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stern-Sozialreportage Manhattan liegt in Brandenburg

Die Straße der Jugend in Letschin, Brandenburg. Ärzte, Mechaniker, Lehrer, alle wollten hier leben. Ein DDR-Traum aus Beton. Vor der Wende waren die zwei Wohnblocks Prestigebauten. Die Anwohner tauften sie liebevoll Manhattan. Heute ist der einstige Traum runtergekommen. Im linken Häuserblock leben nur noch Tauben. Der rechte ist noch immer bewohnt.
Cindy Zielinski: „Mein Name ist Cindy. Wir sind hier in Manhattan, ich würde mal sagen, die heißen so, weil es die größten Häuser hier im Dorf sind. Und ich fühle mich eigentlich recht wohl hier. In meiner Freizeit bin ich meistens draußen. Ich kenne alle Leute hier, aber so ein enges Verhältnis haben wir nicht.“
Wolfram Krill: „Ich bin Wolfram Krill. Ich bin 48 Jahre alt. Wohne in Letschin. Straße der Jugend 22. Machen tu’ ich immer. Machen tu’ ich nichts. Ich bin Erwerbslosenrentner. Das Haus gefällt mir gar nicht. Aber irgendwo musste ich ja bleiben. Wenn man hier die Treppe hochgeht, da fängt ja die Scheiße schon an. Macht ja keiner mehr sauber da.“
Thomas Zielinski: „Mein Name ist Thomas Zielinski. Und mein Hobby ist bei der Feuerwehr zu sein. Manhattan ist gut. Da hat man mehrere Freunde. Wenn ich drei Wünsche frei hätte, würde ich mir wünschen, dass das zweite Haus nicht so kaputt aussieht und dass mein Kumpels nicht immer kokeln. Und mein dritter Wunsch ist, dass hier nicht immer alle so viel trinken.“
200 Menschen lebten hier, als die Mauer fiel. Heute sind es noch 37. Menschen wie Wolfram Krill oder Familie Zielinski mit ihren Kindern. Nur vier der Bewohner haben Arbeit. Im Dorf steht Manhattan synonym für Hartz IV und eine Welt, mit der man besser nichts zu tun hat.
Uta Zielinski: „Tja, ich heiße Uta Zielinski. Bin 41 Jahre alt. Verheiratet und habe vier Kinder. Und mein Beruf, den ich gelernt habe, ist Melker, also sogenannt Viehpfleger. Ich wohne jetzt seit 1989 in Letschin. Hier in diesem Wohnblock bin ich bereits 13 Jahre und so im Allgemeinen gefällt es mir in Letschin eigentlich ganz gut. So vom Wegziehen habe ich eigentlich keine großen Pläne.“
Knapp 100 Kilometer westlich in Berlin. Hier wohnt die Fotografin Stephanie Steinkopf. Sie stammt selbst aus Letschin und kennt die beiden Häuser am Ortsrand seit ihrer Kindheit. Vier Jahre lang hat sie die Bewohner von Manhattan begleitet, fotografiert und die Bilder nun im Stern veröffentlicht. Mit ihren Aufnahmen will sie der Armut in Deutschland ein Gesicht geben.
Stephanie Steinkopf: „Manhattan Straße der Jugend ist für mich ein Symbol und gleichzeitig ein Bild für einen Wandel, der in vielen Regionen in Ostdeutschland sich vollzogen hat und der eine Armut zeigt, von der man viel berichtet, Armutsbericht und so weiter, und dennoch weiß man überhaupt nicht, wie geht es den Menschen wirklich, was sind deren innere Gedanken und das habe ich versucht, in Bilder zu fassen.“
Heute ist Manhattan ein Ort, abgeschottet von der Außenwelt. Die Bewohner kümmern sich um sich selbst –und umeinander.
Uta Zielinski: „Was wir hier im Garten anpflanzen, ist hauptsächlich für den Eigengebraucht. Und hier wohnen ja noch ältere Leute, die so groß im Garten nichts mehr machen können. Und wenn wir da noch etwas übrig haben, das geben wir dann ab. Wenn ich über das Internet irgendwie kucke wegen vernünftigen Arbeitsplatz, dann ist das meist halt immer mit Führerschein oder halt innerhalb 20 Kilometern werden welche angenommen, die einen Führerschein haben, aber das habe ich halt nicht. Also in dieser Region wird es für meine Kinder schwer werden, eine Arbeit zu finden.“
Jenny Zielinski: „Ich bin Jenny Zielinski. Ich mache zurzeit eine Qualifikation als Koch.“
Drago Novak. „Mein Name ist Drago Novak. Ich mache eine Ausbildung zum Beikoch. Bin da jetzt im dritten Lehrjahr.“ Jenny Zielinsiki: „Und die dritte Person, die wir leider noch nicht erwähnt haben, weil sie leider noch nicht auf der Welt ist, ist die Jaqueline-Sophie. Am meisten hoffe ich, dass meine Tochter gesund auf die Welt kommt, keine Krankheiten hat und, dass sie nicht so schlecht behandelt wird, so wie ich in der Schulzeit.“
Stephanie Steinkopf: „Das sind Menschen, die trotz ihrer schweren Lebensbedingung zusammenhalten und auch ein Netzwerk untereinander haben. Sie unterstützen sich. Die Familie fischt und schenkt die Fische den Nachbarn. Man unterstützt sich.“
Gegenseitige Unterstützung an einem Ort, wo staatliche Hilfe versagt. Manhattan in Letschin: die Skyline eines Dorfs, die seinen einstigen Glanz verloren hat.
Wolfram Krill: „Ich weiß gar nicht, warum das Manhattan genannt wird. Ist das so ein Abschiebergleis hier oder was? Ich weiß es nicht. Der Letzte. Die letzte Straße vom Dorf aus. Das Abschiebergleis. Manhattan, die Bedeutung weiß ich bis heute nicht. Was das heißen soll.“
Wolfram Krill wird diesen Film nicht mehr sehen. Er starb am 13. Januar. Er fiel einfach um. Das Leben in Manhattan geht weiter. Jenny Zielinski hat ihre Tochter gesund zur Welt gebracht. Mittlerweile ist das Baby acht Monate alt. Den Vater Drago hat sie zwischenzeitlich rausgeworfen. Seit Kurzem sind sie wieder zusammen.
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Zwei verfallene Häuser am Rand Deutschlands, die Skyline des Orts Letschin. 37 Menschen wohnen hier. Nur vier haben Arbeit. An keinem Ort würden sie lieber leben. Diese Reportage erschien bereits im März 2014.
Von Laura Himmelreich und Stephanie Steinkopf

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