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Exkommunikation: Kirche schockt Kolumbianer

Vier Jahre lang wurde ein kolumbianisches Mädchen sexuell missbraucht, dann hatte sie mit elf eine Abtreibung. Die katholische Kirche exkommunizierte daraufhin alle Beteiligten: Ärzte, Lehrer, Angehörige. Die Kolumbianer sind empört.

Vier Jahre lang wurde ein kolumbianisches Mädchen von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht. Dann wurde es im Alter von elf Jahren schwanger. Die Großmutter beantragte die Abtreibung, Ärzte führten sie aus, Krankenschwestern betreuten die Kleine. Die katholische Kirche belegt nun diese Menschen, die das Schicksal des Mädchens nach dem Missbrauch wendeten, mit Exkommunikation. Über die Haltung der Kirche sind viele Kolumbianer empört. So erhielt die Zeitung "El Tiempo" zu einem in ihrer Online-Ausgabe veröffentlichten Bericht zur Exkommunikation fast 1000 elektronische Leserbriefe. In den meisten wurde der Kirche das Recht abgesprochen, Abtreibungen zu verurteilen. Viele verlangten, die Kirche solle stattdessen den Vergewaltiger exkommunizieren.

"Rom ist weit und die Wirklichkeit ist hier"

Das unbedingte Eintreten der katholischen Kirche auch für das ungeborene Leben stößt sich hart mit der Wirklichkeit. Das kolumbianische Sozialministerium schätzt die Zahl der jährlich in dem südamerikanischen Land vorgenommenen illegalen Abtreibungen auf 200.000 bis 400.000. Ab 80 Dollar werden "Engelmacherinnen" tätig, und nach Schätzungen des Ministeriums kostet diese Praxis jährlich bis zu 40.000 Frauen das Leben. Das wären sogar noch mehr Opfer, als es jährlich in dem bürgerkriegsähnlichen Konflikt zwischen linken Rebellen, rechten Paramilitärs und dem Staat gibt.

Ein moralischer Riss geht dabei durch die Kirche des südamerikanischen Landes selbst. Während Kardinäle und Bischöfe gegen eine Abtreibung wie im Fall des vergewaltigten Mädchens sind, verhalten sich viele Priester und Nonnen vor Ort pragmatisch. Sie verteilen Kondome und vermitteln auch schon mal medizinisch einigermaßen sichere Abtreibungen. "Rom ist weit und die Wirklichkeit ist hier", sagt eine Nonne.

Abtreibung - nur in drei Fällen legal

Seit Mai ist der Abbruch einer Schwangerschaft in Kolumbien in drei Fällen legal: Wenn das Leben der Mutter gefährdet ist, wenn das Kind missgestaltet sein wird oder wenn die Schwangerschaft Folge einer Vergewaltigung ist. Der Direktor des Krankenhauses, in dem die erste legale Abtreibung Kolumbiens an dem elfjährigen Mädchen vorgenommen wurde, machte in einem Interview aus seinen inneren Konflikten keinen Hehl.

Er sei Katholik und respektiere die Haltung der Kirchenführung, sagte Héctor Lemus. Aber er habe auch die Angst auf dem Gesicht des schwangeren Mädchens gesehen, als sie ins Krankenhaus kam, und dann die kindliche Freude, als sie nach der Abtreibung zu ihren Freundinnen und in ihre Schule zurückkehren konnte. In einem am Donnerstag veröffentlichten Interview sagte er: "Wenn mich die Kirche dafür exkommuniziert, kann ich es nicht ändern. Vielleicht bin ich Gott nun noch näher."

Jan-Uwe Ronneburger/DPA / DPA
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