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Kriminalistik: Die Methode, die die Altersbestimmung von Flüchtlingen revolutionieren könnte

Es gibt Zweifel daran, dass der Messerstecher von Kandel erst 15 ist. Doch wie findet man das Alter von Flüchtlingen ohne Pass heraus? Diese Frage könnte einen deutsch-amerikanischen Humangenetiker berühmt machen. Sein Test wurde kürzlich erstmals hierzulande eingesetzt.

Seine Heimat Deutschland hat Steve Horvath vor mehr als 20 Jahren hinter sich gelassen. Er lebt und forscht in Los Angeles. Spricht heute mit amerikanischem Akzent. Das Wort "Asylsuchende" fällt ihm nicht ein, er nennt sie "asylum seekers". Seine Gedanken kreisen meist um DNA-Stränge und Algorithmen – nicht um die deutsche Flüchtlingspolitik.

Doch Ende 2016 erschien auf seinem Telefon eine deutsche Vorwahl, Hannover. Ein Mitarbeiter des Landeskriminalamts Niedersachsen war am Hörer. Und Professor Horvath erfuhr, dass er eine der wichtigsten Fragen der deutschen Flüchtlingspolitik beantworten sollte. Die Frage nach dem wahren Alter vieler Flüchtlinge.

In jedem Menschen tickt eine epigenetische Uhr

Horvath ist Biostatistiker und Humangenetiker. Er verbindet Mathematik, Informatik und Biologie. Er hat vor ein paar Jahren herausgefunden, dass in jedem Menschen eine epigenetische Uhr tickt. An Zellen, die er etwa mit einem Wattestäbchen aus dem Mund streicht, kann er das Alter ablesen. Forscher auf der ganzen Welt bewundern seine Entdeckung, sie nennen sie "Horvath's Clock" – Horvaths Uhr. Er ist auf die Uhr gestoßen, weil er einen Weg finden wollte, das Leben der Menschen zu verlängern. Vor allem diese Frage treibt ihn an. "Aber mit meiner Methode könnte man auch das Alter der Flüchtlinge bestimmen", sagt er dem stern. Viel besser sogar als mit den üblichen Tests, die bislang in Deutschland vorgenommen werden, das Röntgen der Handwurzelknochen zum Beispiel. "Das ist so, als ob man einen Mercedes mit einem Rasenmäher vergleicht", sagt Horvath.

Wird seine Uhr bald Teil der deutschen Flüchtlingsarbeit? Im Landkreis Hildesheim wurde sie bereits einmal erfolgreich eingesetzt. Doch nicht nur in Niedersachsen suchen die Behörden gerade verzweifelt nach einem Instrument, das Alter eines Menschen zu bestimmen – und zwar ohne schädigende Röntgenstrahlen. Die Tat des angeblich 15-jährigen Afghanen, der kurz nach Weihnachten im rheinland-pfälzischen Kandel seine Ex-Freundin mit einem Stich ins Herz tötete, zeigt, wie unsicher die Behörden bei dem Thema sind. Abdul D. ist nur einer von unzähligen Flüchtlingen, deren wahres Alter ein Geheimnis ist.

Kurz nach Weihnachten soll Abdul D. seine Ex-Freundin Mia in diesem Drogeriemarkt im rheinland-pfälzischen Kandel erstochen haben. Nun sitzt er in Haft. Und die Behörden rätseln, ob er wirklich so jung ist, wie bislang angenommen

Kurz nach Weihnachten soll Abdul D. seine Ex-Freundin Mia in diesem Drogeriemarkt im rheinland-pfälzischen Kandel erstochen haben. Nun sitzt er in Haft. Und die Behörden rätseln, ob er wirklich so jung ist, wie bislang angenommen

Wenn Flüchtlinge ins Land kommen, besitzen sie meist nicht viel mehr als die Kleider an ihrem Leib. Sie suchen Schutz oder einfach ein besseres Leben. Auf ihrer Flucht haben sie von anderen gehört, was zählt, wenn man Deutschland betritt: Aus welchem Land kommst du? Und wie alt bist du?

An den Antworten hängt viel. Ob sie geduldet oder abgeschoben werden. Ob sie in die Schule dürfen oder einfach dasitzen und warten müssen. Ob sie in einer Wohnung leben dürfen oder in einer Sammelunterkunft einquartiert werden.

Wen überrascht es, dass sie Antworten geben, die ihnen Besseres versprechen. Viele machen sich jünger, als sie sind. Einige vernichten ihre Pässe. Aus Pakistanern werden Afghanen. Und aus 20-Jährigen werden junge Teenager.

