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Private Baugemeinschaft: Auf der Abenteuer-Baustelle

Kann das gut gehen? Mit mehreren Bauherren und -frauen ein Mehrfamilienhaus bauen? Gemeinsam planen und leben? Geld sparen und traumhaft wohnen? stern-Mitarbeiter Udo Taubitz hat sich einer "privaten Baugemeinschaft" angeschlossen. Seine gemischte Bilanz.

Von Udo Taubitz

Mein Traum war weiß. Die Mehrheit stimmte für Klinkerbraun vorn und Gelb hinten - ausgerechnet dieses verzweifelt optimistische Hellgelb ostdeutscher Plattenbauten. Manche wollten eine Gemeinschaftssauna auf der Dachterrasse, andere eine Pergola aus Stahl zum Schutz vorm Hamburger Nieselregen. Herausgekommen ist eine Markise zum Ausrollen.

Merke: Wenn 22 Leute zusammen ein Haus bauen, regiert der Kompromiss. Für jeden Einzelnen platzen kleine Träume. Trotzdem wurde der gemeinsame große Traum wahr: Wohneigentum mitten in der Großstadt, familiengerecht, bezahlbar, mit Garten, Garage - und netten Nachbarn.

Die Vorgeschichte: Tochter Karla geboren, Wohnung zu klein. Wir suchten: 100 Quadratmeter oder mehr, hell, gern mit Gärtchen. Wir sahen: dunkle Löcher für 1000 Euro Kaltmiete, die Leute standen trotzdem Schlange. Wie wäre es mit einer schicken Eigentumswohnung? Ab 3000 Euro pro Quadratmeter - dann lieber doch an den Stadtrand? "Wo man zwischen Eigenheimzäunen und Autobahnzubringern versauert - nein, danke!", protestierte meine Frau Katrin. Freunde erzählten vom Modell "private Baugemeinschaft": gemeinsam preiswert bauen, zusammen wohnen. Eine Gruppe im Hamburger Trendviertel Winterhude warb gerade Mitstreiter im Internet: "Wir freuen uns auf engagierte Nachbarn, die auch Lust haben, gegenseitig mal auf die Kinder aufzupassen." Man lud uns zum Beschnuppern ein, und schwups hatten wir unsere Traumwohnung, zumindest auf dem Papier: 115 Quadratmeter plus Garten und Keller für 280.000 Euro. Ein Schnäppchen, weil kein Investor und kein Makler daran verdient. Eine ähnliche Wohnung im "normalen" Neubau nebenan kostet 360.000 Euro. So war für uns sogar noch unsere Traumküche drin.

Von anderen abhängig

Aber Achtung! Kollektiver Hausbau ist riskanter als der Kauf einer Eigentumswohnung. "Man ist abhängig von den anderen", sagt Florian Rodenberg, einer der Pioniere unseres Projekts. "Wenn man sich nicht einig wird und alles totdiskutiert, geht wertvolle Zeit verloren." Drei ganze Jahre brauchte unser Haus von der Idee bis zur Schlüsselübergabe. Sieben Parteien stiegen in der Planungsphase aus, jedes Mal mussten schnell neue Bauwillige her. Es gibt Projekte, die sich über zehn Jahre hinziehen. Oder die trotz heftiger Bemühungen im Sande verlaufen. "Viele scheitern am Anfang, wenn sie kein geeignetes Grundstück finden", sagt Architekt Joachim Reinig, der sich auf Baugemeinschaften spezialisiert hat. "Die bis dahin entstandenen Planungskosten sind dann futsch." Dumm auch, wenn mitten in der Bauphase einer Partei die Puste ausgeht. "Laut Gesetz haftet zwar jeder nur für seinen Teil", weiß Karsten Wagner, der als wirtschaftlicher Baubetreuer seit 15 Jahren private Baugemeinschaften durch den Finanzdschungel lotst. "Aber faktisch muss die Gruppe die laufenden Rechnungen zahlen, sonst steht der Bau schnell still" - und das trifft dann alle. Um Pleiten zu vermeiden, rät Angela Hansen von der Hamburger Agentur für Baugemeinschaften dringend dazu, "sich von Anfang an Unterstützung von Experten zu holen: Finanzberater, Architekten, Rechtsanwälte und Projektentwickler".

Haben wir alles gemacht. Doch trotz zugekaufter Expertise blieb viel Arbeit. Unsere Gruppe traf sich gefühlte tausend Mal, mindestens aber einmal im Monat, um jedes Detail am Bau zu diskutieren: welche Steine? Welche Wasserhähne in den Bädern? Welche Feuerschutzversicherung? Elf Wohnungen, viele Meinungen, oft wenig Ahnung. Aber über alles musste mehrheitlich abgestimmt werden. Preiswerte Standards mussten mit Extrawürsten unter ein Dach gebracht werden. Jeder Grundriss ist individuell zugeschnitten. Mancher hart erkämpfte Beschluss wurde bald wieder gekippt, weil es Probleme bei der Ausführung gab oder das Geld knapp wurde - oder weil Ansichten sich schnell mal ändern. In den Sitzungen ging es oft heiß her. Als einige Leute zur Grundsteinlegung einen kirchlichen Segen verlangten, hing der Haussegen vorab schon mal richtig schief.

Ein eigenes Heim zu schaffen ist mit großen Gefühlen verbunden - zumal wenn alles Geld auf ein Gemeinschaftskonto fließt. Zum Glück hatten wir kühle Köpfe zum Vorstand unserer Bau-GbR gewählt, die uns nach außen vertraten und Wichtiges von außen in die Gruppe trugen, meist leicht verdaubar vorgekaut. Für Florian (Rechtsanwalt), Heiko (Rechnungsprüfer) und Jens (Architekt) wuchs sich das Bauvorhaben zum unbezahlten Zweitjob aus. Täglich Dutzende E-Mails und Telefonate, jeden Mittwoch um sieben Besprechung im Baucontainer, Riesenhaufen Schriftkram. Merke: Wer in Gemeinschaft bauen will, braucht Zeit, Toleranz und Herzblut.

Andererseits verteilen sich die Lasten auf mehrere Schultern. Wen giftiger Baugrund, ein verpfuschter Schornstein oder gesetzliche Absturzhöhen überfordern, kann einfach die anderen machen lassen. Sogar der Trittbrettfahrer ist ein Gewinn für die Gemeinschaft - gesamtgesellschaftlich gesehen. Nicht umsonst fördern immer mehr Städte private Baugruppen mit günstigen Grundstücken oder Zuschüssen. "Funktionierende Nachbarschaften bringen auch der Stadt Vorteile", sagt Stadtplanerin Angela Hansen. Denn wenn junge Familien in die Speckgürtel abwandern, gehen nicht nur Steuereinnahmen flöten, sondern auch "Humankapital", das eine lebendige Sozialstruktur schafft. Unser Wohnblock ist wahrscheinlich der mit der höchsten Kinderdichte in der Hamburger City: 21 Kurze auf 22 Große. Zwar fehlen wegen leerer Kassen noch die Spielgeräte im Gemeinschaftsgarten, doch der Kinderlärm da draußen klingt verdammt freudig. Trotz der greulich gelben Fassade.

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