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Geiseldrama in Ägypten: Zurück ins Leben

Elf Tage waren sie in der Hand sudanesischer Geiselnehmer. Jetzt kamen sie frei und kehrten in ihre Heimat zurück: Die fünf deutschen Touristen, die in Ägypten entführt worden waren. In Kassel freuen sich die Nachbarn auf Heide R. und Frank K.

Von Manuela Pfohl

Ein Plattenbau in Kassel, vier Etagen, rote Balkons. An einem im dritten Stock wuchert wilder Wein über die Brüstung. Hier wohnen Frank K. und Heide R. "Ganz nette Leute", sagt eine Nachbarin in die Kameras der Fernsehleute, die hier sind, seit alle im Viertel es wissen: Das Paar, das bei der Kasseler Stadtverwaltung arbeitet, gehört zu den elf Touristen aus Deutschland, Italien und Rumänien, die vor gut anderthalb Wochen in Ägypten entführt und jetzt freigelassen wurden. "Gott sei Dank, dass es vorbei ist", sagt ein Mann. "Die müssen ja Todesangst ausgestanden haben."

Tatsächlich gab es allen Grund zur Sorge. Die Touristengruppe war bei einer Wüstensafari in der südägyptischen Region des Gilf al-Kebir von bewaffneten Angehörigen eines sudanesischen Stammes gekidnappt worden. Sechs Millionen Doller wollten die Entführer haben - bei Nichtzahlung drohten sie mit dem Tod der Geiseln.

"Da dachten wir, das wäre das Ende"

Die Odyssee der Touristen führte offenbar über den Sudan nach Lybien und schließlich in den Tschad. Verfolgt von verschiedenen Geheimdiensten und ägyptischen Militärs, in der ständigen Angst, die Entführer könnten sich bedrängt fühlen und die Nerven verlieren. "Wir hatten tagsüber Temperaturen von rund 60 Grad, Wasser und Lebensmittel waren stets rationiert, immer wieder zwangen uns die Entführer, uns unter den Jeeps zu verstecken", berichten die fünf freigelassenen italienischen Geiseln. Die schlimmsten Momente hätten sie am vergangenen Samstag und Sonntag durchlebt, sagt eine 70-Jährige. "Da kamen keine neuen Nachrichten mehr und da wussten wir, dass die Verhandlungen ins Stocken geraten waren. Das war der Punkt, da dachten wir, das wäre das Ende für uns."

Über die Umstände der letztlich überraschenden Freilassung gibt es widersprüchliche Informationen. Nach offiziellen ägyptischen Angaben gab es eine Kommandoaktion, bei der die Hälfte der Entführer getötet wurde. Sudanesische Behörden erklärten hingegen, die Entführer hätten ihre Geiseln in der Wüste laufen lassen, als sie Anzeichen für eine gewaltsame Befreiung bemerkt hätten. Lösegeld sei nicht gezahlt worden.

"Sie sind richtige Abenteuerer"

Im Kasseler Haus mit den roten Balkons haben die Meisten jede neue Nachricht der vergangenen Tage mitverfolgt. Mit Bangen und Hoffen, dass alles gut wird. Wenn ihre Nachbarn in ein paar Stunden wieder zu Hause sind, will eine Nachbarin die 60-Jährige und ihren vier Jahre jüngeren Lebensgefährten "ganz doll drücken". Ein anderer will die Ex-Geiseln aber auch "bei aller Freude über die Befreiung" fragen, "warum sie so unvernünftig sein konnten, in eine Gegend zu reisen, die so gefährlich ist."

In die meisten Gebiete Oberägyptens dürfen Touristen nur in Begleitung der Polizei mit dem Auto oder dem Bus fahren. Diese Sicherheitsbestimmungen gelten seit den Anschlägen islamischer Terroristen in Ägypten in den 90er Jahren. Zwischen Luxor, Assuan, dem Roten Meer und Abu Simbel verkehren täglich Touristenkonvois, die von Polizeifahrzeugen eskortiert werden. Für Wüstensafaris in entlegene Gebiete ist oft eine Sondergenehmigung nötig. Ob die jetzt befreiten Touristen so eine Genehmigung brauchten und ob sie sie hatten, ist unklar.

Dringende Warnung

"Frank K. und Heide R. sind ja Mitglieder in so einem Geländewagenverein", weiß ein Nachbar des Kasseler Paars. "Er macht immer viel am Auto rum, am Wochenende." Und Fernreisen hätten sie auch schon öfter gemacht, erzählt eine Frau. Richtige Abenteurer eben.

Dass die Wüstentour ins Grenzgebiet zum Sudan und Lybien kein nettes Urlaubs-Abenteuer sondern lebensgefährlich sein könnte, hatten sie sicher nicht geahnt. Gilf al-Kebir ist unter anderem durch kulturgeschichtliche Attraktionen, wie die "Höhle des Schwimmers" bekannt. Dort gibt es fast 10.000 Jahre alte Felszeichnungen zu bestaunen, die durch das Buch "Der englische Patient" bekannt wurden. In der nächsten Zeit wird die Höhle kaum Besucher haben. Das Auswärtige Amt hat am Montag seine Reisehinweise für Ägypten aktualisiert. Darin heißt es: Ausländer, gerade auch deutsche Staatsangehörige, sind einem wachsenden Anschlags- und Entführungsrisiko ausgesetzt. Vor Reisen in unsichere Gebiete wird dringend gewarnt.

  • Manuela Pfohl