Keine einheitlichen Tests

"Wir dürfen uns als Staat nicht belügen lassen", sagte vor wenigen Tagen SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles. Und Bundesinnenminister Thomas de Maizière fordert einheitliche Alterstests für Flüchtlinge – noch macht es jedes Bundesland unterschiedlich. Manche lassen nur Sozialpädagogen und Psychologen das Alter beurteilen, andere kombinieren Röntgenaufnahmen und weitere medizinische Tests.

Nirgendwo stellt sich die Frage nach dem wahren Alter zurzeit drängender als in Kandel: Wie alt ist nun Abdul D.? Ist er 15, wie er sagt? Oder ist er erwachsen?

Wäre er erwachsen, hätte man ihn abschieben können. In jedem Fall wäre er nicht auf die Schule gegangen, die auch seine Ex-Freundin Mia besuchte. Mias Vater sagt: "Er ist nie und nimmer erst 15 Jahre alt." Das damals zuständige Jugendamt in Frankfurt am Main hatte nach einem Gespräch mit zwei Sozialpädagogen und einem ärztlichen "Erstscreening" seine Geburt auf das Jahr 2002 datiert. Was genau ein "Erstscreening" beinhaltet, sagt das Amt bislang nicht. Weil Abdul D. selbst offenbar keinen genauen Geburtstag nennen konnte, schrieb man damals in die Papiere den 1. Januar 2002. Von da an galt er als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling. Die Betreuung eines Minderjährigen kostet den Staat Schätzungen zufolge fünfmal so viel wie die eines Erwachsenen. Das für Abdul D. inzwischen zuständige Jugendamt des Landkreises Germersheim ist bis heute davon überzeugt, dass nur eine Varianz von "plus/minus einem Jahr" möglich sei. Eine Volljährigkeit werde "derzeit von allen Beteiligten ausgeschlossen".

Steve Horvath ist Professor für Biostatistik und Humangenetik an der University of California. Er fand heraus, dass man an bestimmten Stellen der menschlichen DNA das Alter einer Person ablesen kann. Dafür braucht es nur eine Speichelprobe. Horvath ist überzeugt, dass seine Methode die Altersbestimmung von Flüchtlingen in Deutschland revolutionieren könnte

Steve Horvath ist Professor für Biostatistik und Humangenetik an der University of California. Er fand heraus, dass man an bestimmten Stellen der menschlichen DNA das Alter einer Person ablesen kann. Dafür braucht es nur eine Speichelprobe. Horvath ist überzeugt, dass seine Methode die Altersbestimmung von Flüchtlingen in Deutschland revolutionieren könnte

Doch die Staatsanwaltschaft Landau will nun ein Altersgutachten in Auftrag geben. Sie wird Abdul D. bald anklagen. Wenn er nach dem Jugendstrafrecht verurteilt wird, drohen im maximal zehn Jahre für Mord. Sieht der Staat in ihm einen Erwachsenen, droht ihm lebenslang.

Dieselben Fragen stellen sich bei Hussein K., der vor 15 Monaten in Freiburg eine Studentin vergewaltigt und getötet haben soll. Sie stellen sich auch in Darmstadt, wo kurz vor Weihnachten ein junger Flüchtling mit einem Messer mehrfach auf seine Ex-Freundin eingestochen und sie lebensgefährlich verletzt haben soll. Und sie stellten sich schon 2016 in Würzburg, als dort ein IS-Anhänger mit einer Axt in einer Regionalbahn mehrere Menschen schwer verletzte.

Bislang werden Flüchtlinge in Deutschland von Rechtsmedizinern begutachtet

Doch kein Fall illustriert die Dramatik der Suche nach dem wahren Alter so gut wie der eines somalischen Flüchtlings, der sich Ahmed nennt. Er war der Grund, warum das niedersächsische LKA Steve Horvath in Los Angeles kontaktierte.

Ahmed reiste Anfang 2015 mit einem Fernbus ein. Weil seine Papiere gefälscht waren, nahmen bayerische Polizisten seine Fingerabdrücke. Das System schlug Alarm. Dieselben Abdrücke hatten deutsche Ermittler auf einem von somalischen Piraten entführten Frachter aus Niedersachsen gefunden. Fünf Jahre zuvor. Ahmed, ein schmächtiger, kleiner Mann, kam in Untersuchungshaft. Den Ermittlungen zufolge soll er einer der Anführer der Piraten gewesen sein. Sein wahrer Name laute: Buudi Gaab. Er sei einer der schlimmsten Folterer an Bord gewesen, sagten Crewmitglieder aus. Auf seinen Befehl habe man den Seeleuten mit Kabelbindern die Hoden abgeschnürt. Den Chefingenieur hängte man an einen Fleischerhaken in eine minus 17 Grad kalte Kühlkammer. Am Ende war es Glück, dass alle Geiseln überlebten. Nach acht Monaten kamen die Crew und der Frachter für fünf Millionen US-Dollar Lösegeld frei.

