und Eventszene: "Sie inszeniert sich dann in den sozialen Medien mit ihrem Handeln und da gehört seit neuestem eben auch dazu, ein aggressives und beleidigendes Tun gegen Polizeibeamte." Parallelen zu der Black-Lives-Matter-Bewegung in den USA und den damit einhergehenden Gewalttaten, sieht die Polizei Stuttgart nicht.
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In einer für Stuttgart beispiellosen Gewaltorgie ziehen junge Leute in der Nacht zum Sonntag randalierend durch die Stadt. Warum sie das tun und wie solche Aktionen künftig verhindert werden können, darauf wollen viele Bürger jetzt Antworten.

Die Glasscherben der zerstörten Schaufenster dürften am Montag weggekehrt sein, doch damit ist der Schaden nicht behoben: Die Aufarbeitung der Chaos-Nacht in Stuttgart vom Wochenende fängt jetzt erst an. 24 Menschen wurden im Zuge der Ausschreitungen in der Nacht zum Sonntag festgenommen, mindestens 19 Polizisten verletzt. Insgesamt sollen 400 bis 500 Menschen an den Krawallen teilgenommen haben. Vielfach wurde am Sonntag die Frage gestellt, wie es dazu kommen konnte - von Bürgern, Geschäftsinhabern, aber auch von Politik und Polizei.

Randale soll nicht politisch motiviert gewesen sein

Festzustehen scheint für die Polizei, dass die Randale nicht politisch motiviert war. Es seien vielmehr Menschen aus der Party- und Eventszene gewesen, die sich in den vergangenen Wochen immer wieder in der Öffentlichkeit getroffen und sich in den sozialen Medien mit ihrem Handeln inszeniert hätten. Allerdings noch nie in diesem Ausmaß. Die Polizei hat Zeugen um Mithilfe bei den Ermittlungen gebeten - zur Aufklärung benötige man Bilder und Videos von den Straftaten und mutmaßlichen Tatverdächtigen. 

"Wir werden mit allem, was uns der Rechtsstaat zur Verfügung stellt, diese Randalierer verfolgen und sie zur Rechenschaft ziehen", sagte Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) am Sonntagabend in den "tagesthemen" der ARD. Er sah in den Ereignissen eine Herausforderung für den Rechtsstaat.

Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) machte unter anderem Geltungsbewusstsein in den sozialen Medien als Grund für die Ausschreitungen aus - neben Alkoholkonsum. Nach den Worten von Innenminister Strobl hat sich "die Szene im Schlossgarten" dort schon seit Längerem festgesetzt. Er forderte ein Gesamtkonzept für die Stadt Stuttgart und ein Maßnahmenbündel. "Das muss die Stadt Stuttgart lösen", betonte der Minister.

Sven Hahn, Geschäftsführer der City-Initiative Stuttgart, einem Verbund aus Händlern, Gastronomen, Hoteliers und Kulturbetrieben, plädierte für eine umfassende Analyse. "Wir müssen genau schauen, was passiert ist, wie es dazu kam und ob es dazu Aufrufe gab", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Dann gelte es, sich mit Polizei und Politik sinnvoll abzustimmen, um Lösungen zu finden. "Man tut nichts Gutes, wenn man vorschnell den Finger auf jemanden richtet".

Sondersitzung des Innenausschusses wird einberufen

Gelegenheit zur Aufarbeitung soll eine Sondersitzung des Innenausschusses am Mittwoch im Landtag geben. Dort will die Opposition Innenminister Thomas Strobl (CDU) ausführlich zur kriminellen Gewalt und zu Maßnahmen zum Schutz von Gesellschaft und Polizei befragen. Die Polizei hat angekündigt, in den kommenden Wochen mit verstärkten Kräften in Stuttgart unterwegs zu sein.

Aus der Bundespolitik kommen derweil Forderungen nach Konsequenzen. Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Mathias Middelberg, sagte der "Welt": "Das Entstehen rechtsfreier Räume dürfen wir nicht zulassen." Die innenpolitische Sprecherin der grünen Bundestags-Fraktion, Irene Mihalic, sagte der Zeitung: "Nun müssen akribisch alle Erkenntnisse zusammengetragen werden, damit zügig geklärt werden kann, wer dahintersteckt und wie es überhaupt dazu kommen konnte."

mis DPA

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