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Mangelernährung: Wenn Senioren verhungern

Jedes Jahr sterben tausende Senioren in Deutschland an den Folgen von Unterernährung. Selbst in Pflegeheimen mit monatlichen Preisen von über 2.000 Euro werden ältere Menschen nicht immer ausreichend versorgt.

Während sich die Klagen über die neue Volkskrankheit Übergewicht häufen, sterben jedes Jahr tausende Senioren in Deutschland an den Folgen von Unterernährung. Vor allem allein lebende ältere Menschen sind häufig nicht mehr fähig, sich selbst ausreichend zu ernähren. Eine Spirale ohne Ausweg: Auch die modernsten Mittel der Medizin können unterernährten Senioren nicht mehr helfen, wenn sie einmal zu viel abgenommen haben.

"Haben ältere Menschen beispielsweise wegen einer Krankheit zu viel Gewicht verloren, können sie den vorherigen Stand nicht wieder erreichen", sagt der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin, Herbert Lochs, anlässlich eines Ernährungskongresses in Berlin. Hormonelle Veränderungen im Alter verhinderten oft die bei jüngeren Menschen ganz selbstverständliche erneute Gewichtszunahme. So kann ein Oberschenkelhalsbruch für einen älteren Menschen der Anfang eines langen Leidenswegs sein.

Vielfältige Ursachen

Auch abgesehen von plötzlich auftretenden Krankheiten sind die Ursachen für den drastischen Gewichtsverlust vielfältig: Viele ältere Menschen verlieren die Lust am Essen, wenn beispielsweise ihr Partner stirbt und sie auf sich allein gestellt sind. Mit zunehmender körperlicher Schwäche wird das Einkaufen unmöglich. Auch Probleme mit Zahnprothesen, dem Lesen der Inhaltsstoffe auf den Verpackungen oder mit dem Öffnen von Dosen und Tüten können den alten Menschen die Lust am Essen verderben.

Als unterernährt gilt ein älterer Mensch laut Lochs, wenn sein Body-Mass-Index (BMI) unter 20 sinkt. Dies müsse bereits als eigenständige, behandlungsbedürftige Krankheit gelten, fordert der Professor. Der Index berechnet sich aus dem Körpergewicht, geteilt durch Körpergröße in Metern zum Quadrat. Bei jüngeren Menschen sei auch ein Index von 18 noch akzeptabel.

Alarmierende Signale

Eine Studie an 2.000 Senioren in 17 Krankenhäusern habe erst kürzlich gezeigt, dass die Hälfte der über 65-Jährigen bereits bei der Einlieferung mangelhaft ernährt war. Angesichts von den derzeit in Deutschland lebenden rund 20 Millionen über 60-Jährigen und der immer älter werdenden Gesellschaft sprach Lochs von einem alarmierenden Signal.

Der Ernährungsmediziner fordert deshalb, ältere Menschen mit zu wenig Gewicht sollten gleich nach Operationen im Krankenhaus flüssige Nahrungsergänzungsmittel, so genannte Sondennahrung, erhalten. Ist der Eingriff absehbar, sollte sogar bereits davor mindestens eine genaue Gewichtsüberwachung starten. Zudem seien Hausärzte als Hauptansprechpartner für alleinlebende Senioren gefordert, auf das Gewicht ihrer Patienten genau zu achten. Sondennahrung dürfe aber nie das Bemühen um ausreichend normale Ernährung ersetzen, fordert die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin in einer neuen Leitlinie zu künstlicher Ernährung älterer Menschen.

In den Heimen sieht es nicht besser aus

Auch in Pflegeheimen werden Senioren nicht immer ausreichend versorgt. Selbst in Heimen mit monatlichen Preisen von über 2.000 Euro werde den alten Menschen teils Essen im Wert von einigen Cents vorgesetzt, kritisiert die Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen, Ursula Lenz. Sowohl die Qualität wie auch die Menge des Essens lasse häufig zu wünschen übrig.

In einer am Freitag veröffentlichten Untersuchung kommt der Medizinische Dienst der Krankenkassen in Sachsen-Anhalt zu dem Schluss, dass sich sowohl Ärzte als auch Pflegekräfte viel zu wenig um die alten Menschen in den Heimen kümmern. Dort werde Sondennahrung häufig ohne ausreichende medizinische Kontrolle verabreicht: Von 481 über Sonden ernährten Patienten war bei der Heimaufnahme das Gewicht bei lediglich 16,6 Prozent überhaupt ermittelt worden, und von insgesamt 687 erfassten Patienten erhielten 239 täglich zu wenig Kalorien über ihre Sonde. Bei den übrigen konnte dies mangels geeigneter Daten nicht einmal ermittelt werden.

Schulungen für Senioreneinrichtungen

Das Bundesverbraucherministerium hat vergangenes Jahr ein Informations- und Trainingsprogramm gestartet, das unter anderem Schulungen bei Anbietern von Essen auf Rädern und Senioreneinrichtungen vorsieht. Damit, und auch mit einem kostenlosen Einkaufstraining für allein stehende Senioren bei den Verbraucherzentralen, sollen auch ältere Menschen dem Motto "Gesund essen, besser leben" einen Schritt näher kommen.

Isabell Scheuplein / DPA