Auch bei Riaz Khan A., der im Sommer 2016 mit einer Axt mehrere Menschen in diesem Zug bei Würzburg schwer verletzte und bei dem folgenden Polizeieinsatz ums Leben kam, ist das Alter zweifelhaft

Auch bei Riaz Khan A., der im Sommer 2016 mit einer Axt mehrere Menschen in diesem Zug bei Würzburg schwer verletzte und bei dem folgenden Polizeieinsatz ums Leben kam, ist das Alter zweifelhaft

Der Osnabrücker Staatsanwalt Jörg Schröder leitete die Ermittlungen. Sie begannen denkbar schlecht, denn man hatte zwar Spuren wie die Fingerabdrücke, die Täter aber versteckten sich in Somalia, einem Land ohne funktionierende Staatsgewalt, von dem man keine Rechtshilfe erwarten kann. Dass ihnen nun der Zufall einen der mutmaßlichen Haupttäter bescherte, ließ die Ermittler jubeln. Doch Ahmeds Anwalt gab ein Altersgutachten in Auftrag.

Bislang werden Flüchtlinge in Deutschland meist von Rechtsmedizinern begutachtet – entweder weil Ausländerbehörde und Jugendamt mit der Altersschätzung zu unsicher sind und sie darum bitten, oder, wie im Fall von Ahmed, weil es für die Strafverfolgung notwendig ist. Ahmeds Gutachter war der stellvertretende Leiter der Münsteraner Rechtsmedizin, Andreas Schmeling. Er ist zudem Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Forensische Altersdiagnostik. Schmeling hat auch Hussein K., den geständigen Täter aus Freiburg, begutachtet, und es wäre keine Überraschung, wenn er auch Abdul D. aus Kandel untersuchen würde, denn er gilt als einer der erfahrensten Mediziner auf diesem Feld. Er hat das Alter unzähliger Menschen korrigiert, meist nach oben, fast nie nach unten.

"Mehr als 99 Prozent Wahrscheinlichkeit wird man nie erreichen."

Er röntgt dafür die Knochen der Hand, und nur falls das Ergebnis nicht eindeutige Schlüsse zulässt, fertigt er eine Computertomografie des Schlüsselbeins. Je weiter sich die Wachstumsfugen geschlossen haben, desto älter der Mensch, wobei Schmeling immer auch prüfen muss, ob es Fehlerquellen gibt, zum Beispiel eine Hormonstörung, die die Knochenentwicklung verändert. Noch mehr Sicherheit gewinnt er dadurch, dass er auch den Kiefer röntgt, um das Wachstum der Weisheitszähne zu kontrollieren. Jeder Flüchtling hat das Recht, die Röntgenuntersuchung abzulehnen. Dann bleibt den Behörden nur der Augenschein.

Die Untersuchungen kosten je nach Institut um die 1500 Euro. Am Ende nennt Schmeling zwei Zahlen: das Mindestalter des Menschen. Und sein wahrscheinliches Alter.

Der mutmaßliche Pirat Ahmed war laut Schmelings Analyse mindestens 17,3 Jahre, wahrscheinlich aber 19 Jahre alt. Ein niederschmetterndes Ergebnis für Staatsanwalt Jörg Schröder. Denn weil die Tat fünf Jahre zurücklag, konnte nicht ausgeschlossen werden, dass Ahmed erst 12 Jahre alt war, als er die Folter befahl. Ein Haftrichter ließ ihn umgehend frei, weil in Deutschland unter 14-Jährige nicht strafmündig sind. Keiner der Zeugen kann sich vorstellen, dass Ahmed bei der Entführung des Frachters noch ein Kind war, aber Schmelings Urteil hat Gewicht. "Es ist nun mal das Mindestalter", sagt er. "Ich will keineswegs ausschließen, dass er älter ist. Im Gegenteil: Wahrscheinlich ist er es."

Staatsanwalt Schröder war frustriert, genau wie die Ermittler im Landeskriminalamt. Soll es das gewesen sein? Sie recherchierten, lasen von Fehlerwahrscheinlichkeiten und neuen Methoden. So stießen sie auf Steve Horvath.

