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Hartz IV - Das Tagebuch: Gönne ich mir ein Bier?

Wie lebt man als Hartz IV-Empfänger? Wie kommt man mit 345 Euro im Monat aus? Torsten Misler macht vier Wochen lang den Selbstversuch. RTL dokumentiert seinen Alltag. Im stern.de-Tagebuch berichtet er über sein erstes Hartz-IV-Wochenende.

Tag 3

Am Morgen laufe ich durch Marzahn - viele Plattenbauten, aber wirklich kein graues Viertel. Überall Bäume, Blumen und Spielplätze in den Höfen. Und die meisten Menschen, denen ich von meinem Selbstversuch erzähle, geben mir Tipps und Hinweise für das Projekt.

Auf einem Kinderfest lädt mich eine Jugendtheatergruppe sogar ein, nächste Woche einen ihrer Auftritt zu besuchen. Einst kriminelle Jugendliche haben das Stück selbst geschrieben und mit großem Erfolg aufgeführt. Überhaupt gibt es viele Menschen, die sich um Kinder und Teenager kümmern. Ein ehemaliger Koch lädt Kids regelmäßig zum Drei-Gänge-Menü ein, im Keller eines Plattenbaus basteln Kinder mit Holz. Und fast alle, die ich treffe, erzählen mir, dass sie gern in Marzahn leben.

Tag 4

Der erste Samstag, den ich als Hartz-IV-Empfänger bestreite, ist da. Ich muss lernen mich umzustellen, ich kann nicht mehr all das unternehmen, was ich von früher gewöhnt war. Ich sitze in meiner Wohnung in Berlin-Marzahn und überlege mir, was ich heute unternehmen kann, ohne viel Geld ausgeben zu müssen. Ich frage meine Nachbarin Silvia Cerny, was sie und ihre Kinder an Wochenenden machen. Sie gibt mir den Tipp, einfach die Natur zu genießen, zehn Minuten von hier, am Stadtrand von Berlin sind schöne Parks. Sie selbst geht dort gerne mit ihrem Hund spazieren. Ich erzähle, dass ich heute noch nichts ausgegeben habe. Zum Mittag gab's die Nudeln von gestern und der Kühlschrank ist nach dem Einkauf noch voll. Vielleicht gönne ich mir heute Abend ja ein Bier in der Kneipe.

Tag 5

Ausflugsdamper mit Touristen fahren über die Spree - Menschen winken uns zu und lachen. Gemeinsam mit Silvia Cerny und ihrer Tochter Debbie bin ich in die Berliner City gefahren. Oft ist die Familie nicht in dieser für sie fremden Welt. Ich erahne, wie es ist, hier nicht dazuzugehören, sich nichts leisten zu können, keinen Kaffee im Restaurant trinken zu können. Für mich ist es ein Selbstversuch, der nach einem Monat beendet ist. Vielleicht fällt mir auch deshalb das Sparen in den ersten Tagen nicht so schwer. Klar, ich kann auf einen Restaurantbesuch verzichten und stattdessen nur ein Stück Pizza auf der Parkbank essen oder einen Kaffee im Pappbecher für 1,55 Euro. Aber wie muss es sein, auf Dauer dieses Gefühl zu haben? Das geht mir durch den Kopf, als wir aus Berlin-Mitte nach Marzahn zurückfahren.

Ausgaben, Tag 3
Zigaretten3,90 Euro
Lebensmittel0,80 Euro
Ausgaben, Tag 4
keine
Ausgaben, Tag 5
Imbiss2 Euro
Kaffee1,55 Euro
PS. Ich entschließe mich nach vielen Zuschriften, zehn Euro Strom nachzuzahlen. Die ursprüngliche Rechnung von 15 Euro im Monat erschien mir als zu gering.

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