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Reportage der Woche

Al-Nour-Gemeinde: Eine Kirche wird zur Moschee. Es gibt Anfeindungen. Die Al-Nour-Gemeinde zeigt, wie man damit umgeht

Islamfeindliche Schmierereien, Anfeindungen: Schon während die Hamburger Al-Nour-Gemeinde eine Kirche zu einer Moschee umbaute, war die Aufregung groß. Bei der Eröffnung betont die Gemeinde: Es soll die interreligiöseste Stätte Deutschlands entstehen.

Das Dach der Kapernaumkirche bzw. -moschee in Hamburg, Blick ins Kirchenschiff während der Einweihungsfeier

Wer den Kopf in den Nacken legt und den 44 Meter hohen Kirchturm hinaufschaut, sieht, dass etwas anders geworden ist. Dort oben auf dem Kupferdach an der Spitze ist kein Turmkreuz mehr. Dort glänzen jetzt goldene arabische Schriftzeichen in der Herbstsonne: "Allah".

Ansonsten ist fast alles beim Alten: Die etwas spröde wirkende Backsteinfassade, die zweckmäßige, wenig prunkvolle Architektur aus den 60ern – als hier im Hamburger Stadtteil Horn nach den Zerstörungen des Krieges neue Mietshäuser, Straßen, Schulen, U-Bahnhöfe, Geschäfte und eben auch Kirchen entstanden.

Abgesehen vom Schriftzug auf dem Dach zeugt von außen nur ein neuer, weiß getünchter Anbau, der sich zwischen das Kirchenschiff und den einst davon abgetrennten Turm zwängt, davon, dass sich hier etwas getan hat in den vergangenen Jahren. Etwas, dass es so bislang nicht gab: Zum ersten Mal zieht eine islamische Gemeinde in ein ehemaliges evangelisches Gotteshaus.

Kapernaumkirche in Hamburg: entweiht, verkauft und umgebaut

Rund 200 Menschen sind an diesem Abend gekommen, um dieses Ereignis zu feiern: Jugendliche, Männer, Frauen, mit und ohne Kopftuch. Der Bezirksamtsleiter ist da, Bundestagsabgeordnete, Diplomaten, Vertreter der Kirche und des Zentralrats der Muslime, der Landesrabbiner, eine Delegation der Polizei, der Hamburger Senat hat einen Gesandten geschickt.

Die Kapernaumkirche in Hamburg-Horn, neue Heimat der Al-Nour-Moschee

Die Kapernaumkirche in Hamburg-Horn, neue Heimat der Al-Nour-Moschee

DPA

Die Eröffnung ist die eine Sache, die andere die Abwanderung der evangelischen Kapernaumgemeinde. 1961 predigte Pastor Wolfgang Weisbach erstmals in der Kirche. Im Lauf der Jahrzehnte feierten die Gemeindemitglieder hier unzählige Gottesdienste, Taufen, Konfirmationen und Hochzeiten oder trauerten im Verstorbene. Doch seit den 80er Jahren schrumpfte die Bevölkerung, die Kirche verzeichnete immer mehr Austritte als Neumitglieder. 2001 kamen sonntags nur noch etwa zwölf Besucher, erinnert sich eine ehemalige Pastorin. Ein Jahr später, am zweiten Weihnachtstag 2002, wurde in der Kapernaumkirche der letzte Gottesdienst abgehalten. Die Kapernaumgemeinde fusionierte mit Nachbargemeinden, entweihte das Gebäude, gab den Standort auf und verkaufte die Kirche an einen Investor.

Der bisherige Al-Nour-Gebetsraum in einer früheren Tiefgarage ist wenig einladend

Der bisherige Al-Nour-Gebetsraum in einer früheren Tiefgarage ist wenig einladend

Picture Alliance

1993 gründeten Muslime im Hamburger Stadtteil St. Georg das Islamische Zentrum Al-Nour ("Das Licht"). Der Verein wuchs im Laufe der Jahre auf rund 2500 Mitglieder aus über 30 Nationen an und ist nach eigenen Angaben inzwischen der größte seiner Art in Norddeutschland. Er arbeitet mit den Hamburger Behörden im Kampf gegen den Extremismus zusammen, gilt als Vertreter eines gemäßigten Islams, spielt im Verfassungsschutzbericht keine Rolle. Doch ein Problem blieb für die Mitglieder über all die Jahre: Seit einem Vierteljahrhundert findet das Gemeindeleben in einer ausgedienten, wenig einladenden Tiefgarage in der Nähe des Hauptbahnhofes statt: eng, schummrig, im Sommer zu warm, im Winter zu kalt. Der Imam, der Vorstand, die Mitglieder, sie alle waren mit diesem Gebetsraum nie so richtig zufrieden und machten sich auf die Suche nach einem neuen Standort. Viele Jahre später und nach vielen Ablehnungen wurden sie schließlich fündig: Der Verein kaufte dem Investor die leerstehende Kapernaumkirche ab – und stieß damit nicht nur auf Gegenliebe.