"Aus wissenschaftlicher Sicht ist meine Methode im Fall des jungen Somali anwendbar", sagt er. Man brauche dazu idealerweise zwar DNA-Proben anderer junger Afrikaner aus der Region, deren Alter bekannt ist, um so eine Kontrollgruppe zu erfassen, aber die Analysen seien für ein Labor Routinearbeit. "Die meisten Wissenschaftler würden mir zustimmen, dass die epigenetische Uhr einer Röntgen-Analyse haushoch überlegen ist. Und je jünger der Mensch, desto genauer die Methode." Nur eines gelte immer, sagt Horvath: "Mehr als 99 Prozent Wahrscheinlichkeit wird man nie erreichen." Auch er könne am Ende nur ein Altersintervall nennen.

"Es ist, als würde die DNA im Laufe des Lebens rosten"

Rechtsmediziner Schmeling aus Münster bezeichnet Horvaths Uhr als "große Hoffnung". Viele Ärzte, nicht Schmeling selbst, kritisieren das Röntgen wegen der Strahlenbelastung, zum Beispiel der Chef der Bundesärztekammer, Ulrich Montgomery, selbst Radiologe. "Ich halte das Röntgen zur Altersfeststellung für Körperverletzung."

Horvaths Uhr bringt jedoch ein anderes Problem mit sich: Für sie braucht man eine DNA-Probe. Denn Horvath nimmt Hunderte Stellen im Erbgut ins Visier. An ihnen können die Genbausteine altersbedingt eine chemische Veränderung aufweisen – Horvath prüft diese sogenannte Methylierung. "Es ist, als würde die DNA im Laufe des Lebens rosten", sagt er. Von diesem Rost kann er das biologische Alter des Menschen ableiten. Es entspricht nicht exakt dem rechnerischen Alter, das sich aus der Geburtsurkunde ergibt, doch die Abweichungen davon sind nur gering – vor allem bei jüngeren Menschen.

Datenschützer dürften wenig erfreut sein, wenn die Suche nach dem Alter so tief ins Innerste des Menschen reicht. Es brauchte Garantien, dass die Proben weder gespeichert noch für andere Zwecke verwendet werden. Und könnte man diesen Garantien trauen?

Laut Sozialgesetzbuch, das die juristischen Regeln für die Altersfeststellung bei jungen Flüchtlingen enthält, sind "ärztliche Untersuchungen" zulässig. Auf dieser Grundlage hat der Landkreis Hildesheim vor einigen Monaten Horvaths Methode zum ersten Mal eingesetzt: Anlass war der Flüchtling G., dem man nicht glaubte, dass er minderjährig sei. Man schickte G.s Blutprobe in das Labor der Zymo Research Corporation nach Kalifornien. Das Ergebnis: Mit 99,999 Prozent Wahrscheinlichkeit sei G. älter, als er sagt. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent sei er zwischen 26,4 und 29 Jahren alt.

Ein Fall für den Datenschutz

Das Verfahren sei "kostenintensiv" gewesen, teilt der Landkreis mit – für Horvath keine Überraschung. Doch wenn es erst einmal etabliert sei, sagt er, sinke der Aufwand, zumal auch deutsche Labore den Test durchführen könnten. Noch sei in Hildesheim keine Entscheidung darüber getroffen, ob man die Methode häufiger einsetzen werde, sagt der Pressesprecher.

Vom mutmaßlichen Piraten Ahmed wurde bis heute keine Probe analysiert, er ist ein freier Mann, lebt wohl in Niedersachsen. Denn Staatsanwalt Schröder stellte fest, dass die Strafprozessordnung engere Grenzen setzt als das Sozialrecht. Sie erlaubt die Auswertung von DNA für diesen Zweck nicht. Schröder hat nun eine Gesetzesinitiative gestartet. Er will erreichen, dass die Strafprozessordnung gelockert wird. Er ist nicht der Einzige. Auch die Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg arbeiten daran.

Der Vizepräsident des Landeskriminalamts Baden-Württemberg, Andreas Stenger, der bislang das Kriminaltechnische Institut des LKA leitete, gehört zu jenen, die Horvaths Methode herbeisehnen – zumindest bei schweren Verbrechen. Stenger wünscht sich, dass die DANN-Analysen schon vor einer Festnahme helfen. "Wenn Ermittler an einem Tatort eine DNA-Spur finden", sagt er, "könnten sie das Alter des Gesuchten eingrenzen, und wir müssten nicht mehr jeden als Täter in Betracht ziehen." Mit anderen Analysen könnten aus der DNA auch Augen-, Haar- und Hautfarbe bestimmt werden. Der Antrag, die Strafprozessordnung dafür zu öffnen, liegt zurzeit im Rechtsund Innenausschuss des Bundesrats.

Es ist die letzte Hoffnung für den Staatsanwalt Jörg Schröder, den Piraten Ahmed doch noch anklagen zu können.

Der Artikel über Altersbestimmung per Genanalyse ist dem neuen stern entnommen: