Flutkatastrophe Das Bett ist fast leer


Noch ein Jahr zuvor war die Elbe derart angeschwollen, dass tausende Bewohner an ihren Deichen um ihr Leben fürchteten. Angesichts wochenlanger Trockenheit ist das Bett der Elbe mächtig schmal geworden: Aufragende Sandbänke haben die Schifffahrt zum Erliegen gebracht.

Gleißend blinkt das Wasser der Elbe in den wolkenlosen Augusthimmel. Das Bett des einstigen deutschen Schicksalsflusses ist angesichts wochenlanger Trockenheit stellenweise mächtig schmal geworden. Aufragende Sandbänke haben die Frachtschifffahrt im niedersächsischen Abschnitt ab Schnackenburg elbabwärts zum Erliegen gebracht. Noch ein Jahr zuvor war die Elbe derart angeschwollen, dass tausende Bewohner an ihren Deichen um Leben, Hab und Gut fürchteten. Am 18. August 2002 wurde auch im Landkreis Lüneburg Katastrophenalarm ausgerufen.

20 000 Helfer und drei Millionen Sandsäcke

"Das Jahrhunderthochwasser hat besonders unser Amt Neuhaus betroffen, wo wir erst am 28. August Entwarnung geben konnten", sagt Erster Kreisrat Stefan Porwol von der zuständigen Verwaltung in Lüneburg. Die Anspannung lag in diesen heißen Augusttagen greifbar über Bürgern und Katastrophenmanagern. "Niemand wusste genau, wie hoch das Wasser steigen und ob die alten DDR-Deiche dem enormen Druck standhalten würden", sagt Porwol. Das Anwachsen des Wasserspiegels von über einem Meter pro Tag und doppelte Fließgeschwindigkeit nach gewaltigen Niederschlägen am Oberlauf der Elbe setzten ein Heer von 20 000 Helfern in Gang. Drei Millionen Sandsäcke füllten Freiwillige, Feuerwehrleute und Soldaten, packten sie auf gefährdete Deichkronen in Neu Garge, Stiepelse, Wehningen und Rassau. Vieh wurde von den elbnahen Weiden in hochgelegene Kiefernwälder zwischen Neuhaus und Kaarßen getrieben, Menschen evakuiert.

Am Ende haben die zum Teil nur notdürftig befestigten Deiche die Wassermassen zurückgehalten. Nur in der historischen Altstadt von Hitzacker am Westufer hieß es "Land unter", zum Teil bis in die Erdgeschosse. 250 Häuser waren oft nur über Stege erreichbar. "Der Pegel stand bei 7,51 Meter, Hochwasser fängt bei uns bei 6,80 Meter an", sagt Bürgermeister Karl Guhl. Im Rückblick auf die große Flut 2002 freut sich wenigstens Hitzackers Museumschef Klaus Lehmann. Zwar wurde das Untergeschoss seines Wohnhauses durchflutet, aber unter den Dielen fand er, wie andernorts auch, wertvolle keramische Zeugen der Stadtgeschichte.

Schöpfwerk oder Spundwand?

Derzeit laufen die Vorbereitungen für den Bau eines besseren Hochwasserschutzes für das Kurstädtchen. Untersucht worden sind Varianten wie der Bau eines Schöpfwerks oder einer Spundwand. "Die Kostenprognosen liegen zwischen 74 und 100 Millionen Euro", sagt Johannes Hilmer vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft und Küstenschutz. Baubeginn könnte 2004 sein.

Den Menschen in Bitter und Rassau vergeht bereits seit Anfang Juni Hören und Sehen. Von fünf Uhr morgens bis 19 Uhr dröhnen die schweren Bagger, Vierachser, Schlepper, und Planierraupen um ihre Häuser. Der Elbdeich wird hier jetzt neu gebaut. Sven Meiling, Bauleiter der Firma Josef Möbius, steht mit seinen Männern vor einer logistischen Herausforderung besonders an jenen Stellen, an denen der neue Deich landeinwärts rückversetzt verläuft. "Der Altdeich darf maximal auf 300 Metern aufgerissen werden. Anteile von ihm werden in den neuen Deich eingebaut", sagt Meiling.

Geld von der EU

Mehrere Kilometer müssen die Lastwagen von der Bodenentnahmestelle in Stixe zurücklegen. Dort, wo der Aue-Lehm und der hellgraue Spülsand gewonnen werden, entsteht eines Tages ein Freizeitsee. "Der Lehm ist so berechnet, dass er als Schürze auf den Deich gepackt wird", sagt Karsten Helms vom Deichbauamt. In Rassau, das 2002 vom Hochwasser besonders bedroht war, wird der Schutzwall in diesem Jahr voraussichtlich noch nicht fertig werden: "Viele Gelder kommen aus EU-Töpfen, und das Antrags- und Abrechnungsverfahren ist sehr kompliziert", sagt Johannes Hilmer. Das könnte bedeuten, dass im September noch gutes Deichbauwetter wäre, aber kein Geld mehr da ist.

Karin Toben DPA

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