"Wir hatten schlaflose Nächte"

Der Weg zu der Eröffnungsfeier war lang – und nicht immer einfach. Von Anfang an gab es Vorbehalte. Von Anwohnern, von Kirchenvertretern, aus der CDU. Von einem "Dammbruch", einem "Fanal" war gar die Rede. Nun steht Daniel Abdin, der Vorsitzende von Al-Nour vor den Eröffnungsgästen und gesteht: "Wir hatten schlaflose Nächte, weil wir unsere christlichen Geschwister nicht kränken wollten." Durch viel Kommunikation, durch Öffentlichkeitsarbeit, durch den "Dialog auf der Baustelle" und "mit viel Fingerspitzengefühl" habe der Verein die Akzeptanz für das Projekt aber immer weiter steigern können. Nordkirchen-Pastor Klaus Schäfer spricht von einem "gewachsenen Vertrauen zwischen Christen und Muslimen, für das wir nun dankbar sein können" und einer "wunderbaren Geschichte".

Al-Nour-Vorsitzender Daniel Abdin: "Wir hatten schlaflose Nächte."

Al-Nour-Vorsitzender Daniel Abdin: "Wir hatten schlaflose Nächte."

DPA

Daniel Abdin, Jahrgang 1963, ist so etwas wie die treibende Kraft hinter dem Umbau von der Kirche zur Moschee. Er wurde im Libanon geboren und kam nach dem Abitur nach Deutschland. Wenn er redet, klingen die Vokale bisweilen so breit, als hätte er seine Kindheit eigentlich in Barmbek oder Altona verbracht. Typ "hanseatischer Kaufmann": gut sitzender Anzug, die grauen Haare akkurat gescheitelt, verbindliches Auftreten.

Abdin ist bestens vernetzt in der Stadt, sitzt im Rat der islamischen Gemeinschaften, trat für die SPD bei der Bezirkswahl im Stadtteil Wandsbek an, ist ausgezeichnet worden für seine Sozial- und Integrationsarbeit. Sprechen die Mitglieder von Al-Nour über ihn, schätzen sie seine immer gute Laune und vor allem seine Tatkraft. 

Und tatsächlich glaubt man im Gespräch mit Abdin, dass er – wäre es nötig gewesen – die Kirche auch alleine umgebaut hätte. Hat er aber natürlich nicht. Das Projekt war Teamarbeit, eine teure dazu. Rund fünf Millionen Euro hat er gekostet. Gut drei Jahre hat der Umbau gedauert. Asbestsanierung und mehrere Wasserschäden inklusive. Und für die Sanierung des Turms hat das Geld auch nicht gereicht.

Geld aus Kuwait

Und trotzdem: Abdin bedankt sich in seiner Rede für kleine Spenden bei "all den Menschen", für mittlere, zum Beispiel bei der Hamburger Sparkasse, und für die größte: über eine Million Euro sollen von der Regierung Kuwaits geflossen sein. Sie hat eigene Vertreter zu der Eröffnungsfeier geschickt.

Welchen Einfluss nimmt denn der Golfstaat im Gegenzug dafür auf die Arbeit in der Moschee, Herr Abdin? Zwischen Glückwünschen, Händeschütteln, Küsschen links und Küsschen rechts nimmt sich der Vereinsvorsitzende an diesem Feier-Tag für seine Gemeinde Zeit für Antworten. Er zieht an seiner Zigarette und sagt: "Kuwait hält sich komplett raus aus unserem Gemeindeleben, das versichere ich. Es gibt überhaupt kein Diktat." Das einzige, was die Regierung verlangt habe, sei eine Plakette am Eingang gewesen. "Diesen einen Wunsch haben wir erfüllt."

Ansonsten soll der Gemeindealltag nach den Ideen von Al-Nour laufen. "Die Moschee soll die interreligiöseste Begegnungsstätte Deutschlands werden." Es gibt schon Pläne für regelmäßige Treffen mit der Nachbarschaft bei Kaffee und Kuchen, man werde sich im Stadtteil engagieren. "Es geht darum, die Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen und Kulturen, nicht die Unterschiede zu betonen."

