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Alltag im Rotlichbezirk "Als Domina vermittelt man Illusionen": Manuela Freitag hat ein Buch über ihren ungewöhnlichen Job geschrieben

Manuela Freitag, 57, in ihre Fenster in der Herbertstraße
Manuela Freitag, 57, in ihre Fenster in der Hamburger Herbertstraße
© Michael Philipp Bader / Edel Books
Sie hat ihr Studio in der wohl berüchtigsten Meile des Landes: der Herbertstraße auf dem Hamburger Kiez. Domina Manuela Freitag liebt, was sie tut – auch wenn der Job nicht immer einfach ist.

Mit gerade mal 12 Jahren rutschte sie in die Prostitution, als sie aus dem Heim geflüchtet und obdachlos in Bremen lebte. Heute arbeitet Manuela Freitag, 57, selbstbestimmt in der Hamburger Herbertstraße und führt neben ihrem ungewöhnlichen Berufsalltag ein ganz normales Leben. Ihre abenteuerliche Geschichte erzählt sie nun in "Herbertstraße. Kein Roman" (Edel Books), und gibt darin auch zahlreiche intime Einblicke in ihren Job.

Wie offen darf man über das, was in der Herbertstraße passiert, überhaupt sprechen oder schreiben?
Ich konnte das eigentlich ganz unbefange schreiben, schließlich schreibe ich über mein Leben, über meine Geschichte. Nicht über Kolleginnen. Und natürlich konnte ich die Gäste nicht beim Namen nennen, die haben bei mir alle einen falschen Namen bekommen.

Wie haben Sie sich für diesen Beruf entschieden?
Das war damals keine bewusste Entscheidung, sondern meiner Situation geschuldet. Ich war aus dem Heim abgehauen, habe als Jugendliche in Bremen auf der Straße gelebt, und dort am Steintor auf dem Straßenstrich angefangen. So konnte ich mir meinen Lebensunterhalt verdienen. Ich brauchte ja Lebensmittel, Wäsche und all das. Das habe ich eine Weile gemacht, später habe ich auch in Bars oder Saunaclubs gearbeitet. Mein Wunsch war immer, nach Hamburg auf die Reeperbahn zu kommen und meine Mutter zu suchen, von der ich wusste, dass sie dort ebenfalls als Prostituierte gearbeitet hat. Mit 18 habe ich dann meine Sachen gepackt und bin nach Hamburg gefahren. Auf der Reeperbahn habe ich dann meinen ersten Zuhälter kennengelernt und bin in der Stadt hängengeblieben.

Sie sind ja eigentlich viel zu jung in die Branche gerutscht. Sind Sie rückblickend manchmal traurig darüber, in diese Situation gekommen zu sein?
Heute kann ich mich kaum noch da hineinversetzen. Ich erinnere mich, dass das so passiert ist, aber ich erinnere mich nicht, was ich damals gefühlt habe. Ich war vielleicht einfach zu jung, mir Gedanken zu machen.

Seit 30 Jahren arbeiten Sie in der Herbertstraße. Was ist für Sie das Besondere an diesem Ort?
Dieser Ort ist für mich wie ein zweites Zuhause. Wenn ich reinkomme, wird gewunken, man wünscht sich "viel Bock", was "gute Geschäfte" bedeutet, und schnattert ein bisschen. Wenn ich in einem Appartement arbeiten würde, wären da maximal noch zwei, drei Kolleginnen, das war’s. Hier ist das alles viel größer, hier fühle ich mich geborgen. Das ist meine Meile! Hier kenne ich wirklich alle, jeden Pflasterstein!

Stimmt es, dass eine Domina keinen Geschlechtsverkehr hat?
Ja, genau. Als Domina vermittelt man Illusionen, die Gäste wünschen sich etwas, und wir versuchen diese Wünsche zu erfüllen. Es sind Rollenspiele. Manche stehen auf besondere Kleidung, andere wollen, dass man sie beschimpft, dann gibt’s da Sachen wie Nippelspiele, Eier abbinden und alles mögliche. Aber Geschlechtsverkehr ist absolut tabu.

Sie wirken so nett – wie leicht oder schwer fällt es Ihnen, so "gemein" zu Ihren Kunden zu sein?
Gemein wäre ja, wenn ich etwas mache, was der Kunde nicht möchte. Aber alles passiert ja im gegenseitigen Einverständnis. Auch wenn ich nicht ausnahmslos jeden Wunsch erfülle, versuche ich ihnen das zu geben, wovon ich das Gefühl habe, dass es ihnen gefällt.

Was war das absurdeste Erlebnis, dass Sie im Job hatten?
Das war das grunzende Schwein, so etwas vergisst man natürlich nicht. Vor einigen Jahren hatte ich einen Gast, der schon am Fenster täuschend echt ein Schwein nachgemachen konnte. Er grunzte, lief auf allen Vieren. Da konnte ich mir auch das Lachen nicht verkneifen – hat ihn aber nicht gestört.

Ist der Ton im Rotlichtmilieu in den letzten Jahren rauer geworden?
Das Angebot ist größer geworden. Das macht es für jede einzelne von uns immer schwerer. Es haben einige Frauen aufgehört, weil die Geschäfte nicht mehr so liefen wie früher. Die Pandemie hat natürlich auch einiges dazu beigetragen. Und auch der Ton auf dem Kiez ist rauer geworden, das stimmt. Ich habe gelegentlich gemischte Gefühle am Fenster. Aber wenn jemand zu sehr nervt, sage ich ihm: Hau ab, oder gehe eben nach hinten, wo ich von der Straße aus nicht zu sehen bin.

Sie arbeiten selbstständig. Das überrascht, gerade wenn man an Berichte über Rockergangs im Rotlichtmilieu denkt. Ist das ungewöhnlich?
Nein, da hat sich in den letzten Jahren wirklich viel geändert. Viele Frauen können selber entscheiden, das ist nicht mehr wie früher. Meinen letzten Zuhälter hatte ich mit 23. Seitdem arbeite ich nur noch für mich.

Wie war es für Sie, alles aufzuschreiben und in der Erinnerung noch einmal durchzugehen? Gab es auch Dinge, die es nicht ins Buch geschafft haben?
Mir sind im Nachhinein noch ein paar Dinge eingefallen. 57 Lebensjahre passen nicht auf 280 Buch-Seiten... Da gab es viel zu viele Geschichten. Mit dem Buch habe ich mir aber einen Traum erfüllt und bin froh, es geschrieben zu haben.
 

Alltag im Rotlichbezirk: "Als Domina vermittelt man Illusionen": Manuela Freitag hat ein Buch über ihren ungewöhnlichen Job geschrieben

Sind Sie heute froh, diesen Weg gewählt zu haben, oder denken Sie manchmal, Kindergärtnerin hätt's auch getan?
Das ist ein Gedanke, der mal kommt, wenn die Geschäfte schlecht laufen. Wenn's gut läuft, kommt man ja gar nicht auf so eine Idee. Ich bin nun mal Domina, das kann ich halt.

"Herbertstraße. Kein Roman" von Manuela Freitag (Edel Books), 288 S., 17,95 Euro


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