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Das Jahr der Matrix: Hacker Neo hebt ab

Als die Brüder Andy und Larry Wachowski 1999 ihren zweiten Film in die Kinos brachten, sorgten sie für eine Sensation. "The Matrix" stellte die Sehgewohnheiten des Publikums auf den Kopf und wurde ein Kassenknüller.

Als die Brüder Andy und Larry Wachowski 1999 ihren zweiten Film in die Kinos brachten, sorgten sie für eine Sensation. "The Matrix" stellte die Sehgewohnheiten des Publikums auf den Kopf und wurde ein Kassenknüller. In den Fortsetzungen des spektakulären Streifens haben Hacker Neo (Keanu Reeves) und seine Rebellenführer wieder mehr als eine schwere Aufgabe zu lösen. Aber noch ein und ein weiteres Mal konnten die Brüder die Kinowelt nicht neu erfinden. Teil 2 und Teil 3 der Saga sind, wen wundert es, Fortsetzungen, die unter der Last der "Großen Erwartungen" angetreten sind.

Die Kritik bemängelt die Dominanz sinnloser Action-Orgien, sinnsuchende Fans irritiert, dass der Matrix-Kosmos nun doch nicht alle Welträtsel, die Teil 1 munter aufgeworfen hatte, schlüssig auflösen konnte. Dem voraus geplanten kommerziellen Erfolg, flankiert von Computerspielen, steht dennoch nichts im Wege und an der Pseudo-Philosophie zwischen Simulation und Gummi-Look haben sich nicht nur Kinogänger sondern auch große Geister versucht.

Die philosophische Entscheidung zwischen Traum und Albtraum

Unter der Rubrik "Philosophy & The Matrix" findet der interessierte Kinogänger auf der Website des Films zahlreiche Artikel amerikanischer Wissenschaftler. Sie beschäftigen sich mit den philosophischen Problemen, die die Film-Triologie aufwirft, deren letzter Teil im Herbst in die Kinos kommt. Betreut wird die Rubrik vom amerikanischen Philosophieprofessor Christopher Grau. Die Artikel sollten kein Lösungsbuch zum Film sein, sondern helfen, die philosophischen Idee des Films zu entdecken, schreibt er.

Eine Art philosophisch-religiösen Rorschach-Test

Der slowenische Philosoph Slavoi Zizek sieht dagegen in der Matrix vor allem eine Art philosophisch-religiösen Rorschach-Test, der dem Zuschauer nur dabei helfen soll, seine eigene Lieblingsphilosophie in den Film hineinzuprojizieren. Von der Frankfurter Schule bis Platon reichen die Zuordnungen, religiöse Zuschreibungen nicht mitgerechnet. Dennoch scheint sich die Matrix mit einem Themenbereich zu beschäftigen, der zu den Grundfragen der Philosophie führt: Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen? Was kann ich tun?

Ein epistemologisches Grundproblem

Das epistemologische Grundproblem der Frage nach der richtigen Erkenntnis stellte bereits der erste Teil der Trilogie. Was für Neo und den Zuschauer real war, stellte sich als Täuschung heraus. Maschinen hatten für die Menschheit eine virtuelle Geisteswelt - die Matrix - erschaffen, um sie über ihr eigentliches Dasein als Sklaven der Maschinen zu täuschen.

Dachte Rene Descartes an "Neo"?

Der französische Philosoph Rene Descartes nahm im 17. Jahrhundert eine ähnliche Idee zum Ausgangspunkt seiner Meditationen über die erste Philosophie: Kann es sein, dass alles nur eine Täuschung ist, dass nichts wirklich existiert, was mich umgibt? Alles könnte vorgetäuscht sein, selbst andere Menschen, argumentierte Descartes. Nur das eigene Denken, die geistige Vorstellung des eigenen Ichs, müsse existieren. Cogito Ergo sum - ich denke, also muss ich auch existieren.

Wenn ich existiere, sich aber meine bisherige Lebenswelt als Trugbild erwiesen hat, was darf ich dann erhoffen? Was kann ich erwarten, wenn sich alle Regeln, an denen ich mich bisher orientierte, als erfunden herausstellen? Im ersten Teil der Matrix ersetzten die Drehbuchautoren den virtuellen Traum der Matrix durch Morpheus’ politisch-religiösen Traum einer durch Neo befreiten, erlösten Menschheit. "Matrix Reloaded" enthüllt jedoch auch Morpheus’ Traum als ein Produkt der Maschinenwelt, als Ideologie, die nur der Systemerhaltung dient. Nicht umsonst trägt Morpheus den Namen des griechischen Gott des Traumes. Ein politischer Traum als Erfüllungsgehilfe eines totalitären Systems - das heißt: Wer die Träume der Menschen kontrolliert, kontrolliert die Menschen selbst.

"Neo" ist Geworfener, also Existenzialist

Wenn ich aber meinen Träumen nicht glauben darf, nach welchen Kriterien soll sich dann mein Handeln richten? Welcher Ethik soll ich folgen? Nur deiner eigenen, so lautet die Botschaft von "Matrix Reloaded". Denn Neo widersetzt sich der gängigen Logik, die nur ein "Entweder - Oder" kennt. Er widersetzt sich der mathematischen Ausweglosigkeit der Maschinen, die ihn entweder zum Erfüllungsgehilfen der Matrix oder zum Vernichter der Menschheit werden lässt. Er geht ganz im existenzialistischen Sinne eines Jean-Paul Sartre einen dritten, seinen eigenen Weg, nachdem ihn sein Aufwachen aus der Matrix und aus Morpheus’ Traum in die Welt hineingeworfen hat.

Neo ist erwacht aus seinen Träumen und beschreitet damit einen zutiefst buddhistischen Weg, der dem Film immer unterstellt wird. Denn wörtlich übersetzt bedeutet Buddha nicht der Erleuchtete, sondern der Erwachte. Er ist erwacht aus dem Samsara, dem buddhistischen Pendant der Matrix. Wie sich allerdings die Dinge im Nirvana verhalten, ob dort überhaupt etwas existiert, dazu hat sich auch der Religionsstifter sehr bedeckt gehalten.