Imam Samir El-Rajab

Imam Samir El-Rajab (Aufnahme von 2013)

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Das sieht auch der Imam der Moschee so. Samir El-Rajab stammt auch aus dem Libanon. Er hat versprochen, seine Rede auf Deutsch zu halten, wenn die neue Moschee in dem alten Kirchengebäude fertig ist, schließlich liebe er seine jetzige Heimat. "Für die Schönheit der Bildung, für die Toleranz, für die starke Wirtschaft. Und für den Fußball", sagt er auf Deutsch. "Dieses Gebäude muss ein Ort des Zusammenkommens und der Menschlichkeit sein, ein Leuchtturm des moderaten Islamverständnisses."

Moschee zum Wohlfühlen

Die Voraussetzungen dafür stimmen: Durch eine Glastür betreten die Besucher das Kirchenschiff, in dem nur noch wenig an das frühere Aussehen erinnert. Wo es früher kühl war, sorgen jetzt Heizkörper in der Größe von Tischtennisplatten und eine Fußbodenheizung für ein angenehmes Raumklima. Kronleuchter an den Decken und Strahler an den Wänden tauchen den Raum in warmes Licht und die ziehen die Blicke der Besucher auf sich. Alles auf dem neuesten Stand der Technik, von zu Hause per App steuerbar. Sensoren regeln den Wasserfluss in den Waschräumen, die mit Mosaikfliesen aus Marokko verziert sind. Statt dunklem Backstein sind die Wände des Kirchenschiffs nun cremeweiß verputzt. Kalligrafien verehren Allah als "Allgnädigen", Ornamente zieren die Balustrade der Empore, wo sich der Gebetsbereich für die Frauen, rund drei Meter über dem der Männer, befindet. 400 Gläubige sollen in dem alten Kirchenschiff zum Gebet Platz finden. Die Tiefgarage bleibt daher vorerst als Zweitquartier bestehen.

Oben die Frauen, unten die Männer: Die gebetsbereiche in der neuen Moschee

Oben die Frauen, unten die Männer: Die gebetsbereiche in der neuen Moschee

DPA

Einzig die bunten Kirchenfenster, 998 von Beton eingefasste Waben, die sind geblieben und erinnern daran, dass hier bis 2002 ein Pastor und nicht ein Imam zur Gemeinde sprach. Die Kanzel wurde extra um 90 Grad versetzt, damit die Gläubigen nicht in Richtung Norden beten müssen, sondern sich gen Mekka wenden können.

Prunkstück des neuen Gotteshauses ist aber der rote Teppich im ganzen Gebäude. "Den haben wir aus der Türkei. Eine Million Knoten pro Quadratmeter", sagt Abdin stolz. Tatsächlich kann der Bodenbelag mit jenen in teuren Hotels mühelos mithalten, fast schwebend fühlt sich der Gang in Socken darüber an.

Zufrieden mit der neuen Moschee ist auch Gemeindemitglied Ali Khaled: "Wichtig ist alles, was dem Raum Atmosphäre gibt: Wärme, Licht, Boden, Akustik. So fühlt man sich wohl und kann auch mal länger hier bleiben."

"Im Prinzip ist das ja auch 'ne Kirche"

Bei allem Stolz und aller Freude auf die neue Heimat für den Al-Nour-Verein mischte sich jedoch auch Nachdenklichkeit in die Eröffnungsfeier. Vor kurzem beschmierten Kriminelle das Gebäude mit islamfeindlichen Parolen, auch die gegenwärtige Polarisierung in der Gesellschaft bereitet den Gemeindemitgliedern Sorgen.

"Ich glaube nicht, dass wir so ein Projekt in der heutigen Stimmung noch einmal starten könnten", sagt Abdin. "Dass es vor einigen Jahren geklappt hat, ist ein Geschenk Gottes." Jetzt freue er sich darauf, wieder häufiger als einmal in der Woche mit seiner Frau und seinen Kindern gemeinsam zu essen, er weiß aber auch: "Die Arbeit fängt jetzt eigentlich erst an. Ich wünsche mir, dass wir unsere vielfältige, friedliche und bunte Gesellschaft bewahren."

Später am Abend kommt eine ältere Dame nach Hause in den Wohnblock, der an das Grundstück der Moschee grenzt. "Schön, dass hier mal was los is'", sagt sie. "Im Prinzip ist das ja auch 'ne Kirche."

Am 3. Oktober feiern islamische Gemeinden in Deutschland traditionell den Tag der offenen Moschee. Auch Al-Nour lädt in sein neues Gotteshaus ein, zu finden in der Sievekingsallee 191 in Hamburg-Horn.

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